Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de Grafikdesign und Projektmanagement Thu, 19 Dec 2019 15:57:36 +0000 de-DE hourly 1 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wp-content/uploads/2016/05/cropped-favicon-32x32.jpg Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de 32 32 Fast ein Märchen – von Christel Hildebrandt https://www.schwarzaufweiss-internet.de/fast-ein-maerchen-von-christel-hildebrandt https://www.schwarzaufweiss-internet.de/fast-ein-maerchen-von-christel-hildebrandt#respond Thu, 19 Dec 2019 11:32:55 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6102 […]]]> Es war einmal eine Übersetzerin, die erhielt die Information, ein von ihr aus dem Norwegischen übersetztes Buch erhalte einen Preis, einen ganz besonderen Preis, ausgelobt vom Deutschen Ärztinnenverband e.V. für ein Buch, das sich vorbildlich mit dem Thema Gesundheit befasst.

Große Freude, auch noch, als sie las, dass der Preis der Autorin, Gro Dahle, und dem Illustrator, Svein Nyhus, zugedacht war, schließlich sind Angehörige dieses Handwerks ja nicht gewohnt, mit Aufmerksamkeit überschüttet zu werden.

Da jedoch weder Autorin noch Illustrator zur Preisverleihung nach Erfurt reisen konnten, wurde die Übersetzerin vom Verlag dazu eingeladen, sozusagen als Stellvertreterin – auf Anregung der Autorin!

Gesagt, getan, auch wenn es ausgerechnet in der Buchmessenwoche stattfinden sollte, aber schließlich gibt es Züge, die von Frankfurt nach Erfurt fahren, und die Übersetzerin hatte sich schon überlegt, wie sie aus der Pressemitteilung des Verbands oder aus der Laudatio der Autorin zitieren könnte. Darin wurden jeweils die Qualität der Sprache, deren Sensibilität usw. gelobt.

Die Übersetzerin traf die Autorin auf der Messe, und da verkündete diese, dass sie und ihr Mann es äußerst ungerecht fanden, dass die Übersetzerin gar nichts von dem Preis hätte, deshalb hatten sie den Verlag gebeten, ihr doch die Hälfte von dem Preis abzugeben.

Der Preis „Silberne Feder“

Wieder große Freude und gleichzeitig das Grinsen eines kleinen Teufels im Bauch der Übersetzerin: Ja, die Autorin hatte erkannt und bedacht, welchen Anteil eine Übersetzung am Erfolg eines Buches hat …

Es war zwar keine stürmische finstere Nacht und keine Fahrt mit einer schaukelnden Postkutsche, dafür aber eine sich endlos dahinziehende, von Verspätungen gezeichnete Zugfahrt. So gelangten Verlagslektorin und Übersetzerin mit mehr als einer Stunde Verspätung ans Ziel, wo schnell ein Foto geschossen wurde, das der Preisverleihung, weil der Fotograf nach der offiziellen Zeremonie keine Zeit mehr hatte.

v.l.n.r.: Dr. med. Christiane Groß, Juryvorsitzende, Dr. med. Astrid Bühren, Laudatorin, Hon.-Prof. Dr. Maria Linsmann-Dege, die Übersetzerin Christel Hildebrandt, Andrea Naasan, Lektorin im NordSüd-Verlag – Foto © Carsten Fromm

Dann ging es zur echten Preisverleihung, die Übersetzerin las aus dem Buch „Böse Mann“, erschienen im NordSüd-Verlag, unterstützt von einer Kunsthistorikerin, dann wurden endlich die Preise verteilt.

Denn das war die märchenhafte Überraschung: Der Deutsche Ärztinnenverband hatte beschlossen, zwei Preise zu verteilen, zum einen an Autorin und Illustrator, zum anderen an die Übersetzerin, die somit nicht mehr Stellvertreterin war und zunächst einmal sprachlos und überrascht, nichts da mit ironischer Dankesrede, einfach nur froh und dankbar, dass der Ball, den die Autorin ins Rollen gebracht hatte, so elegant ins Tor geschossen worden war.

Und jetzt darf sie mit Fug und Recht behaupten, den Preis des Deutschen Ärztinnenverbandes, die Silberne Feder, zusammen mit Autorin und Illustrator erhalten zu haben.

