Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de Grafikdesign und Projektmanagement Thu, 30 Jul 2020 17:04:43 +0000 de-DE hourly 1 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wp-content/uploads/2016/05/cropped-favicon-32x32.jpg Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig https://www.schwarzaufweiss-internet.de 32 32 Die New Yorker Tagebücher – von Stephanie Hanel https://www.schwarzaufweiss-internet.de/die-new-yorker-tagebuecher-von-stephanie-hanel https://www.schwarzaufweiss-internet.de/die-new-yorker-tagebuecher-von-stephanie-hanel#comments Wed, 29 Jul 2020 13:27:02 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6492 Weiterlesen »Die New Yorker Tagebücher – von Stephanie Hanel]]> Wie alles begann

Es war schon länger die Rede davon, dass mein Mann beruflich nach New York gehen könnte. Plötzlich nahmen die vagen Pläne Fahrt auf und es stand eine Entscheidung an. Ich war hin- und hergerissen, denn ich hatte einen gut angesehenen freien Job und mein Ehrenamt als BücherFrauen-Vorsitzende, gleichzeitig war der freie Job zwar sehr fordernd, doch dafür nicht angemessen bezahlt, und das Ehrenamt könnte im nächsten Jahr abgegeben werden. Und New York lockte. Eine Arbeit würde ich dort nicht einfach so finden, das war klar. Und erst einmal wäre es dann meine Aufgabe, der Tochter den Schulstart zu erleichtern und den Hund einzugewöhnen. Und sonst? In einem Gespräch mit meiner Tochter Paula entstand die Idee, dass ich Chronistin des Abenteuers werde könnte – und das Tagebuch-Projekt war geboren.

Wie es weiter ging

Wenn ich ganz ehrlich bin, verlockte mich an dem ganzen Plan zunächst die Aussicht, all den Ballast abzuwerfen, der sich typischerweise in einem Kinderhaushalt ansammelt. Vor allem, wenn die Eltern auch eher Sammler als Puristen sind. In unserem Fall waren auch noch Habseligkeiten anderer Menschen an uns hängengeblieben, und es wurde dringend Zeit für einen schlankeren Neustart. Unser Sohn wohnte schon nicht mehr bei uns – das Haus kam uns in jedem Fall zu groß vor ohne ihn. In der Zeit der Haushaltsauflösung und des Hausverkaufs entstand die erste Hälfte meines Buches „100 Tage hier & 100 Tage dort“. Für die letzten hundert Tage in der alten Heimat war das tägliche Tagebuchschreiben Fixpunkt im wirbelnden Chaos. Hilfreich um Abstand und Halt zu finden. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass funktionieren kann, was wir uns vorgenommen haben. Und warum es manchmal nötig ist, etwas vermeintlich Verrücktes zu tun. Und wie der Preis dafür aussieht. Ein Experiment am eigenen Leib also.

Was dann kam

Dann kam der Tag X und wir waren in New York – genauer gesagt in Park Slope in Brooklyn – gelandet und konnten es kaum fassen. Zwischen Heimweh-Tränen und Augenaufreißen bei all den Eindrücken, die uns fluteten, mussten wir so etwas wie einen neuen Alltag etablieren. Von der ersten Freude über neue Entdeckungen und den organisatorischen Hürden handeln also die zweiten hundert Tage. Parallel dazu entstand die Buchfassung, denn Lektorin Maren las schon mit, während ich noch schrieb. Zeichnerin Melanie war ebenfalls früh am Werk, Korrektorin Jana super schnell, Grafikerin Christine von Anfang an involviert. Wenn ich daran zurückdenke, erscheint es mir, als wäre das erste Buch wie von selbst entstanden! Familie und Freund*innen konnten fast aktuell teilhaben. Auch die regionale Presse back home interessierte sich für die „Auswanderungsgeschichte“. Alles geglückt also, und ich war froh, meine beiden Welten auf diese Weise miteinander verbunden zu haben.

Next steps

Wie so oft ist der zweite Schritt schwerer als der erste – ich machte Tagebuchpause und wusste noch nicht, wie es weitergehen soll. Nach zwei Monaten hielt ich es nicht mehr aus und startete von Neuem. Es war Winter, unsere in der Rückschau nicht nur deshalb härteste Zeit überhaupt: Jobprobleme, Zweifel, Konfrontation mit den politischen Geschehnissen im Land, kurz ‚das Ankommen ohne Adrenalin‘, wie Buchbloggerin Dagmar später dazu schreiben würde. Ich setzte also das Tagebuchprojekt fort, tat es aber zunächst nur für mich. Und ließ das Geschriebene den ganzen Sommer über liegen. Im Herbst las ich es mit neuem Mut und merkte, dass die „50 Tage in Brooklyn“ ihren ganz eigenen Charme haben – reduziert und sehr echt. Trotzdem fehlte mir noch etwas und Grafikerin Christine hatte die passende Idee: der deutschen eine englische Version zur Seite stellen und damit auch das Ankommen im neuen Sprachraum sichtbar machen. Sohn Nick übernahm begeistert den Übersetzungspart, in den gemeinsamen Weihnachtsferien in Woodbury (Connecticut) wurde letzte Hand angelegt und dann half uns Max, der in seiner Kindheit in Heidelberg lebte aber gebürtiger Amerikaner ist, den Feinschliff zu machen. Das entstandene schmale Bändchen weckt immer besondere Gefühle in mir, denn während der Abschlussarbeiten daran starb unsere treue Hündin Lissy. Das veränderte mein Leben komplett.

Und so …

… beginnt der dritte Band „Goodbye New York. Abschied von der neuen Heimat“ mit diesem Verlust und der Entscheidung, dass wir wieder nach Deutschland gehen werden. Es fiel uns nicht leicht, aber in der Rückschau war es das Richtige. Nach der besonders innigen letzten Zeit mit Lissy musste ich mich nun schrittweise an meine andere Freiheit gewöhnen. Und habe sie dann intensiv genutzt, um mir alles einzuverleiben, was ich so gerne mitnehmen wollte an Kunst- und Kulturgenuss, an kreativem Freiraum und Inspiration, von der ich beschlossen hatte, noch lange zehren zu wollen. Auch wenn in Deutschland erst einmal ganz ordentliche Herausforderungen und viel Fleißarbeit warten würden. Ehrensache, dass es wieder ein Tagebuch zu den letzten hundert Tagen in Brooklyn und den ersten hundert Tagen am neuen Standort in Heidelberg geben sollte! Das Abschiednehmen wurde mir tatsächlich zu einem Fest vielseitiger Eindrücke, und ich schrieb wie besessen, um möglichst viel festzuhalten. Aber es kam nie zu den hundert Tagen des Ankommens, ich schrieb bis Tag 30, unserem Einzug in der Bahnstadt, und musste dann feststellen, dass eine ganz andere Geschichte begonnen hatte. Über die ich vielleicht irgendwann einmal schreiben würde. Zunächst einmal wollte ich das New York ‚Kapitel‘ abschließen … doch auch da stellte sich bald heraus, dass ich zwar mein Tagebuchprojekt abschließen kann, aber New York und ich noch längst nicht miteinander fertig sind.

