Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de Grafikdesign und Projektmanagement Mon, 02 Dec 2019 10:51:28 +0000 de-DE hourly 1 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wp-content/uploads/2016/05/cropped-favicon-32x32.jpg Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de 32 32 Eimar O’Duffy: King Goshawk und die Vögel, Kröner 2019 – Rezension https://www.schwarzaufweiss-internet.de/eimar-oduffy-king-goshawk-und-die-voegel-kroener-2019-rezension https://www.schwarzaufweiss-internet.de/eimar-oduffy-king-goshawk-und-die-voegel-kroener-2019-rezension#respond Tue, 12 Nov 2019 18:45:11 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6044 […]]]> Ich erfuhr, dass Gabriele Haefs vor gut zwei Jahren über Eimar O’Duffy und seine sich anbahnende Wiederentdeckung in einer irischen Zeitschrift las und darüber den Kröner Verlag informierte. Denn der Verlag hatte zuvor bereits zwei von Gabriele übersetzte Bücher von Michael Ó Cadhain in seiner Reihe „Moderne Klassiker bei Kröner“ veröffentlicht. Über „Grabgeflüster“ gibt es auf diesem Blog zu lesen, nicht jedoch über „Der Schlüssel“.

Im Oktober wurde ich mit dem frisch erschienenen Roman „King Goshawk und die Vögel“ überrascht, erhielt ihn von der Verlagslektorin Dr. Julia Aparicio Vogl im Auftrag von Gabriele mit dem Zusatz: „Über eine Besprechung würden wir uns freuen.“

Als Leseratte hatte ich natürlich noch ein anderes recht dickes Buch vor der Nase, war aber gleich wegen des Titels, der liebevollen Aufmachung und der interessanten Autorenbeschreibung voller Vorfreude auf die neue Lektüre: „Eimar Ultan O’Duffy (1893–1935) wurde in Dublin geboren und studierte in Dublin und Lancashire. Zunächst Mitstreiter, dann Kritiker der irischen Unabhängigkeitsbewegung, torpedierte er die Pläne für den Osteraufstand von 1916. 1925 ging O’Duffy nach England. Als Mann zwischen den Stühlen starb er 1935 in einem Vorort von London. Bezeichnet wird er als Missing Link zwischen Jonathan Swift (Gullivers Reisen) und Flann O’Brien (Auf Schwimmen-zwei-Vögel).“

Gabriele Haefs hat das Buch aus dem Englischen übersetzt und darüber hinaus zum Text einen segensreichen ausführlichen Anmerkungsapparat geschrieben! – Erstmals erschien „King Goshawk and the Birds“ 1926 bei Macmillan Company in London.

Die Geschichte zog mich sogleich auf ihren ersten Seiten in ihren Bann. Sie ist mitreißend und brachte mich mit ihren satirischen Überzeichnungen oft zum Lachen. – Andererseits stimmt sie sehr nachdenklich:
Es entstand vor meinem inneren Auge zunächst eine märchenhafte Welt, in der ein von einem Philosophen wiederbelebter Held der irischen Mythologie gegen den Tyrannen King Goshawk vorgehen soll, um den Menschen, die – wenn nicht herrschend, Staatsdiener oder Fabrikbesitzer – in der Mehrzahl ausgebeutet, angepasst und schweigend hinnehmend sind, das kostenlose Vergnügen an Vogelgesang wiederzubeschaffen. Um diesen Plot rankt sich in poetisch überspitzter Erzählweise eine wilde Abfolge von Begegnungen, Gesprächen, Kämpfen und Erkenntnissen …

In meinem Kopf ging es rund: Ist es doch ein Science Fiction, den ich lese? Nein, es ist als ob ich eine satirische Gegenwartsbeschreibung von Politik und Wirtschaft vor mir habe. Au weia, der Roman ist doch beinahe 100 Jahre alt. Leben wir immer noch in der Vergangenheit? Nein, wir erleben in einer globalisierten Welt eine nur technisch überholte Fortsetzung der alten Wirtschaftsstrukturen, wo über Privatisierung von Wasser und Patentierung von Pflanzen die Rede ist. Also, schon deshalb ist dieser köstliche Roman brandaktuell!