Diese Feder hat einen Ehrenplatz bei mir bekommen.

Ein Beitrag von Christel Hildebrandt zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Gabriele Haefs: Ich schreibe über Weihnachtsbrauchtum https://www.schwarzaufweiss-internet.de/gabriele-haefs-ich-schreibe-ueber-weihnachtsbrauchtum https://www.schwarzaufweiss-internet.de/gabriele-haefs-ich-schreibe-ueber-weihnachtsbrauchtum#respond Sat, 14 Dec 2019 12:28:04 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6080 […]]]> Und nicht über irgendwelches, sondern über norwegisches. Eigentlich ist das für ein Buch bestimmt, das erst im nächsten Jahr erscheinen wird (darüber dann später mehr). Aber ich habe schon eine Kurzfassung meines Brauchtumstextes in „111 Gründe, Norwegen zu lieben“ veröffentlicht, und seither sind meine Forschungen weitergediehen. Hier also eine Mittelfassung mit den neuesten Entwicklungen. In Norwegen wird bekanntlich zur Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ ein stimmungsvolles Weihnachtslied gesungen. Später im norwegischen Text verzehrt dann der Hauswichtel seinen Weihnachtsbrei. Das ist wichtig, der Wichtel muss seinen Brei bekommen, will man nicht das Unglück geradezu heraufbeschwören. Die eigentlichen Weihnachtsfeiern – Geschenkeauspacken, Polonaise um den Weihnachtsbaum, Festmahl mit Weihnachtsbier – können erst danach beginnen.

Man sieht es dem Cover nicht an, aber in diesem Buch wird die Lage der Wichtel als neues ländliches Proletariat untersucht! – Foto: © Ena Forlag

Eigentlich haust der Wichtel in der Scheune, wo ihm dann auch der Brei hingestellt wird. Da auch in Norwegen ein Großteil der Bevölkerung scheunenlos in der Stadt wohnt, ist natürlich die Frage: Sind die Wichtel im Zuge der Landflucht mit in die Stadt gewandert, oder gibt es auf den verbleibenden Höfen ganze Wichtelscharen, die sich um den Brei schlagen müssen? Der Dichter Tor Åge Bringsværd hat eine weitere Theorie aufgestellt: Er schildert völlig erschöpfte Wichtel, die gar nicht mehr nachkommen, da in so schnellem Tempo Höfe zusammengelegt oder aufgelassen werden, und die als eine Art neues Landproletariat durch die Lande streifen und Tagelohn suchen. Aber das nur nebenbei, das ist kein erbauliches Weihnachtsthema.

Da also der Umfang der mutmaßlichen Wichtelpopulation in den Städten unbekannt ist, geht man auf Nummer sicher und der Wichtel bekommt seinen Weihnachtsbrei. Selbst gestandene Naturwissenschaftler, die das ganze Jahr hindurch über jede Art von Aberglauben erhaben sind, folgen diesem Brauch. Denn das, so beteuern sie auf die Fragen der erstaunten Gäste aus dem Ausland, sei ja gar kein Aberglaube, sondern Tatsache. Der Wichtel wartet auf seinen Brei, und man weiß nicht, was passiert, wenn er ihn nicht bekommt.

Es muss nicht immer Bier sein, ein wahrer Weihnachtswichtel nimmt auch Aquavit! – Illustration: Karl Uchermann

Ein Problem, dem sich offenbar noch niemand so richtig gewidmet hatte, tauchte in Anfragen an die norwegische Botschaft in Berlin auf. Beim urbanen Lebensstil, wo alles so schnell gehen muss, haben da wirklich alle Familien Zeit, für den Wichtel den vorschriftsgemäßen Brei zu kochen? Und wenn sie z.B. in einem Reihenhaus oder einem Block wohnen, wohin stellen sie den Brei, der ja in die Scheune gehört? Da diese Frage in Norwegen total unerforscht war, musste sich ein dazu abkommandierter Botschaftsrat eine Antwort ausdenken. Weihnachtsbrei, Weihnachtsbier, es geht um das Festmuster und ein Fall von Requisitenverschiebung macht sich in der Brauchtumsbeschreibung immer gut, muss er gedacht haben, und so lautete dann die Antwort: Nein, oft reicht die Zeit nicht zum Breikochen, so wenig, wie zum Brauen des althergebrachten Weihnachtsbieres. Deshalb wird der Familienvater ausgesandt, um für den Hauswichtel einen Sixpack Pils zu erstehen. Der Sixpack wird in die Garage gestellt und kann dort vom Wichtel abgeholt oder an Ort und Stelle konsumiert werden.