Wieder …

… kam ein März, und das neue Buch heraus! In die Freude über das abgeschlossene Projekt mischte sich von Anfang an die Sorge, und tatsächlich kam bald darauf der Corona-Lockdown. In New York ging gefühlt die Welt unter. Von da an begann jedes Gespräch mit dem Satz ‚wie gut, dass ihr rechtzeitig zurückgekommen seid‘, und irgendwie schien alles, was wir zu New York zu sagen hatten, komplett veraltet. Das Leben ging aber auch in New York weiter – trotz der dramatischen Geschehnisse und Zahlen war für die Meisten der Alltag in der Krise die Herausforderung. Da ich noch viele Newsletter bezog, konnte ich mitverfolgen, wie Buchhandlungen, Kulturinstitutionen und andere Einrichtungen eine Vielzahl an Ideen und Konzepten umsetzten, um der Krise zu begegnen. Auch die Nachrichten von Freund*innen und Bekannten waren erst einmal beruhigend. Mittlerweile öffnen auch dort die Geschäfte wieder und wir hören dort wie hier von Menschen, die ihr Leben umgestellt haben oder, gezwungen durch die Umstände, neue Wege suchen und finden.

Da waren doch noch …

… ja, die sogenannten Unruhen. Die so unfassbar überfälligen Black Lives Matter Demonstrationen! Ich habe mitgefiebert und gebangt und gehofft. Dass ‚die Polizei‘ in Amerika etwas ganz anderes ist als unserem Verständnis nach, wussten wir alle. Wie tief und flächendeckend falsch, wurde durch die Reaktionen auf die Demonstrationen überdeutlich.

Wie kann man in solchen Zeiten ‚harmlose‘ Tagebücher veröffentlichen? Ich denke, weil alles durchscheint. Weil die großen Probleme immer auch im Alltag präsent sind und dadurch vermittelt werden. Weil wir uns oft genug die Augen reiben und gerne sagen würden „oh, wo kommt das denn jetzt her“, wenn es ‚plötzlich‘ knallt, und wir uns doch eigentlich immer eingestehen müssen, dass alles schon da war und nur eine Frage der Zeit … In New York jedenfalls haben sich wieder einmal unfassbar viele engagierte Menschen auf die Suche gemacht und entdecken schwarze Kultur neu, setzen sich mit dem großen alten Konflikt auseinander, und wollen ihre Stadt zu einem besseren Ort machen. Und nein, nichts ist vergebens.

Stephanie Hanel – Foto © privat

Ausblick

Demnächst wird es eine Gesamtausgabe der New Yorker Tagebücher geben und sie wird auch meine „Briefe aus Brooklyn“ enthalten, die ich 2017/2018 für den Blog der BücherFrauen schrieb. Sie sollten erste Entdeckungen rund um Bücher und Buchmenschen transportieren und sie enden da, wo ich bald wieder ansetzen werden – bei inspirierenden Künstler*innen. Ich danke allen, die mich schon lesend begleitet haben, und freue mich über neugierige neue Leser*innen! Wenn mein Tagebuchprojekt dazu beitragen kann, Entdecker*innenfreude zu wecken, würde mich das sehr glücklich machen!

Mehr zur edition bilderbusch

Stephanie Hanel wurde in München geboren. Sie ist Politikwissenschaftlerin und veröffentlichte ihre Magisterarbeit zum Werk der Autorin Irmtraud Morgner. Sie ist für Verlage und andere Auftraggeber*innen als Redakteurin, Autorin und Texterin tätig. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in New York lebt und arbeitet sie seit Sommer 2019 in Heidelberg. Ihr erstes Kinderbuch „Eine Bärengeschichte“ erschien 2011 im Achter-Verlag. Es folgte „Linns Abenteuer“ und eine Trilogie im Tagebuchstil über ihre Zeit in New York – „100 Tage hier & 100 Tage dort“, „50 Tage in Brooklyn“ (zweisprachig) und „Goodbye New York, Abschied von der neuen Heimat“. Sie ist Mitglied der BücherFrauen Rhein-Neckar.

 

Ein Beitrag von Stephanie Hanel zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Digital IST real https://www.schwarzaufweiss-internet.de/digital-ist-real https://www.schwarzaufweiss-internet.de/digital-ist-real#respond Tue, 28 Jul 2020 16:06:24 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6473 Weiterlesen »Digital IST real]]> Danke an Evelyn Kuttig, dass ich hier als Gastautorin tätig werden darf. Als treue Followerin in Sachen #einRadfuerKai und #teamsutsche hatte sie mir schon einmal die Gelegenheit gegeben, die folgende Geschichte hier zu veröffentlichen, die ich nun aktualisiert habe:

Wenn jemand sagt, dass dieses Internet nichts mit dem „realen Leben“ zu tun hätte, dann erzähle ich gern folgende wahre Geschichte:

Zwei Lovestorms für Kai

Es dürfte wohl kaum einen Netzmenschen geben, der im Mai 2015 nichts von der Aktion #einBuchfuerKai mitbekommen hätte. Die Spendenkampagne von Johannes Korten zugunsten der Familie des Autors von „Willkommen im Meer“, Kai-Eric Fitzner, zog sogar Kreise über das Web hinaus in die Print- und Rundfunkmedien. Die Geschichte des Oldenburger Schriftstellers, der nach einem schweren Schlaganfall im Koma lag, gelangte auch zu mir. Und da ich die gleiche Grunderkrankung habe, die bei Kai zu dem Schlaganfall geführt hat, reihte ich mich in die Schar der Unterstützer ein. Als solcher bekam ich fortan Nachricht, wenn sich bei Kais Genesung etwas tat, erfuhr also von Aufwachen, Reha und den ersten mühsamen Schritten zurück in den Alltag.