Ich bin begeistert von Eimar O’Duffy, diesem brillanten Denker und Geschichtenerzähler! Mehr zum Autor und zum Buch im Kröner Verlag.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

]]>
https://www.schwarzaufweiss-internet.de/eimar-oduffy-king-goshawk-und-die-voegel-kroener-2019-rezension/feed 0
Meine Abenteuer beim Übersetzen, 25: Ich habe Gedichte übersetzt! https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-25-ich-habe-gedichte-uebersetzt https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-25-ich-habe-gedichte-uebersetzt#respond Sat, 12 Oct 2019 12:36:51 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6014 […]]]> Und das tu ich selten. Ich meine jetzt nicht kleine Verse, die in einem Prosatext auftauchen und mitübersetzt werden müssen. Die sind dann aber von der poetisch ebenso wenig befähigten Verfasserin des Prosawerkes und von dieser Güte: „Die Zeit mit dir war viel zu kurz. Die Krankheit ist ein mieser Furz.“ Ich lege hier Wert auf die Feststellung, dass Versmaß, Reim und die Intention des Ausgangsverses perfekt beibehalten wurden, was nicht immer gelingt.

Das ist es eben gerade. Gedichte sind so schwierig, entweder reimen sie sich, dann dürfen sie aber in der Übersetzung nicht nach „Reim dich oder ich fress dich“ klingen. Oder sie sind in einem komplizierten Versmaß, haben einen zeilenübergreifenden Rhythmus, und zudem haben wir ja alle in der Schule gelernt, dass „der Dichter“ uns was sagen will und sich bei jedem Wort etwas denkt. Im Leben nach der Schule haben wir dann gelernt, dass das meiste, was wir in der Schule gelernt haben, kompletter Unsinn war, und dieses Wissen ist auch beim Gedichteübersetzen eine Hilfe.

Bergen 1768 – Foto © Commons Wikipedia

Hier geht es nun um Gedichte aus der Stadt Bergen. Bergen ist Norwegens zweitgrößte Stadt, liegt an der Westküste, schaut aufs offene Meer, war schon eine große Handelsmetropole, als die heutige Hauptstadt Oslo noch ein Kuhkaff war (so sieht es aus Bergenser Sicht aus). Mehrere Jahrhunderte lang haben sich die dortigen Kaufleute um Aufnahme in die Hanse beworben, kamen aber über den Bewerberstatus nie hinaus. 1392 segelte Klaus Störtebeker in den Hafen, ging mit seinen Likedeelern an Land, blieb ungefähr eine halbe Stunde und legte schnell vor der Abreise noch alles in Schutt und Asche. Warum, ist bis heute unbekannt. Unbekannt ist auch, warum die Leute in Bergen und um Bergen herum das R nicht rollen, wie in vielen anderen Gegenden Norwegens. Eine Behauptung ist, das hätten sie so von den norddeutschen Kaufleuten übernommen, aber in den niederdeutschen Dialekten wurde damals das R auch noch gerollt. Wir sehen, Bergen ist eine Stadt voller Geheimnisse.

Cecilie Løveid – Foto © privat

Und deshalb wird dort natürlich auch gedichtet. In Bergen lebt Cecilie Løveid, die Gedichte schreibt, Schauspiele, vor allem vielfach preisgekrönte Hörspiele … und auch Prosa, ein bisschen von ihr wurde auch übersetzt, viel zu wenig, das ist aber schon lange her, viel zu lange. Als Cecilie Løveid vor einigen Jahren fragte, ob ich ihr Gedicht „Strafe“ übersetzen könnte, wollte ich natürlich ausrufen: Nein! Das kann ich nicht! Poesie ist viel zu schwierig!, aber ich weiß nicht mal, ob ich das nicht zugeben wollte oder ob mich die Herausforderung reizte. Jedenfalls: Ich hab es versucht. Und alle waren zufrieden, vor allem die Dichterin.