Was der Wichtel übriglässt, darf der Hausvater dann am nächsten Morgen austrinken.

Ein schöner, zeitgemäßer Brauch, finden Sie nicht? Diese Beschreibung geistert seit zwei Jahren durch die deutschsprachige Presse und wird damit langsam zur modernen Wandersage, aber, leider, glauben Sie kein Wort, es ist alles erfunden. Der wahre norwegische Wichtel bekommt zu Weihnachten Brei oder gar nichts!

Denn wenn er etwas anderes bekommt, geht es immer schief. Das berichtet ein in Norwegen in vielen Varianten verbreitetes Märchen:

Es war einmal ein Hofwichtel, mit dem die Bauersleute sehr zufrieden waren. Der Wichtel hütete die Tiere, vor allem die Pferde wurden vorbildlich versorgt. Wenn der Bauer mit der Arbeit fertig war, brauchte er sich nie mehr um die Pferde zu kümmern – das erledigte ja der Wichtel.

Der Bauer und die Bäuerin schätzten ihren hilfsbereiten Wichtel natürlich sehr und wollten ihm das auch zeigen. An Festtagen stellten sie ihm immer den feinsten Sahnebrei in die Scheune, und zu Heiligabend gab die Bäuerin einen ganz besonders dicken Klecks Butter hinein, so dass der Weihnachtsbrei richtig lecker und fett wurde.

Doch als sich das Weihnachtsfest wieder näherte, kamen Bauer und Bäuerin auf die Idee, dem Wichtel ein ganz besonderes Geschenk zu machen, weil er immer so tüchtig und hilfsbereit war. Die Bäuerin nähte ihm deshalb eine Hose aus allerfeinstem Leder und legte sie abends in der Scheune neben die Breischale.

Am Weihnachtsmorgen wütete ein Schneesturm, aber die Bauersleute fuhren trotzdem zur Kirche, wie der Brauch es verlangte. Bei ihrer Rückkehr spannten sie die Pferde auf dem Hofplatz aus, liefen dann aber eilig ins Trockene – der Wichtel würde schließlich den Rest erledigen

Als der Bauer nachmittags auf den Hofplatz trat, sah er zu seinem Schrecken, dass die Pferde noch immer nass und verfroren dort standen. Rasch brachte er sie in den Stall, nahm ihnen das Zaumzeug ab, rubbelte sie mit Stroh trocken, gab ihnen Futter und Wasser. Danach kletterte er zu dem Wichtel auf den Heuboden und verfluchte ihn auf ganz unweihnachtliche Weise, weil der Wichtel seine Arbeit nicht getan hatte. „Aber das konnte ich doch nicht“, verteidigte sich der Wichtel, „bei dem schrecklichen Schneesturm konnte ich nicht rausgehen. Dann wäre doch die feine Lederhose nassgeworden!“

Geschichtensammlung von der Übersetzerin aus dem Norwegischen Gabriele Haefs

 

 

 

 

„Nordlicht, Elch und Tannengrün“ enthält eine Version der Wichtellederhosengeschichte

Ein Beitrag von Gabriele Haefs zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

 

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Eimar O’Duffy: King Goshawk und die Vögel, Kröner 2019 – Rezension https://www.schwarzaufweiss-internet.de/eimar-oduffy-king-goshawk-und-die-voegel-kroener-2019-rezension https://www.schwarzaufweiss-internet.de/eimar-oduffy-king-goshawk-und-die-voegel-kroener-2019-rezension#respond Tue, 12 Nov 2019 18:45:11 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6044 […]]]> Ich erfuhr, dass Gabriele Haefs vor gut zwei Jahren über Eimar O’Duffy und seine sich anbahnende Wiederentdeckung in einer irischen Zeitschrift las und darüber den Kröner Verlag informierte. Denn der Verlag hatte zuvor bereits zwei von Gabriele übersetzte Bücher von Michael Ó Cadhain in seiner Reihe „Moderne Klassiker bei Kröner“ veröffentlicht. Über „Grabgeflüster“ gibt es auf diesem Blog zu lesen, nicht jedoch über „Der Schlüssel“.