Im Dezember 2016 schließlich erreichte mich die Frage, ob denn jemand wüsste, wie man über die Krankenkasse ein Spezialrad für Kai finanzieren könnte. Da das genau in die Expertise meines Mannes Thomas fällt, meldete ich mich. Leider musste Thomas berichten, dass so etwas nicht von der Krankenkasse unterstützt wird. Stattdessen kamen wir auf die Idee, es mit einem Crowdfunding zu versuchen. Anfang 2017 musste also zunächst einmal geklärt werden, wie und wo so ein Crowdfunding stattfinden sollte. Glücklicherweise konnte ich dafür einen ehemaligen Kunden, den Rollstuhl-Tischtennisspieler Holger Nikelis, mit ins Boot holen. Der mehrfache Paralympicsieger und Weltmeister hatte sich nach Beendigung seiner Sportlerkarriere mit sport grenzenlos, einer gemeinnnützigen GmbH, selbständig gemacht, die u.a. inklusive Sportprojekte fördert.

Kai und Annette beim Skypen

Digital kommunizieren

Während Holger sich nun also in Sachen Crowdfunding schlau machte, stellte ich fest, dass es in Kais Blog seit dem Schlaganfall keine Updates gegeben hatte.  Auf meine Frage, ob wir da nicht mal auf Stand kommen sollten, ließ Kai mir begeistert grünes Licht geben. So starteten die ersten direkten Facebook-Chats zwischen uns, denn Kai musste mir ja erst mal einen Zugang einrichten. Das Problem dabei: Kai hat durch den Schlaganfall Aphasie, eine Störung der Verarbeitung von Sprache. Das äußert sich darin, dass sowohl das Verstehen von Sprache als auch das Sprechen gestört sind, Lesen und Schreiben war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht möglich. Während ich also versuchte, meine Fragen möglichst einfach und kurz in Sprachnachrichten zu fassen, konnte Kai mir ausschließlich mit Emojis antworten.

Das reichte jedoch bald nicht mehr, also fingen wir Mitte Februar an zu skypen. Und da klickte es dann erst richtig zwischen uns. Obwohl ihn das sehr anstrengte und er sich nur stockend und stichwortartig am Gespräch beteiligen konnte, kamen wir vom Hölzchen aufs Stöckchen und setzen das von da an täglich fort.  In seinem Blog wurden die Leser derweil über seine ganze Geschichte von mir informiert und im März startete schließlich das Crowdfunding #einRadfuerKai, das in nur 50 Stunden die benötigte Summe erzielte, um Kai das Spezialrad zu finanzieren. Doch diesmal konnte Kai das live miterleben. Ein hochemotionales Erlebnis, das alle Beiteiligten schwer beeindruckt hat.

Kai mit seinem nagelneuen Liegefahrrad, das durch die Crowdfunding-Aktion #einRadfuerKai finanziert wurde.

Von digital zu analog

Nach dem Crowdfunding dokumentierte ich in seinem Blog weiter die Ankunft des Fahrrads und die weiteren Fortschritte von Kai, der nun auch anfing, allein mit dem Zug zu verreisen. Sein Ziel: Bonn, zu Annette und Thomas. Auch analog bestätigte sich sofort die Verbindung, die wir online schon gespürt hatten und #teamsutsche wurde geboren („sutsche“ ist friesisch und bedeutet soviel wie langsam, gemütlich, immer mit der Ruhe).

Da Kai sein Rad nicht mitbringen konnte, gingen wir eben soweit möglich am Rhein spazieren. Ich hatte kurz zuvor erst eine Medikamentenumstellung überstanden, durch die ich nun nach Jahren, in denen ich mich überhaupt nicht anstrengen konnte, wieder erste Schritte nach draußen machen konnte. Kai wiederum ist durch die schlaganfallbedingte halbseitige Lähmung im Gehen eingeschränkt. So zuckelten wir also ganz sutsche zusammen los, genossen die Frühlingssonne und lange Gespräche, bei denen Kai sich immer besser einbringen konnte. Denn unser Skypen, so sagte seine Logopädin, habe bei ihm Schleusen geöffnet. Kai hingegen nannte mich „Katalysator“, was auch eines der ersten langen Worte war, die er korrekt aussprechen konnte. 

#teamsutsche: Annette, Thomas und Kai bei Kais erstem Besuch in Bonn

Mehr analog und weiter digital

Nach seinem ersten, viel zu kurzen Besuch war klar, dass es das nicht gewesen sein konnte. Zu viele Ideen, was wir noch alles machen könnten, waren angestoßen worden, und so eng war das Verhältnis zwischen Kai, meinem Mann Thomas und mir bereits geworden. Thomas ist durch eine Tetraplegie ebenfalls in seiner Beweglichkeit eingeschränkt und kann vieles nur mit einer Hand machen, weil er sich mit der anderen am Rollstuhl festhalten muss. Dadurch konnte er Kai Tipps geben, wie er auch mit einer halbseitigen Lähmung, also nur mit einer Hand, z.B. wieder kochen kann. Die beiden verstanden sich ebenfalls auf Anhieb und so war klar, dass Kai bald wiederkommen musste.

Unterdessen skypten wir täglich weiter und begleiteten einander auch in schwierigen Situationen. Bei Kais zweitem Besuch machten wir eine Fotosession, die uns beiden helfen sollte, den alten und den neuen Kai zu erkennen, und ich erhielt Zugang zu ersten Fitznerschen Manuskripten, die noch auf Fertigstellung warten. Kais dritter Besuch erfolgte direkt nach Erhalt des Vorabexemplars seines zweiten Romans „Krumme Dinger“, den der Verlag aus einem von Kais Manuskripten zusammengestellt hat. Da Kai zu diesem Zeitpunkt noch arge Schwierigkeiten mit dem Lesen hatte, brachte er das Vorabexemplar zu uns, und wir lasen es ihm vor.  Kurz vor Kais geplantem vierten Besuch stürzte er und brach sich den Oberarmknochen. Aber auch das hielt ihn nicht davon ab, direkt nach dem Krankenhaus zu uns zu kommen, wo wir uns gemeinsam um seine Genesung kümmerten und uns selbst in vier Wochen engster WG nicht ein einziges Mal ernsthaft in die Haare kriegten. Dazwischen immer wieder kleine und große Fortschritte, die gebührend gefeiert wurden.

Annette und Kai mit dem Vorabexemplar von „Krumme Dinger“

Gescheitert…?