Nun aber, weil Norwegen Gastland der Frankfurter Buchmesse ist und die Hauptstadt Oslo gewaltig wichtig tut, wollte Bergen klarstellen, dass sie auch noch da sind. Und deshalb gibt es zur Buchmesse ein Buch mit „12 literarischen Stimmen aus Bergen“. Das sind die Stimmen: Henning H. Bergsvåg, Carina Elisabeth Bedari, Tomas Espedal, Gunnhild Øyehaug, Frode Grytten, Fredrik Hagen, Cesilie Holck, Hildegunn Dale, Pedro Carmona-Alvarez, Katrine Heiberg, Siw-Anita Kirketeig, Yngve Pedersen, Erlend O. Nødtvedt und Cecilie Løveid (in der Reihenfolge ihres Auftretens), und nun fragte Cecilie Løveid, ob ich ihre Gedichte übersetzen wollte. Und ob ich wollte! Es geht vor allem darin um einen Umzug, man kann das auch alles im übertragenen Sinn und bildlich verstehen, muss aber nicht, und es gibt so grandiose Sätze wie: „Wir sind zu dem Punkt im Leben gekommen, wo wir es nicht mehr nötig haben, Schwimmfüße zu waschen, ehe wir sie einpacken.“ Es kommt auch ein Wichtel vor, der im Möbelwagen hockt, und hier geriet ich ins Nachdenken. Ist es ein Wichtel, ein Zwerg, ein Kobold, es gibt noch ungefähr ein Dutzend weiterer Möglichkeiten, bei Jacob Grimm sind sie alle aufgeführt und definiert, und als studierte Volkskundlerin legte ich Wert auf die korrekte Bezeichnung. Aber das hier ist Poesie, keine  Feldstudie. Und also ist es viel wichtiger, was sich die Autorin vorgestellt hat! Die Autorin kann ziemlich gut Deutsch und meinte, ob nicht Zwerg oder Schlumpf eine Möglichkeit seien. Ich beschrieb, was für Assoziationen sich mit Zwerg und Schlumpf verbinden und hatte meinen Auftritt als Wichtel-Advokatin. Es blieb beim Wichtel. Und Cecilie Løveid sagte: „Unglaublich, was alles in einem Wort liegen kann.“ Sie als gefeierte Poetin muß das schließlich wissen!

Das Wichtelgedicht steht im Buch. Und auch das Gedicht „Strafe“ (in dem es darum geht, welche Strafe für den Massenmörder Anders Bering Breivik wirklich angemessen wäre). Und bei den anderen, die für dieses Buch übersetzt haben, ist eine ganz neue Übersetzerin dabei: Pia Camphausen, und es freut mich wahnsinnig, unsere Namen gleich hintereinander zu lesen, weil wir nämlich verwandt sind, und so bleibt alles in der Familie.

Das Buch: Hinter dem Regen. 12 literarische Stimmen aus Bergen. Hrsg. von Bergen Kommune

Cecilie Løveid auf Deutsch: Sog oder das Meer unter den Brettern, Claassen Verlag, 1984
und: Dame mit Hermelin, Popa Verlag, 1986, beide übersetzt von Astrid Arz

 

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

]]>
https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-25-ich-habe-gedichte-uebersetzt/feed 0
Franz Grieser: „Nachhaltiges Leben bedeutet auch, verantwortungsvoll und achtsam mit mir selbst umzugehen“ – Interview von Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de/franz-grieser-nachhaltiges-leben-bedeutet-auch-verantwortungsvoll-und-achtsam-mit-mir-selbst-umzugehen-interview-von-evelyn-kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de/franz-grieser-nachhaltiges-leben-bedeutet-auch-verantwortungsvoll-und-achtsam-mit-mir-selbst-umzugehen-interview-von-evelyn-kuttig#respond Thu, 03 Oct 2019 21:33:58 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=5982 […]]]>
Franz Grieser – Foto © Christian Weber

Franz Grieser habe ich vor drei Jahren über gemeinsame Freunde kennengelernt, seither sind wir in Kontakt. Franz arbeitet als Buchautor, Journalist, Schreib-Coach und Gestalttherapeut.

Gerade ist sein neuestes Buch beim oekom Verlag erschienen: Meine Reise nach Utopia. Es ist als Journal gedacht, das die LeserInnen durch ein ganzes Jahr begleitet. Für jede Woche gibt es zwei Doppelseiten: Eine Doppelseite mit Anregungen für umweltbewusstes Verhalten; hinzu kommt einmal im Monat ein Impuls zur persönlichen Entwicklung. Plus eine Doppelseite mit viel Platz zum Reinschreiben oder Zeichnen, auf der man Reflexionen zu einem Thema, Erfahrungen und Notizen festhalten kann.