Im Oktober wurde ich mit dem frisch erschienenen Roman „King Goshawk und die Vögel“ überrascht, erhielt ihn von der Verlagslektorin Dr. Julia Aparicio Vogl im Auftrag von Gabriele mit dem Zusatz: „Über eine Besprechung würden wir uns freuen.“

Als Leseratte hatte ich natürlich noch ein anderes recht dickes Buch vor der Nase, war aber gleich wegen des Titels, der liebevollen Aufmachung und der interessanten Autorenbeschreibung voller Vorfreude auf die neue Lektüre: „Eimar Ultan O’Duffy (1893–1935) wurde in Dublin geboren und studierte in Dublin und Lancashire. Zunächst Mitstreiter, dann Kritiker der irischen Unabhängigkeitsbewegung, torpedierte er die Pläne für den Osteraufstand von 1916. 1925 ging O’Duffy nach England. Als Mann zwischen den Stühlen starb er 1935 in einem Vorort von London. Bezeichnet wird er als Missing Link zwischen Jonathan Swift (Gullivers Reisen) und Flann O’Brien (Auf Schwimmen-zwei-Vögel).“

Gabriele Haefs hat das Buch aus dem Englischen übersetzt und darüber hinaus zum Text einen segensreichen ausführlichen Anmerkungsapparat geschrieben! – Erstmals erschien „King Goshawk and the Birds“ 1926 bei Macmillan Company in London.

Die Geschichte zog mich sogleich auf ihren ersten Seiten in ihren Bann. Sie ist mitreißend und brachte mich mit ihren satirischen Überzeichnungen oft zum Lachen. – Andererseits stimmt sie sehr nachdenklich:
Es entstand vor meinem inneren Auge zunächst eine märchenhafte Welt, in der ein von einem Philosophen wiederbelebter Held der irischen Mythologie gegen den Tyrannen King Goshawk vorgehen soll, um den Menschen, die – wenn nicht herrschend, Staatsdiener oder Fabrikbesitzer – in der Mehrzahl ausgebeutet, angepasst und schweigend hinnehmend sind, das kostenlose Vergnügen an Vogelgesang wiederzubeschaffen. Um diesen Plot rankt sich in poetisch überspitzter Erzählweise eine wilde Abfolge von Begegnungen, Gesprächen, Kämpfen und Erkenntnissen …

In meinem Kopf ging es rund: Ist es doch ein Science Fiction, den ich lese? Nein, es ist als ob ich eine satirische Gegenwartsbeschreibung von Politik und Wirtschaft vor mir habe. Au weia, der Roman ist doch beinahe 100 Jahre alt. Leben wir immer noch in der Vergangenheit? Nein, wir erleben in einer globalisierten Welt eine nur technisch überholte Fortsetzung der alten Wirtschaftsstrukturen, wo über Privatisierung von Wasser und Patentierung von Pflanzen die Rede ist. Also, schon deshalb ist dieser köstliche Roman brandaktuell!

Ich bin begeistert von Eimar O’Duffy, diesem brillanten Denker und Geschichtenerzähler! Mehr zum Autor und zum Buch im Kröner Verlag.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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Meine Abenteuer beim Übersetzen, 25: Ich habe Gedichte übersetzt! https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-25-ich-habe-gedichte-uebersetzt https://www.schwarzaufweiss-internet.de/meine-abenteuer-beim-uebersetzen-25-ich-habe-gedichte-uebersetzt#respond Sat, 12 Oct 2019 12:36:51 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6014 […]]]> Und das tu ich selten. Ich meine jetzt nicht kleine Verse, die in einem Prosatext auftauchen und mitübersetzt werden müssen. Die sind dann aber von der poetisch ebenso wenig befähigten Verfasserin des Prosawerkes und von dieser Güte: „Die Zeit mit dir war viel zu kurz. Die Krankheit ist ein mieser Furz.“ Ich lege hier Wert auf die Feststellung, dass Versmaß, Reim und die Intention des Ausgangsverses perfekt beibehalten wurden, was nicht immer gelingt.