Durch all diese Erlebnisse waren wir einander sehr schnell sehr nahe gekommen. Wir besuchten einander sehr oft, fuhren sogar zusammen in Urlaub nach Paris. Es ist schwer, in Worte zu fassen, was da mit uns passierte:  Wir waren mehr als Freunde, fast schon Familie. Beinah wären Thomas und ich sogar nach Oldenburg gezogen, was jedoch im letzten Moment scheiterte. (Auch wenn es zu dem Zeitpunkt eine große Enttäuschung war, so entpuppte es sich schließlich als Glück, denn unser Umzug wäre sonst mitten in die Corona-Pandemie gefallen.)

Was Anfang 2019 ebenfalls scheiterte, war unsere Freundschaft mit Kai, der in Oldenburg an jemanden geraten war, der ihn sukzessive von seinem kompletten Leben abzuschneiden versuchte. Er meldete sich von seinen Profilen in Social Media ab, entließ mich als Chronistin aus seinem Blog und war generell nicht mehr wiederzuerkennen. Als er schließlich selbst merkte, was da mit ihm geschah, war es schon zu spät: Wir und auch viele seiner Freunde vor Ort hatten den Kontakt mit ihm abgebrochen.

Kai ist nach wie vor mit seinem Liegefahrrad in Oldenburg unterwegs.

Digitaler Neuanfang

Erst ein dreiviertel Jahr später, nachdem er langsam wieder in sozialen Netzwerken aktiv wurde, begann eine vorsichtige Wiederannäherung mit uns. Mit dem Sprechen und Verstehen hatte Kai etwas Fortschritte gemacht. So konnte er uns erklären, was mit ihm geschehen war: Nach einem Schlaganfall erwacht man quasi im Zustand eines Neugeborenen und muss noch einmal neu erwachsen werden. Allerdings in wesentlich kürzerer Zeit als normalerweise. Dabei gehen alte Bindungen oft kaputt, während neue sehr schnell sehr eng werden können und von großer Abhängigkeit geprägt sind. So auch bei uns. Was wir mit ihm erlebt hatten, könnte vielleicht mit Pubertät und heftigem Abnabeln verglichen werden. Erst später, als neuer Erwachsener, konnte die Verbindung wieder geknüpft werden.

Mit dem Lesen und Schreiben klappt es mittlerweile zwar besser, aber noch nicht gut genug, um selbst Texte zu verfassen. Also arbeitet Kai zunächst seine alten, noch unveröffentlichten Manuskripte ab. Das erste davon hat er im November 2019 selbst auf amazon veröffentlicht: Es ist der Anfang der Pentalogie „Der Seelensammler“ mit dem Titel „Tränen eines Gottes“. Die weiteren vier Bände der Fantasy-Reihe muss Kai nach und nach bearbeiten. Uns treffen konnten wir dank Corona bisher nicht, aber wir skypen zwei-dreimal im Monat und sind via Social Media und Whatsapp in Kontakt. In Kais Blog bin ich wieder als Chronistin tätig und werde so seinen Weg weiter begleiten.

Wir haben schon viel miteinander erlebt und voneinander gelernt. Das analoge Treffen kommt sicher auch wieder, sobald die Pandemie uns nicht mehr davon abhält. Inzwischen bleiben wir digital real.

Kai-Eric Fitzners bisherige Bücher (siehe Buchseite seine Website)

Titelfoto: Benedikt Geyer
Fahrradfotos: Kai-Eric Fitzner

Sonstige Artikelfotos: Annette Schwindt

Ein Beitrag von Annette Schwindt zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Wie ich zum Buchthema EIGENSINN kam, 3: Wie aus der Buchidee eine Trilogie wird – von Maria Al-Mana https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-zum-buchthema-eigensinn-kam-3-wie-aus-der-buchidee-eine-trilogie-wird-von-maria-al-mana https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-zum-buchthema-eigensinn-kam-3-wie-aus-der-buchidee-eine-trilogie-wird-von-maria-al-mana#comments Fri, 03 Jul 2020 11:16:39 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6313 Weiterlesen »Wie ich zum Buchthema EIGENSINN kam, 3: Wie aus der Buchidee eine Trilogie wird – von Maria Al-Mana]]>

Maria Al-Mana – Foto: © privat

Ich habe mich mein ganzes Leben lang auf den Eigensinn zubewegt. Und hatte es kaum bemerkt. Man kann auch sagen: Erst, als ich wirklich „reif“ dafür war, konnte MEIN Thema – also der Eigensinn – mich finden, wie ich es in den vorhergehenden Teilen 1 und 2 schon beschrieben habe. So weit, so gut. Doch: Was kommt dann?! Wie setze ich das um, wie mache ich ein Buch daraus?!

Der ursprüngliche Plan war, mit einem Buch klarer zu machen, was ich alles anzubieten habe – als Texthandwerkerin, als Buchhebamme, als (Schreib-)Coach. Da wusste ich leider noch gar nicht, was mein Thema denn nun ist. Und dann kam es: ausgerechnet der Eigensinn?! Das, was viele Menschen für eine Beschimpfung halten?! Für egoistisch, ein bisschen verrückt, starrsinnig …

Doch es half nichts. Nachdem es mich erwischt hatte, nachdem klar war: Mein Thema hat mich gefunden, gab es schlicht kein Zurück mehr. Der Eigensinn ist und bleibt MEIN Thema.

Ein weiterer Punkt kam dazu: Ich habe Germanistik, Geschichte und Philosophie studiert. Keineswegs zufällig, sondern aus voller Überzeugung. Und ich halte das noch immer für eine ziemlich gute und spannende Kombination. Doch ich hatte mich damals schnell entmutigen lassen: Frauen im Universitätsbetrieb der 80er Jahre?! Vergiss es! Fachidiotentum einschließlich Fachidiotensprache waren noch nie mein Ding … Und so verlor sich im Lauf der Zeit vieles, was mich als Geisteswissenschaftlerin hätte erkennbar werden lassen. Ich wollte außerdem auch kein geisteswissenschaftlicher „Nerd“ sein. Erst mit dem Älterwerden merkte ich: „Doch, manchmal bin ich es. Und bin es gern. Das macht für mich sehr viel Sinn.“ Das war wichtig, denn auf einmal hatte ich (wieder) meinen vollen Zugang zu Literatur, Philosophie und Co. Ich las wie wild – rund 20 Bücher pro Woche. Verpasste den armen Büchern Eselsohren, kritzelte rein, baute eine riesige Zettelwirtschaft neben noch riesigeren Bücherbergen auf … Es hatte mich gepackt. Zum Glück zweifelte ich keine Sekunde lang daran, dass ich MEIN Thema gefunden hatte. Pech allerdings war: Das wuchs und wuchs …