Das Erscheinen dieses Buchs trifft einerseits zusammen mit „Fridays for Future“ und den daraufhin noch unzulänglich gründenden Maßnahmen zum Klimaschutz seitens der Bundesregierung, andererseits mit dem Nachhaltigkeitsbestreben und der therapeutischen Praxis von Franz. Deshalb interessiert mich die Wechselbeziehung zwischen der Idee zum Buch und dem Prozess seiner Umsetzung.

Du hast das Buch ja zusammen mit Utopia.de geschrieben. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande? Und wie ist das abgelaufen?

Die ursprüngliche Idee – ein Journal mit Fokus auf Nachhaltigkeit – hatten der oekom Verlag und Utopia.de. Utopia hat mich Autor dazugeholt, die kannten mich, weil ich in den letzten Jahren öfter Beiträge für sie geschrieben bzw. redigiert hatte. In den Gesprächen mit dem Lektorat und Utopia habe ich dann das Thema „persönliches Wachstum“ als roten Faden durch das Journal vorgeschlagen und das Buchkonzept entsprechend erweitert.

Nachdem alle Seiten damit einverstanden waren, habe ich zusammen mit Utopia Nachhaltigkeitsbeiträge aus dem riesigen Fundus von Utopia ausgewählt. Die Utopia-Beiträge habe ich für das Buch, wo nötig, aktualisiert und überarbeitet. Parallel dazu habe ich die Wachstumsimpulse sowie die Texte für die Mitmachseiten geschrieben. Mitmachseiten sind die Journalseiten, auf denen die LeserInnen Reflexionen, Erfahrungen mit den Impulsen, Gedanken und mehr festhalten können.

Wieso verknüpfst du in dem Buch Nachhaltigkeit und persönliches Wachstum?

Das Thema des Buches ist nachhaltiges Leben. Und zwar ganzheitlich gedacht: Nachhaltiges Leben bedeutet zum einen, verantwortungsvoll und achtsam mit der Welt umzugehen, in der wir leben. Zum anderen bedeutet es, verantwortungsvoll und achtsam mit uns selbst umzugehen. Auf uns und unsere Bedürfnisse zu achten und diese in Einklang mit den Bedürfnissen unserer Umwelt zu leben. Für mich geht das eine nicht ohne das andere.

Was genau meinst du denn mit persönlichem Wachstum? Das klingt irgendwie auch nach Selbstoptimierung. Wie passt das zu nachhaltigem Leben?

Persönliche Weiterentwicklung bedeutet für mich nicht Selbstoptimierung. Ganz im Gegenteil: Ziel der Wachstumsimpulse in meinem Buch ist Selbstakzeptanz. Mich so sein lassen, wie ich bin, mich so akzeptieren, wie ich bin, mit meinen Stärken und Schwächen. Und genau dadurch wachsen, zu mir stehen, mit mir ins Reine kommen.

Auf dem Weg dahin geht es im Buch darum,

  • loszulassen, was mir nicht guttut;
  • zu erkennen, wie ich mich und meine Handlungsmöglichkeiten einschränke;
  • einschränkende Überzeugungen loszulassen und neue, stärkende Überzeugungen entwickeln;
  • meine Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen;
  • neue Gewohnheiten (Habits) entwickeln, die mich dabei unterstützen, im Alltag meinen Werten entsprechend zu handeln.

Du schlägst in dem Buch ganz viele Dinge vor, die man tun kann, um nachhaltiger zu leben. Lebst Du das alles selbst schon?

Nein, nicht alles. Das Journal ist auch nicht als Liste gedacht: „So wirst Du nachhaltig von A bis Z“. Und es ist auch nicht als Liste gedacht, die man komplett abarbeiten muss, um nachhaltig zu leben. Es sind Vorschläge, es sind Schritte hin zu einem nachhaltigeren Leben.

Bei mir konkret sieht es so aus, dass ich Schwierigkeiten habe, meinen Plastikverbrauch spürbar einzuschränken. Ich versuche, so weit es geht, Produkte zu kaufen, die nicht aus Plastik bestehen bzw. keine Plastikverpackung haben. Aber da gibt es einfach Grenzen in normalen Läden und auch in Bioläden: Kauf mal Kekse ein, die nicht verpackt sind, oder Eiscreme.

Auch beim Thema Minimalismus und Loslassen komme ich an meine Grenzen. Zumindest was Bücher und Musik-CDs anlangt. Die werden bei mir immer mehr statt weniger.