Das ist es eben gerade. Gedichte sind so schwierig, entweder reimen sie sich, dann dürfen sie aber in der Übersetzung nicht nach „Reim dich oder ich fress dich“ klingen. Oder sie sind in einem komplizierten Versmaß, haben einen zeilenübergreifenden Rhythmus, und zudem haben wir ja alle in der Schule gelernt, dass „der Dichter“ uns was sagen will und sich bei jedem Wort etwas denkt. Im Leben nach der Schule haben wir dann gelernt, dass das meiste, was wir in der Schule gelernt haben, kompletter Unsinn war, und dieses Wissen ist auch beim Gedichteübersetzen eine Hilfe.

Bergen 1768 – Foto © Commons Wikipedia

Hier geht es nun um Gedichte aus der Stadt Bergen. Bergen ist Norwegens zweitgrößte Stadt, liegt an der Westküste, schaut aufs offene Meer, war schon eine große Handelsmetropole, als die heutige Hauptstadt Oslo noch ein Kuhkaff war (so sieht es aus Bergenser Sicht aus). Mehrere Jahrhunderte lang haben sich die dortigen Kaufleute um Aufnahme in die Hanse beworben, kamen aber über den Bewerberstatus nie hinaus. 1392 segelte Klaus Störtebeker in den Hafen, ging mit seinen Likedeelern an Land, blieb ungefähr eine halbe Stunde und legte schnell vor der Abreise noch alles in Schutt und Asche. Warum, ist bis heute unbekannt. Unbekannt ist auch, warum die Leute in Bergen und um Bergen herum das R nicht rollen, wie in vielen anderen Gegenden Norwegens. Eine Behauptung ist, das hätten sie so von den norddeutschen Kaufleuten übernommen, aber in den niederdeutschen Dialekten wurde damals das R auch noch gerollt. Wir sehen, Bergen ist eine Stadt voller Geheimnisse.

Cecilie Løveid – Foto © privat

Und deshalb wird dort natürlich auch gedichtet. In Bergen lebt Cecilie Løveid, die Gedichte schreibt, Schauspiele, vor allem vielfach preisgekrönte Hörspiele … und auch Prosa, ein bisschen von ihr wurde auch übersetzt, viel zu wenig, das ist aber schon lange her, viel zu lange. Als Cecilie Løveid vor einigen Jahren fragte, ob ich ihr Gedicht „Strafe“ übersetzen könnte, wollte ich natürlich ausrufen: Nein! Das kann ich nicht! Poesie ist viel zu schwierig!, aber ich weiß nicht mal, ob ich das nicht zugeben wollte oder ob mich die Herausforderung reizte. Jedenfalls: Ich hab es versucht. Und alle waren zufrieden, vor allem die Dichterin.