Ich bin kein großer Fan von Ratgeberliteratur. Schon gleich gar nicht, wenn es um das Schreiben geht. Wunderbare und absolut notwendige Dinge wie beispielsweise das „Handbuch für Autorinnen und Autoren“ aus dem Uschtrin-Verlag natürlich ausgenommen … Meistens aber ist mir vor allem die Überzeugung wichtig, dass wir alle eine eigene Stimme haben. Der wir folgen sollten. Die wir oft erst noch entdecken müssen. Wozu wir uns selbst so gut wie möglich kennen sollten. Das ist und bleibt hoch individuell. Also müssen wir erst mal an den Punkt kommen, von dem aus wir sehen können: „Wie denke, wie ‚ticke‘ ich? Wie nehme ich die Welt wahr, wo liegt mein Fokus?“ Das alles wollte ich meine Leserinnen und Lesern von Anfang an vermitteln. Für mich war und ist das gleichbedeutend mit der Erkenntnis, was für ein wunderbares Instrument der Eigensinn – gern auch für das Schreiben – sein kann.

Schon hatte ich neben allen Notizen eine riesige Liste mit Fragen. Die immer länger wurde. Ich verteilte die Fragen auf farblich unterschiedlichem Papier. Half auch nichts. Ich wachte frühmorgens bereits mit neuen Fragen auf, verpasste fast zwei Termine, weil ich die Listen unbedingt noch ergänzen musste. Dann zog ich die Reißleine. Nur eine einzige Frage war noch zugelassen: „Was willst DU?!“ Besser: „Was will dein Eigensinn?“

Antwort: Ich will mit Menschen ins Gespräch kommen. In ein Gespräch über ihren Eigensinn. Und darüber, was sie mit ihm anfangen könnten …

Dazu sollten wir aber bitte erst mal klären, was Eigensinn eigentlich ist. Warum er noch so oft einen so schlechten Ruf hat. Ich hatte jetzt wirklich viel gelesen. So ziemlich alles, was irgendwie „Eigensinn“ im Titel hat. Was ich allerdings nirgendwo fand, war eine belastbare Definition: Was genau ist Eigensinn?! Viele Menschen und Bücher nehmen das Wort auf. Alle verstehen es anders. Definiert wird es nirgends. Also war mein erstes Ziel: definiere Eigensinn!

Und dann: Menschen wollen sich natürlich nur dann länger mit anderen unterhalten, wenn sie wissen – oder wenigstens ahnen – wozu das gut sein könnte. Also: Wobei hilft Eigensinn? Beim Schreiben vielleicht? Wer hat das wie schon unter Beweis gestellt? Gibt es eigensinnige Bücher? Wie sehen die aus? Welche Autor/innen waren oder sind eigensinnig? Und: „Hallo, liebe LeserInnen, wie steht es eigentlich um IHREN Eigensinn?“

Dritter Punkt: Eigensinn bleibt eine blutleere Angelegenheit, wenn er keine Konsequenzen hat. Eigensinn bedeutet nämlich auch Lebendigkeit – das weise ich anhand eines Märchens der Brüder Grimm tatsächlich nach. Eigensinn will aktiv werden, braucht eine Art Ventil. Für mich sind das Kreativität, Flow und Spiel. Okay. Noch ein paar Punkte mehr auf meinen Listen …

Das sind die wesentlichen Inhalte von Buch eins: „Mein Kompass ist der Eigensinn“.

Schon während ich das alles schrieb, war mir klar: Das genügt noch immer nicht! Ich möchte ja, dass die Menschen ihre eigene Stimme entdecken, ihren Eigensinn LEBEN, kreativ werden können! Und wie macht man das, wenn man eine ziemliche Abneigung gegen klassische Ratgeber hat? Lösung: Mit ganz vielen Beispielen, Übungen, Anregungen … Als ich das Manuskript der ersten Leserin meines Vertrauens gab, habe ich ihr bestimmt dreimal gesagt: „Guck bitte ganz besonders darauf, wo ich mich wie eine Oberlehrerin anhöre!“ Ich hatte nämlich das Gefühl: Das tue ich die ganze Zeit … Ich mag andere Menschen einfach nicht belehren. Darum bin ich wohl der geborene Coach. Denn da gilt ja auch die Maxime: Jeder Kunde, jede Kundin ist der jeweils kundigste Mensch in allen eigenen Belangen. Später habe ich einen „echten Coach“ beim Schreiben des eigenen Buchs begleitet. Und der staunte manchmal: „Das ist ja regelrecht magisch, was da passiert!“ Dabei hatte ich nichts anderes getan, als ihn behutsam – sehr behutsam! – zu seinen eigenen Gedanken, seiner Stimme zu führen. Das war perfekt. Denn genau das war und ist meine Intention. Allerdings: Im ständigen Dialog zwischen zwei Menschen ist das gar nicht so schwierig. In einem Buch, bei dem ich keine Ahnung davon habe, WER das später lesen wird, fand ich es ziemlich anstrengend. Ob es gelungen ist? Keine Ahnung. Dieses zweite Buch erscheint demnächst. Sein Titel: „Wer schreibt, darf eigensinnig sein.“

Genau: Wie spreche ich mit Menschen, die ich gar nicht kenne?! Für Buch eins und zwei habe ich mir Spiele ausgedacht … Sehr viele Fragen. Und ein paar überraschende Lösungen. Mir hat es Spaß gemacht. Denn die ganz passiven Leser/innen kann ich mir nur vorstellen, wenn es um Krimis geht, um Fiktion, um Abenteuer. Die so spannend sind, dass man sich keinen Millimeter mehr bewegt. Gar nicht merkt, dass einem schon seit zehn Minuten der rechte Fuß beim Lesen auf dem Sofa eingeschlafen ist. So etwas habe ich nicht zu bieten. Aber ich fand und finde das Thema Eigensinn derart spannend, dass ich seitdem mit allen Menschen darüber reden will. Genau das habe ich getan: Es kommen in Buch eins und zwei jede Menge Zitate vor, ich unterhalte mich mit den Autorinnen und Autoren, die für mich eigensinnig sind, gleiche meine Sicht auf den Eigensinn mit ihrer Sicht ab. So reduzierten sich endlich auch meine langen Listen. Viele Fragen konnten beantwortet werden.