Dieses Buch gibt also eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen und seine Verbundenheit mit der Umwelt wieder und zeigt Wege auf, sich beim Ausprobieren des nachhaltigen Lebens ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln. – Danke für Deine Offenheit beim Blick auf Dich selbst, Franz! So kenne ich Dich: nichts beschönigend 😉

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

]]>
https://www.schwarzaufweiss-internet.de/franz-grieser-nachhaltiges-leben-bedeutet-auch-verantwortungsvoll-und-achtsam-mit-mir-selbst-umzugehen-interview-von-evelyn-kuttig/feed 0
Wie ich dazu kam, Regine Normanns Märchen ins Deutsche zu übersetzen https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-dazu-kam-regine-normanns-maerchen-ins-deutsche-zu-uebersetzen https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-dazu-kam-regine-normanns-maerchen-ins-deutsche-zu-uebersetzen#respond Wed, 11 Sep 2019 14:50:54 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=5928 […]]]> Als ich vor drei Jahren in einer Broschüre über die Vesterålen zum ersten Mal den Namen Regine Normann las, ahnte ich noch nicht nicht, wie sehr mich diese norwegische Schriftstellerin und ihr Heimatort einmal in ihren Bann ziehen würden …

Bø auf den Vesterålen: Blick vom Berg in der Nähe der Sinahula, in der Regine Normann ihre Manuskripte versteckte – Fotografin © Dörte Giebel
Regine Normann – Quelle © Rolf Normann Svendsen

Serine (Sina) Regine Normann (1867–1939) war die erste Frau aus Nordnorwegen, die als Schriftstellerin in ganz Norwegen Erfolge feierte. Sie wuchs in Bø auf den Vesterålen auf – und erfuhr am eigenen Leib, wie beschwerlich und entbehrungsreich das damalige Leben auf dieser abgelegenen Inselgruppe 300 Kilometer nördlich des Polarkreises war: Als Fünfjährige wurde sie nach dem Tod ihres Vaters zu entfernten Verwandten gegeben, weil die Mutter es allein nicht schaffen konnte, fünf Kinder durchzubringen. Wie sehr sie als Kind und Jugendliche darunter litt, dass sie keine Möglichkeit hatte, an Bücher heranzukommen, beschrieb sie viele Jahre später in einem Zeitungsartikel, den ich ins Deutsche übersetzt habe. Direkt nach ihrer Konfirmation begann Regine Normann, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, und verdingte sich als Kindermädchen beim Pastor. Mit 17 ging sie eine arrangierte Ehe mit einem 21 Jahre älteren Glöckner und Lehrer ein. Sie begann gegen den Willen ihres Ehemanns zu schreiben und versteckte ihre Manuskriptseiten in einer Berghöhle.

Mit Ende zwanzig brach Regine Normann endlich aus ihrer unglücklichen Ehe aus; ihr gelang in einer Nacht- und Nebelaktion die Flucht nach Kristiania (Oslo), wo sie eine Ausbildung als Lehrerin begann und anschließend – neben ihrer Schriftstellerei – bis zu ihrer Pensionierung als Lehrerin arbeitete. Um ihre Scheidung zu finanzieren, gab sie ihren ersten Roman heraus, und wurde damit landesweit bekannt. In den literarischen Kreisen der Hauptstadt war sie schnell gut vernetzt und pflegte unter anderem eine enge Freundschaft mit der Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset. Viele ihrer Bücher spielen in Nordnorwegen und setzen sich kritisch mit der Stellung der Frau in der damaligen Gesellschaft auseinander. Ihre beiden Märchenbücher sind in Norwegen bis heute mehrfach neu aufgelegt worden. In Deutschland blieb Regine Normann jedoch quasi unentdeckt, lediglich ihr Debütroman erschien damals auch auf Deutsch.

Am Grab von Regine Normann – Foto © Dörte Giebel

Seit drei Jahren reise ich mittlerweile auf den Spuren von Regine Normann durch Norwegen – nach Tromsø, wo ihr Privatarchiv aufbewahrt wird, nach Oslo in die Nationalbibliothek, um ihre Zeitungsartikel zu lesen und um an der Sofienberg Skole und ihrer Wohnung vorbeizugehen, nach Stensland an ihr Grab – und natürlich nach Bø auf den Vesterålen. Dort war ich inzwischen schon fünf Mal, sommers wie winters, und lasse mich jedes Mal wieder davon begeistern, wie sehr die Menschen in Bø „ihre“ Märchenerzählerin verehren. Im Museum des Ortes ist ein kompletter Raum mit Fotos und Texten von ihr hergerichtet. Die Höhle, in der sie damals ihre Manuskripte versteckte, ist heute nach ihr benannt.