Nun aber, weil Norwegen Gastland der Frankfurter Buchmesse ist und die Hauptstadt Oslo gewaltig wichtig tut, wollte Bergen klarstellen, dass sie auch noch da sind. Und deshalb gibt es zur Buchmesse ein Buch mit „12 literarischen Stimmen aus Bergen“. Das sind die Stimmen: Henning H. Bergsvåg, Carina Elisabeth Bedari, Tomas Espedal, Gunnhild Øyehaug, Frode Grytten, Fredrik Hagen, Cesilie Holck, Hildegunn Dale, Pedro Carmona-Alvarez, Katrine Heiberg, Siw-Anita Kirketeig, Yngve Pedersen, Erlend O. Nødtvedt und Cecilie Løveid (in der Reihenfolge ihres Auftretens), und nun fragte Cecilie Løveid, ob ich ihre Gedichte übersetzen wollte. Und ob ich wollte! Es geht vor allem darin um einen Umzug, man kann das auch alles im übertragenen Sinn und bildlich verstehen, muss aber nicht, und es gibt so grandiose Sätze wie: „Wir sind zu dem Punkt im Leben gekommen, wo wir es nicht mehr nötig haben, Schwimmfüße zu waschen, ehe wir sie einpacken.“ Es kommt auch ein Wichtel vor, der im Möbelwagen hockt, und hier geriet ich ins Nachdenken. Ist es ein Wichtel, ein Zwerg, ein Kobold, es gibt noch ungefähr ein Dutzend weiterer Möglichkeiten, bei Jacob Grimm sind sie alle aufgeführt und definiert, und als studierte Volkskundlerin legte ich Wert auf die korrekte Bezeichnung. Aber das hier ist Poesie, keine  Feldstudie. Und also ist es viel wichtiger, was sich die Autorin vorgestellt hat! Die Autorin kann ziemlich gut Deutsch und meinte, ob nicht Zwerg oder Schlumpf eine Möglichkeit seien. Ich beschrieb, was für Assoziationen sich mit Zwerg und Schlumpf verbinden und hatte meinen Auftritt als Wichtel-Advokatin. Es blieb beim Wichtel. Und Cecilie Løveid sagte: „Unglaublich, was alles in einem Wort liegen kann.“ Sie als gefeierte Poetin muß das schließlich wissen!

Das Wichtelgedicht steht im Buch. Und auch das Gedicht „Strafe“ (in dem es darum geht, welche Strafe für den Massenmörder Anders Bering Breivik wirklich angemessen wäre). Und bei den anderen, die für dieses Buch übersetzt haben, ist eine ganz neue Übersetzerin dabei: Pia Camphausen, und es freut mich wahnsinnig, unsere Namen gleich hintereinander zu lesen, weil wir nämlich verwandt sind, und so bleibt alles in der Familie.

Das Buch: Hinter dem Regen. 12 literarische Stimmen aus Bergen. Hrsg. von Bergen Kommune

Cecilie Løveid auf Deutsch: Sog oder das Meer unter den Brettern, Claassen Verlag, 1984
und: Dame mit Hermelin, Popa Verlag, 1986, beide übersetzt von Astrid Arz

 

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Franz Grieser: „Nachhaltiges Leben bedeutet auch, verantwortungsvoll und achtsam mit mir selbst umzugehen“ – Interview von Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de/franz-grieser-nachhaltiges-leben-bedeutet-auch-verantwortungsvoll-und-achtsam-mit-mir-selbst-umzugehen-interview-von-evelyn-kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de/franz-grieser-nachhaltiges-leben-bedeutet-auch-verantwortungsvoll-und-achtsam-mit-mir-selbst-umzugehen-interview-von-evelyn-kuttig#respond Thu, 03 Oct 2019 21:33:58 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=5982 […]]]>
Franz Grieser – Foto © Christian Weber

Franz Grieser habe ich vor drei Jahren über gemeinsame Freunde kennengelernt, seither sind wir in Kontakt. Franz arbeitet als Buchautor, Journalist, Schreib-Coach und Gestalttherapeut.

Gerade ist sein neuestes Buch beim oekom Verlag erschienen: Meine Reise nach Utopia. Es ist als Journal gedacht, das die LeserInnen durch ein ganzes Jahr begleitet. Für jede Woche gibt es zwei Doppelseiten: Eine Doppelseite mit Anregungen für umweltbewusstes Verhalten; hinzu kommt einmal im Monat ein Impuls zur persönlichen Entwicklung. Plus eine Doppelseite mit viel Platz zum Reinschreiben oder Zeichnen, auf der man Reflexionen zu einem Thema, Erfahrungen und Notizen festhalten kann.

Das Erscheinen dieses Buchs trifft einerseits zusammen mit „Fridays for Future“ und den daraufhin noch unzulänglich gründenden Maßnahmen zum Klimaschutz seitens der Bundesregierung, andererseits mit dem Nachhaltigkeitsbestreben und der therapeutischen Praxis von Franz. Deshalb interessiert mich die Wechselbeziehung zwischen der Idee zum Buch und dem Prozess seiner Umsetzung.

Du hast das Buch ja zusammen mit Utopia.de geschrieben. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande? Und wie ist das abgelaufen?