Doch Buch drei soll meine Kür in Sachen „Gespräche über den Eigensinn“ werden. Menschen aus allen Bereichen der Buchwelt können sich mit mir über den Eigensinn unterhalten. Über eigensinnige Themen und Bücher, über ungewöhnliche Wege durch und im Buchmarkt …Wer dafür noch jemanden vorschlagen will oder sich selbst als eigensinnigen Menschen mit Bezug zu Büchern/zum Schreiben sieht: Bitte melden (maria@texthandwerkerin.de)! Noch kann die Gesprächsrunde erweitert werden. Sehr gern sogar.

Dass aus einer Buchidee eine Trilogie wurde, ist letzten Endes nur meiner Begeisterung für das Thema zu verdanken. Ich habe mich mitreißen lassen. Und zwar liebend gern.

Ein Beitrag von Maria Al-Mana zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Wie ich zum Buchthema EIGENSINN kam, 2: Übers Bloggen, Älterwerden und Anders-Sein – von Maria Al-Mana https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-zum-buchthema-eigensinn-kam-2-uebers-bloggen-aelterwerden-und-anders-sein-von-maria-al-mana https://www.schwarzaufweiss-internet.de/wie-ich-zum-buchthema-eigensinn-kam-2-uebers-bloggen-aelterwerden-und-anders-sein-von-maria-al-mana#respond Wed, 24 Jun 2020 10:47:13 +0000 https://www.schwarzaufweiss-internet.de/?p=6311 Weiterlesen »Wie ich zum Buchthema EIGENSINN kam, 2: Übers Bloggen, Älterwerden und Anders-Sein – von Maria Al-Mana]]>

Maria Al-Mana – Foto: © privat

Im Nachhinein ist mir völlig klar: Auch „Das Unruhewerk, älter werden – und sichtbar bleiben“ ist eine höchst eigensinnige Sache von mir. Auf diesem Blog schreibe ich zum Beispiel so was wie: „Diese Seite ist gedacht für … alle, die über Tellerränder, kulturelle Grenzen, dogmatische Zumutungen, Alters- und andere Beschränkungen sehen können und wollen. Die sich nicht scheuen, auch scheinbar Unumgängliches, fest Zementiertes zu hinterfragen statt es grummelnd und mit Bauchschmerzen als gegeben hinzunehmen.“ Ist nur ein Teil der Liste von Menschen, für die ich dort schreiben möchte.

Das Blog war ursprünglich nur als Fingerübung gedacht … Als ich mich als Texthandwerkerin, Lektorin und Schreibcoach wieder selbstständig machen wollte, musste ich erst mal testen: „Wie geht das eigentlich, dieses Bloggen?!“ Das Thema Älterwerden lag nah, denn ich war über 50. Und arbeitslos. Das ist jetzt fünf Jahre her. Die ersten Beiträge schrieb ich, als ich – freie Journalistin, die ich auch noch bin – im eigenen Auftrag über die Frankfurter Buchmesse lief und alle möglichen Menschen fragte: „Wie ist das mit dem Älterwerden?“ Hat Spaß gemacht und zu erstaunlichen Begegnungen geführt. Etwa mit Holger Reichard, einem von zwei Autoren des Buchs „Männer im Klimakterium“. Der saß zufällig neben mir, ich stellte ihm meine wenig strukturierten Fragen. Und siehe da: Das Thema passte!

Im Lauf der Zeit bekam mein das Unruhewerk Struktur … Schwerpunkte sind heute Buchempfehlungen aus dem Umfeld des Älterwerdens, Lebensumbrüche, Arbeitswelt und Älterwerden, Online-Sichtbarkeit von älteren Menschen. Und einiges mehr. Ganz wunderbar: Daraus entwickelte sich ein veritables Netzwerk von Bloggerinnen und Bloggern, als mich ein halbes Jahr später die Grafikerin Uschi Ronnenberg aus Aachen ansprach, mit der ich seither die Plattform blogs50plus gemeinsam betreibe: Sie macht alles „Technische“, ich bin die „Öffentlichkeitsbeauftragte“. Darum porträtiere ich auf dem Unruhewerk auch immer wieder die Bloggerinnen und Blogger unseres Netzwerks. – Wir waren mit blogs50plus neben sieben anderen NetzwerkerInnen als „Menschenvernetzer 2017“ für den Orbanism-Award auf der Frankfurter Buchmesse nominiert. Dieser Preis ist initiiert von Leander Wattig, dem Mann mit dem schon geflügelten „Ich mach was mit Büchern“. Da schloss sich der erste Kreis: Von Buchmesse zu Buchmesse. Vom Älterwerden zur Menschenvernetzerin.

Bloggen! Das bedeutet ja auch: viel und möglichst gut schreiben. Als mir klar wurde, dass ich nicht nur Texthandwerkerin, sondern auch eine Buchhebamme bin, also Menschen in allen Etappen auf ihrem Weg zum eigenen Buch begleiten kann, wusste ich sofort: Wer älter ist und schon einiges erlebt hat, hat auch vieles, worüber er oder sie schreiben kann. Keine großartig neue Erkenntnis, ich weiß. Doch als mir außerdem klar wurde, dass ich immer schon eigensinnige Menschen geliebt habe, wäre es mir äußerst schwergefallen, die allerorten geforderte „Zielgruppenanalyse“ für meine Bücher über den Eigensinn zu erstellen. Alle Menschen können schließlich eigensinnig sein! Ziemlich spät erst wurde mir klar: In der Zielgruppe bewege ich mich doch schon längst! Zumindest gehören viele der bloggenden, älteren Menschen unserer Plattform zu meinen potenziellen Leserinnen und Lesern. Perfekt! Außerdem halte ich viele der Blogs, die dort versammelt sind, für ziemlich eigensinnig … Besser gesagt: Die Menschen dahinter. Etwa die fast 80-jährige Schwedin, die über die Seltsamkeiten ihrer Wahlheimatstadt Berlin bloggt. Oder „Maschas Buch“, ein überaus poetischer Blog einer Frau, die sagt „Farben sind meine besondere Freude“ und auf meine naive Frage, ob das Netzwerken für sie und ihren Blog wichtig sei, antwortete: „Netzwerke?? Hatte ich nie im Leben. Autisten können sich so etwas wohl nicht schaffen.“ Oder die Frau, die ausschließlich über Bücher bloggt, in denen Hunde vorkommen … Nur drei Beispiele von weit über 300 auf blogs50plus.