Außerdem organisieren die Bøfjerdinger (so nennen sich die Menschen dort) jedes Jahr Ende Juli mit großem ehrenamtlichen Engagement die Reginedagan (Reginetage) – ein einwöchiges Festival mit Veranstaltungen für groß und klein. Im Mittelpunkt stehen dabei ihre Märchen, für die sie bis heute in Norwegen bekannt ist. Regine Normann erzählte nämlich ihren Schülern regelmäßig selbst erdachte Geschichten und feilte auf diese Weise über viele Jahrzehnte an ihren Kunstmärchen, bevor sie sie 1925 und 1926 in zwei Bänden veröffentlichte.

Nachdem mein Entschluss feststand, Regine Normann nach Deutschland zu holen, indem ich ihre wichtigsten Bücher ins Deutsche übersetze, begann ich, zweigleisig zu fahren: Zum einen bin ich – nach wie vor – auf der Suche nach einem Verlag für ihre sozialkritischen und stark autobiografisch geprägten Romane, die aus meiner Sicht bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Zum anderen habe ich jetzt einen ersten Schwung ihrer Märchen übersetzt und bei Books on Demand herausgegeben. Dafür musste ich niemanden um Erlaubnis fragen, denn Regine Normann ist schon vor über 70 Jahren gestorben, somit sind ihre Texte mittlerweile gemeinfrei. Es hat viel Freude bereitet, ihre Märchen zu übersetzen. Vor der Kulisse der typischen Landschaft Nordnorwegens bestehen Mädchen wie Jungen aufregende Abenteuer und bekommen dabei Unterstützung von sprechenden Tieren und Wesen aus der Zwischenwelt. Zusätzlich zu den acht Märchen enthält das Buch „Märchen aus dem Land der Mitternachtssonne“ auch noch ein ausführliches Nachwort von Liv Helene Willumsen, die über Regine Normanns Werk promovierte und eine Biografie über die Schriftstellerin geschrieben hat. Auf diese Weise bekommen alle deutschsprachigen Leserinnen und Leser erstmals einen Einblick in das Leben und das schriftstellerische Werk einer wirklich beeindruckenden Frau.

Zum Schluss noch ein Tipp für Oslo-Reisende: Seit zwei Jahren hängt an der Hauswand in der Stensgate 3 eines der bekannten blauen Schilder – zu Ehren von Regine Normann, die dort fast 30 Jahre lang gewohnt hat. Ja, so weit geht meine Begeisterung für diese Schriftstellerin, dass ich eigens eine Online-Spendenaktion ins Leben rief, um dieses Schild sowie ein weiteres in ihrem Geburtsort auf den Vesterålen zu finanzieren…

Enthüllung des blauen Schildes in Oslo im August 2017: Ich überreiche dem Bürgermeister von Bø, Sture Pedersen, einen Scheck für das zweite Gedenkschild auf den Vesterålen – Foto © Anne C. Eriksen

 

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

 

]]>
https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-dazu-kam-regine-normanns-maerchen-ins-deutsche-zu-uebersetzen/feed 0
Meine Abenteuer beim Übersetzen, 24: Wie ich einmal einen Bestseller nicht übersetzt habe! https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-24-wie-ich-einmal-einen-bestseller-nicht-uebersetzt-habe https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-24-wie-ich-einmal-einen-bestseller-nicht-uebersetzt-habe#comments Sun, 28 Jul 2019 20:10:27 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=5894 […]]]> Eine Frage kommt bei Lesungen unvermeidlich: „Wie kommen Sie denn an die Übersetzungen?“ Diese Frage wird hier und jetzt nicht beantwortet, denn es gibt so viele Möglichkeiten, „an eine Übersetzung zu kommen“, daß eine lange, verworrene Antwort nötig wäre. Und hier soll es ja um den nicht-übersetzten Bestseller gehen. Damit verhielt es sich so. Es ist vier Jahre her, da fragte ein Verlag, über den ich wirklich nur Gutes sagen kann, ob ich ein Buch übersetzen könnte. Sie hatten zwei norwegische Titel eingekauft, die sollten gleichzeitig erscheinen, müßten also gleichzeitig übersetzt werden, und ich sollte mir einen aussuchen.