Die ursprüngliche Idee – ein Journal mit Fokus auf Nachhaltigkeit – hatten der oekom Verlag und Utopia.de. Utopia hat mich Autor dazugeholt, die kannten mich, weil ich in den letzten Jahren öfter Beiträge für sie geschrieben bzw. redigiert hatte. In den Gesprächen mit dem Lektorat und Utopia habe ich dann das Thema „persönliches Wachstum“ als roten Faden durch das Journal vorgeschlagen und das Buchkonzept entsprechend erweitert.

Nachdem alle Seiten damit einverstanden waren, habe ich zusammen mit Utopia Nachhaltigkeitsbeiträge aus dem riesigen Fundus von Utopia ausgewählt. Die Utopia-Beiträge habe ich für das Buch, wo nötig, aktualisiert und überarbeitet. Parallel dazu habe ich die Wachstumsimpulse sowie die Texte für die Mitmachseiten geschrieben. Mitmachseiten sind die Journalseiten, auf denen die LeserInnen Reflexionen, Erfahrungen mit den Impulsen, Gedanken und mehr festhalten können.

Wieso verknüpfst du in dem Buch Nachhaltigkeit und persönliches Wachstum?

Das Thema des Buches ist nachhaltiges Leben. Und zwar ganzheitlich gedacht: Nachhaltiges Leben bedeutet zum einen, verantwortungsvoll und achtsam mit der Welt umzugehen, in der wir leben. Zum anderen bedeutet es, verantwortungsvoll und achtsam mit uns selbst umzugehen. Auf uns und unsere Bedürfnisse zu achten und diese in Einklang mit den Bedürfnissen unserer Umwelt zu leben. Für mich geht das eine nicht ohne das andere.

Was genau meinst du denn mit persönlichem Wachstum? Das klingt irgendwie auch nach Selbstoptimierung. Wie passt das zu nachhaltigem Leben?

Persönliche Weiterentwicklung bedeutet für mich nicht Selbstoptimierung. Ganz im Gegenteil: Ziel der Wachstumsimpulse in meinem Buch ist Selbstakzeptanz. Mich so sein lassen, wie ich bin, mich so akzeptieren, wie ich bin, mit meinen Stärken und Schwächen. Und genau dadurch wachsen, zu mir stehen, mit mir ins Reine kommen.

Auf dem Weg dahin geht es im Buch darum,

  • loszulassen, was mir nicht guttut;
  • zu erkennen, wie ich mich und meine Handlungsmöglichkeiten einschränke;
  • einschränkende Überzeugungen loszulassen und neue, stärkende Überzeugungen entwickeln;
  • meine Wünsche und Bedürfnisse ernst nehmen;
  • neue Gewohnheiten (Habits) entwickeln, die mich dabei unterstützen, im Alltag meinen Werten entsprechend zu handeln.

Du schlägst in dem Buch ganz viele Dinge vor, die man tun kann, um nachhaltiger zu leben. Lebst Du das alles selbst schon?

Nein, nicht alles. Das Journal ist auch nicht als Liste gedacht: „So wirst Du nachhaltig von A bis Z“. Und es ist auch nicht als Liste gedacht, die man komplett abarbeiten muss, um nachhaltig zu leben. Es sind Vorschläge, es sind Schritte hin zu einem nachhaltigeren Leben.

Bei mir konkret sieht es so aus, dass ich Schwierigkeiten habe, meinen Plastikverbrauch spürbar einzuschränken. Ich versuche, so weit es geht, Produkte zu kaufen, die nicht aus Plastik bestehen bzw. keine Plastikverpackung haben. Aber da gibt es einfach Grenzen in normalen Läden und auch in Bioläden: Kauf mal Kekse ein, die nicht verpackt sind, oder Eiscreme.

Auch beim Thema Minimalismus und Loslassen komme ich an meine Grenzen. Zumindest was Bücher und Musik-CDs anlangt. Die werden bei mir immer mehr statt weniger.

Dieses Buch gibt also eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen und seine Verbundenheit mit der Umwelt wieder und zeigt Wege auf, sich beim Ausprobieren des nachhaltigen Lebens ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln. – Danke für Deine Offenheit beim Blick auf Dich selbst, Franz! So kenne ich Dich: nichts beschönigend 😉

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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