Im ersten Teil dieser kleinen Beitragsreihe habe ich versucht, die Wahl meines Buchthemas durch das zu beschreiben, was ich tue. Jetzt merke ich, dass ich mich hier aus einer anderen Richtung nähere: Ich versuche zu beschreiben, wie mein Thema mich gefunden hat. Ja: Ich habe mich finden lassen, war quasi „reif“ dafür. Das Thema „Eigensinn“ war schon sichtbar, bevor ich es bemerkt habe: beim Bloggen, bei der Beschäftigung mit dem Älterwerden. Und immer wieder über den Umgang mit Menschen, die anders sind. Ich sehe ständig über alle Tellerränder, weigere mich, alle Dinge in fachspezifische Kleinstgruppen zu unterteilen, Kreativität ist mir extrem wichtig. Ich halte mich sogar für eine Dolmetscherin der Kreativität.

Denen, die anders sind, ist der erste Teil meiner Trilogie des Eigensinns gewidmet. Was ist „anders“? Anders als wer oder was? Die Definition geht meist so: Es gibt eine Regel. Und Ausnahmen. ‚Anders‘ ist dann das, was nicht ‚der Regel‘ entspricht. Was natürlich sehr vieles sein kann. Und höchst individuell ist. Wenn wir aber alle anders sind, wie können wir uns dann noch untereinander verstehen und verständigen?

Das hat mich schon lang umgetrieben. Denn – natürlich: Auch ich bin anders … Habe mich immer so gefühlt. Was kaum ein Wunder ist, wenn man 1960 als Tochter eines Irakers und einer Ostdeutschen in Westdeutschland geboren wird … War damals MEHR als exotisch. Und hat mir schwer zu schaffen gemacht. So schwer, dass ich es bislang noch nie geschafft habe, wirklich darüber zu schreiben. An vielen Stellen fehlen mir da die Worte. (Und wer mich kennt, weiß, dass das eigentlich selten vorkommt …) Die absolute Individualität – die ich immer äußerst hochgehalten habe – wurde an dieser Stelle für mich zum Problem: Wie können wir uns verstehen, wenn die gemeinsame Grundlage fehlt?! Denn in der Weltsicht der meisten Menschen um mich herum kam dieses „Exoten-Gefühl“ schlicht nicht vor. Als Jugendliche habe ich heftigst rebelliert. Als „Mittelalte“ ein wenig resigniert. Und als Älterwerdende kann ich endlich akzeptieren: Ich, meine Geschichte, meine Erfahrungen sind hoch individuell. Wir dürfen das, dürfen sogar stolz darauf sein und davon erzählen. Denn es ist das, was für uns – also: für mich – allein Sinn macht. Das ist weder Nabelschau noch egoistisch, sondern die Grundlage dazu, um sich mit anderen Menschen verständigen zu können. Um zu verstehen.

Nur, wenn wir – jede und jeder für sich – dem Weg unseres Eigensinns folgen und ihn respektieren, können wir uns gegenseitig respektieren. Auch das mag banal klingen. Doch mit Blick etwa auf das Verstehen-Können zwischen Jüngeren und Älteren, Ost- und Westdeutschen, Im-Land-Gebliebenen und Geflüchteten, Gesunden und Kranken wird schnell deutlich, was ich meine: Wir müssen uns unbedingt gegenseitig unsere Geschichten erzählen! Sie sind das Einzige, woran wir uns halten können, was uns Orientierung gibt. Genau das halte ich für dringend notwendig, bevor das „Hörensagen“, diverse Vermutungen und Vorurteile uns unter sich begraben.

Ich bin absolut sicher: Mit dem Eigensinn als Kompass funktioniert das wunderbar: erzählend, schreibend, lesend. Es ist auch noch heilsam. Denn das Erzählen kann dabei helfen, Wunden zu schließen. Ist wissenschaftlich bewiesen.

Ein Beitrag von Maria Al-Mana zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Maria Al-Mana: Eigensinnige Autorin und Buchhebamme – Foto: © privat

Vielleicht begann es damit, dass ich zum dritten Mal in einer großen Buchhandlung über einen Buchstapel im Eingang stolperte … In unterschiedlichen Buchhandelsketten überall der GLEICHE Krimititel! Früher hätte ich vielleicht gedacht: „Okay, gute Werbe-Arbeit des Verlags!“ Doch mittlerweile hatte ich nicht nur mit Nummer 27 mindestens eine kleine Buchhandlung zu viel schließen sehen – eine Buchhandlung, die sich spezialisiert hatte, liebevoll alle Bücher und Menschen begleitete, betrieben von BuchhändlerInnen, deren Leidenschaft Bücher sind. Sondern hatte auch mehr als einmal erlebt, wie sich „klassische Verlage“, unabhängige Verleger für ihre Publikationen bezahlen ließen. Schlimmster Fall: Ich arbeitete angestellt für eine große Non-Profit-Organisation. Und war daran beteiligt, einen dicken Bildband auf den Buchmarkt zu bringen. Damit ein regionaler Verlag endlich den Buchvertrag unterschrieb, wurde von uns verlangt, dass WIR für die „U3“ (also die innere Buchrückseite) einen Werbekunden auftreiben sollten. Das mit dieser Anzeige verdiente Geld sollte natürlich „der Verlag“ bekommen. Ganz unverschleiert: ein Druckkostenzuschuss. Seitdem möchte ich solche Verlage nur noch in Anführungszeichen setzen. Mindestens. Denn es macht mich wütend, wie scheinheilig da mit zweierlei Maß gemessen wird …

Ich bin mit „den echten“ Verlagen aufgewachsen. Als Autorin, Redakteurin, Lektorin, Texterin, Germanistin habe ich sie nicht nur geliebt, sondern auch für sie gearbeitet. Und konnte mir mindestens 52 Jahre lang ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Wirklich absolut nicht! Jetzt bin ich seit acht Jahren (wieder) selbstständig. Als Buchhebamme. Denn ich habe genug von all den Büchern mit dem ewig gleichen Aufbau. Mit Heldenreisen, die so wiedererkennbar durch jede Handlung mäandern, dass ich schon nach den ersten zwei Seiten gähnen muss. Genug von Pseudo-Biografien, die chronologisch ohne jede Ecke oder Kante von Ghostwritern geschrieben werden, die den jeweiligen „Promi“ noch nie getroffen haben, sich stattdessen an einem Haufen Pressemitteilungen und anderen Lobhudeleien abarbeiten müssen. Genug von all den Ratgebern, die mich doof aussehen lassen, weil ich es trotz all der unzähligen Sekunden, die ich jetzt schon lebe, immer noch nicht geschafft habe, in drei Sekunden stinkreich zu werden.