Ich hatte beide nicht gelesen. Aber von Lajla Rolstad, die das eine Buch geschrieben hatte, hatte ich einen phantastischen Steam-Punk-Roman gelesen. Der Titel, übersetzt: „Der Nekronaut“, zeigt doch schon, daß es große Lektüre war. Leider fand sich kein deutscher Verlag für dieses Meisterinnenwerk, was ich absolut nicht begreifen konnte. Es stellte sich dann heraus, daß das norwegische Publikum so gar keinen Sinn für Steampunk hat, deshalb hatte ihr dortiger Verlag die arme Lajla Rostad gebeten, doch lieber etwas anderes zu schreiben. Um dieses „andere“ ging es also. Aber ich dachte, ist bestimmt auch gut, eine Frau, die den „Nekronaut“ geschrieben hat, schreibt kein schlechtes Buch. Das andere Buch, wie gesagt, kannte ich nicht, nie von dessen Autorin gehört.

Lajla Rolstad – © btb-Verlag

Und dann kam noch eine Mail von einer norwegischen Bekannten. Ihr Freundin Lajla Rolstad habe ein Buch geschrieben, das einen deutschen Verlag gefunden habe, und sie würde sich so freuen, wenn ich übersetzte.

Jack London – © Wikipedia Commons

Kurzum, gab es einen Grund, da ich mir schon eins aussuchen mußte, nicht das Buch von Lajla Rolstad zu nehmen? Es ist auch wunderbar. Es handelt von einer Autorin, die einen Steampunk-Roman geschrieben hat, und deren Verlag sie bittet, doch mal was leichter Verkäufliches zu schreiben. Sie findet dann einen Job in Kanada, soll auf einer abgelegenen Insel einhüten, und obwohl ihr zugesagt worden ist, daß sie dort nicht allein sein würde, haben sich die anderen alle abgesetzt. Da sitzt sie dann und kommt auf den Geschmack und erforscht die Wildnis, lernt seltsame, spannende und total langweilige Leute kennen (von der Sorte, wie wir sie an jeder Bushaltestelle treffen und nicht gerade in einem Reservat im Wilden Westen erwarten …), es ist die perfekte Lektüre für alle, für die Jack London der erste bewußt wahrgenommene Autor war, und also, es war ein Vergnügen, dieses Buch zu übersetzen.

Dann war die Übersetzung fertig, und es passierte – nichts. Bestimmt hatte der Verlag gute Gründe, es erst mal liegen zu lassen, und irgendwann hatte ich die Hoffnung aufgegeben, je das fertige Buch in der Hand zu halten.

Aber 2019 ist Norwegen Gastland der Frankfurter Buchmesse, es gibt wunderbar viele Bücher aus Norwegen, und die Verlagsentscheidung erweist sich als klug und umsichtig. Denn Lajla Rolstad teilt mit, voller Freude, weil sie bald ihr übersetztes Buch in der Hand halten kann, daß sie zwei neue Bücher fast fertig hat. Nämlich eine Fortsetzung ihres Kanadabuches „Wolfsinsel“ (ihr seht schon, Jack London!), und einen zweiten Steam-Punkroman, denn der unvergessene „ Nekronaut“ war als Trilogie gedacht. (Lajla Rostad hat ihre Examensarbeit im Fach Literaturwissenschaft über Bram Stoker geschrieben, da weiß sie doch, was sie tut!)

Und wenn sich also die „Wolfsinsel“ so gut verkauft, wie sie das verdient hat, muß der Verlag doch weitermachen und mich mehr von dieser wunderbaren Autorin übersetzen lassen.

Das ist das Buch: Lajla Rolstad: Wolfsinsel. btb Verlag, 288 S., 10 Euro

Das andere Buch aber, das ich nicht übersetzt habe, weil ich mich ja entscheiden mußte, erschien genau zu dem ursprünglich geplanten Zeitpunkt. Ihr kennt es alle: Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

]]>
https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-24-wie-ich-einmal-einen-bestseller-nicht-uebersetzt-habe/feed 3