Doch, es gibt uns, die ÜbersetzerInnen – von Christel Hildebrandt

© pixabay – Anemone123

Interessiert lese ich in der taz eine Rezension zum neuesten Buch von Houellebecq. Sehr zwiespältig, ist es nun große Kunst oder eher männliche Nabelschau? Egal, bin neugierig, wer das übersetzt hat, ein Mann oder eine Frau. Aber leider sieht es mal wieder so aus, als hätte der kongeniale Autor seinen Text auf Deutsch verfasst.
Grrrh.
Also schreibe ich an die Kulturredaktion, beschwere mich. Denn das geht immer viel einfacher, wenn es mich nicht selbst betrifft, so bin ich keine beleidigte Leberwurst, sondern nur eine empörte Leserin.
Zunächst nur die automatische Antwort: Vielen Dank, wird weitergeleitet.

Dann zwei oder drei Tage später das gleiche Spielchen: Ein neues Buch von Valerie Despentes, und hier kenne ich die Übersetzerin, also freue ich mich besonders, dass es in der taz besprochen wird, doch – ihr ahnt es schon – von Übersetzernamen keine Spur.

Inzwischen sind andere Kolleginnen alarmiert, beschweren sich, aber nichts passiert.
Also schreibe ich noch einmal, dieses Mal in Versform, vielleicht sticht das ja aus dem ich weiß ja nicht wie großen Wust der Leserbriefe hervor.
Und richtig. Zunächst bekomme ich eine Antwort von dem Verfasser der ersten Buchbesprechung, er erklärt mir, warum er den Übersetzernamen nicht genannt hat – es sei ja gar keine richtige Rezension gewesen – und er habe auch nicht den Verlag genannt. Nun ja, zufrieden macht diese Erklärung nicht.

Aber dann bekomme ich noch eine nette Nachricht, adressiert an Herrn Hildebrandt, dass mein Gedicht eingegangen sei und man darauf reagieren werde. Als ich zurückschreibe, dass ich immer noch eine Frau bin, bekomme ich die wunderbare Antwort, dass an diesem Tag nicht nur die Identitären der taz mal ihre Meinung sagen wollten, sondern auch noch ein Chlorgasalarm in der benachbarten Schule war, da kann frau mal mit dem Geschlecht durcheinanderkommen, das verstehe und verzeihe ich meiner Lieblingszeitung natürlich.

Und als ich es nicht mehr erwarte, steht tatsächlich nicht nur eine „Berichtigung“ in der Zeitung, (die leider zwei Wochen später noch einmal wiederholt werden muss, ihr ahnt es, wieder wurde der Übersetzername vergessen, aber dieses Mal anscheinend gleich intern darauf reagiert), nein als „Brief des Tages“ prangt da mein Werk, mein Gedicht an die übersehenen ÜbersetzerInnen:

Es ist ein altes Leiden
und ist doch immer neu,
den Namen zu vermeiden,
bleibt sich der Schreiber treu.

In höchsten Tönen lobt er/sie das Buch, wie wunderbar
und wer es hat geschrieben, ist allen sonnenklar.
Autor/Autorin fanden so manch geschliffen Wort,
doch fanden sie es leider nur an dem fremden Ort.

Ob Hollebecq oder Despentes, ihr Französisch ist brillant,
doch hier leider unverständlich, ist das nicht allbekannt?
Warum also verschweigen, wer die deutschen Floskeln fand?
Es sind die Übersetzer, denen wird nur schlecht gedankt.

Gerade unsere taz, ja, sie enttäuschte uns gar sehr
Hier muss nicht nur Berichtigung, nein, hier muss in Zukunft
Besserung her!

Geht doch!

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

3 Gedanken zu „Doch, es gibt uns, die ÜbersetzerInnen – von Christel Hildebrandt

  1. …das gleiche Problem haben die ebenso starken und tragenden Synchronschauspieler*innen… Zum Glück ändert sich das gerade und immer öfter sind (zumindest in Dokumentationen) die Einträge „Sprecher / Sprecherin“ im Abspann zu finden…
    Es wäre den Übersetzer*innen zu gönnen.

  2. Vielleicht sollten wir mal die schönsten Begründungen dafür sammeln, warum nicht erwähnt wurde, wer ein Buch übersetzt hat. Meine bisher: „Ich schreibe ja auch nicht dazu, wer das Cover entworfen hat.“ (Beleidigter Redakteur, darauf hingewiesen, daß keine Übersetzerin genannt war)

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