Wo sind die Bücher, mit denen ich auf Abenteuerreise gehen kann? Die mich überraschen? Die, mit denen ich träumen darf? Die mir unbekannte Welten nahebringen – und das muss ganz und gar nicht die Entdeckungsreise zum Südpol auf der Nord-Venus sein. Die, die auch mal über die Stränge schlagen, Dinge nicht „eng“, sondern unverschämt, neu sehen – ohne, dass da gleich angestrengt-literarisches Wabern einsetzt? Warum stolpere ich nicht mal über einen Haufen SOLCHER Bücher? Warum gibt es sie – zumindest meistens – nur in Kleinstverlagen, deren Angebote man sehr gezielt suchen muss? Warum können solche Verlage so häufig nicht genügend Umsatz machen und müssen schließlich aufgeben? Ja. Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll. Vielleicht komme ich nie mehr los von meinem ewigen „Sitzen zwischen allen Stühlen“.

Genau: Vielleicht fing alles ja auch DAMIT an: Ich musste mich wieder selbstständig machen. Mich online überzeugend präsentieren, positionieren. Also am besten: eine „Marke“ werden. Ich war durchaus bereit dazu, wusste in etwa, wie man das anstellt: ehrlich und authentisch sein. Nichts tun oder behaupten, was mir zuwiderläuft. Dafür brauche ich eine klare Haltung. Solche Überlegungen kenne ich schon sehr lang. Und hab auch gar nichts gegen sie. Nur: Ich will mich nicht „beschneiden“ lassen. Gar nicht so einfach … Denn manchmal denke ich: Ich sehe die Welt mit den Augen einer Fliege. Die hat Facettenaugen. Ich vermutlich auch. Mit Sicherheit interessiere ich mich für sehr viele Dinge, Aspekte, Lesarten, Medien und Denkansätze. Ziemlich schlecht für eine „eindeutige Marke“. Darum kam ich für meine Positionierungs-Überlegungen immer wieder auf die Formulierung „zwischen allen Stühlen“ zurück. Oder wäre es nicht besser „zwischen DEN Stühlen“ zu sagen? Ich hab mir lange den Kopf darüber zerbrochen … Dann wurde mir klar: „Da stimmt was nicht! Wer so lange nachdenken muss, hat seine Marke noch nicht gefunden.“

Und dann halfen mir komischerweise Mode- und Lifestyle-Zeitschriften … Drei- bis viermal im Jahr kriege ich solche Anfälle: Da muss ich so was lesen. Hat durchaus auch mit dem Wunsch nach Orientierung zu tun. Die „eigensinnige Vivienne Westwood“ kannte und liebte ich schon lang. Ich las vom Eigensinn eines Künstlers, einer Künstlerin …

Patsch! Da flog es mir wie Schuppen von den Augen: Eigensinn ist MEIN Thema! Und plötzlich passte alles (wieder) zusammen: Die Vielfalt, das Nicht-08/15-Sein-Wollen, der eigene Weg, der allein schon extrem spannend ist, das Abenteuer der individuellen Stimmen, Themen, Aspekte. Und das Schreiben. Noch nie zuvor hat jemand den Eigensinn und das Schreiben wirklich konsequent zusammen-gedacht. Und vor allem: Eine echte Definition dessen, was Eigensinn ist, wofür er steht, habe ich nirgendwo gefunden. Also musste ich sie wohl schreiben.

Dabei kamen und kommen mir die Möglichkeiten von Selfpublishing zugute – ein „klassischer Verlag“ hätte sich kaum darauf eingelassen. Das wollte ich inzwischen aber auch gar nicht mehr. Denn ich bin überzeugt davon, dass Eigensinn und Selfpublishing das perfekte Duo sind. Natürlich nur, wenn bei der eigensinnigen Buchproduktion via Selfpublishing Professionalität am Werk ist. Und genau dafür will ich seitdem stehen. Ganz eigensinnig.

Beim Schreiben begegneten mir viele Menschen. Die ich mal geliebt und lang schon wieder aus den Augen verloren hatte – Hermann Hesse zum Beispiel. Die ich immer schon großartig fand: Alexander Kluge, Werner Herzog, René Descartes, Georges Simenon, Ingrid Noll, Haruki Murakami, Marianne Sägebrecht, Alice B. Toklas und viele mehr. Denn sie alle schreiben/schrieben und handelten eigensinnig. Menschen, deren Bücher ich rezensiert hatte, weil ich sie so großartig fand – Menschen, denen ich teilweise im „echten Leben“ schon begegnet bin, die zu meinen Netzwerken gehören … Sonja Schiff zum Beispiel, deren Buch „10 Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“ ich wunderbar fand und finde. Das ist so überzeugend, dass ein Regisseur auf der Suche nach dem richtigen Stoff für ein neues Stück seines Musiktheaters darauf aufmerksam wurde: Thomas Desi brachte 2017 bei den Musiktheatertagen Wien die Uraufführung von „Tanzcafé Schweigepflicht“ mit Textauszügen aus Sonja Schiffs Buch auf die Bühne, eine „moderne Oper zum Thema Altenpflege und Altern“. Ja! Genauso funktioniert Eigensinn im Idealfall! Oder Lisa Frohn, die ein sehr eigensinniges Buch zum Thema Älterwerden geschrieben hat: „#Ran ans Alter“ – eins der besten Bücher zum Thema, das ich kenne. Solche Menschen konnte ich dann auch direkt fragen: „Seid ihr eigentlich eigensinnig? Und wenn ja, woran macht ihr das fest?“ Beide Frauen haben es bejaht. Und überzeugend begründet.

Das alles und noch viel mehr ist in „Mein Kompass ist der Eigensinn“ nachzulesen.

So schloss sich während des Schreibens eine Klammer nach der anderen: Ich blieb ich, konnte zwischen meinen Stühlen sitzen und vor allem: Meine Ideen und Visionen von einer Welt entwickeln, in der wir alle kraft unseres Eigensinns schreibend den Buchmarkt (zurück)erobern, den 08/15-Brei wenigstens teilweise aufheben, wieder von Abenteuern schreiben und lesen können. Das Allerschönste ist: Als Buchhebamme kann ich dabei helfen. Denn jetzt ist der Eigensinn meine „Marke“. Er ist der Kompass, dem ich sowohl privat wie in all meinen beruflichen Angeboten folge. Seitdem bin ich weniger wütend. Und mein Unbehagen hat sich gelegt – zumindest zeitweise.

Ein Beitrag von Maria Al-Mana zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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