Meine Abenteuer beim Übersetzen, 15: Wenn der Text auf die Nerven geht

Eine Serie zu übersetzen, ist eigentlich schön! Wenn jedenfalls der erste Band gut ist und man weiß, es kommen noch vier und man wird lange zu tun haben. Aber wenn dann irgendwann im 3. Band das Unwohlsein überhandnimmt, dann sitzt die arme Übersetzerin da und muß eben doch durch. Es geht um eine phantastische Serie, „Dreamwalker“ oder „The Ballad of Sir Benfro“ von J. D. Oswald. Es gibt zwei Welten, in der einen herrschen die Menschen und drangsalieren die Drachen, in der anderen ist es umgekehrt. Früher war es eine einzige Welt, aber zwei Drachenherren konnten sich nicht einigen, wer die schönste Drachin aller Zeiten kriegen sollte, und als sie ihnen mitteilte, sie wollte gar keinen von ihnen und sie sollten mit dem Blödsinn aufhören, trennten sie in ihrer Wut die Welten. Am Ende kommen die Welten natürlich wieder zusammen, aber vorher gibt es über 2000 Seiten wilde Wirrnisse.

Wunderschön ist, daß die Drachen Draigiaith sprechen (walisisch für: Drachensprache), die Menschen aber Saesneg (walisisch für: Englisch). Draigiaith ist die ältere und vornehmere Sprache und viele alte und ehrwürdige Wörter auch im Saesneg sind eben auf Walisisch. Leider fand der deutsche Verlag, das sei zu viel des Guten, das Walisische wurde vom Lektorat gewaltig reduziert, aber es ist noch genug übrig, um sich zu freuen.

Anderes bietet weniger Grund zur Freude. Der Autor Oswald hat einwandfrei sorgfältig „Game of Thrones“ gelesen, immer wieder sehen wir, wo er Inspirationen geholt hat, aber im Vergleich zu seinen beiden Welten ist die Welt von „Game of Thrones“ geradezu ein Hort weiblicher Freiheit. Bei den Drachen geht es streng patriarchalisch zu, auch ein pubertärer Drachenbengel darf sich Sir nennen, wenn sein Vater verschollen ist, denn er ist das Oberhaupt der Familie, egal, dass seine Mutter eine im weiten Umkreis hochgeachtete Heilkundige ist. Der eine der streitsüchtigen Drachen wird verflucht, er wird nur weibliche Nachkommen haben, und keine der eigentlich durchaus patenten Drachinnen zuckt mal mit der Schulter und fragt: „Na und?“ Der andere hat nur männliche, was ja viel besser und edler zu sein scheint, vermehren können sie sich zwar trotzdem nicht, aber es ist offenbar vorzuziehen, als männliches Geschlecht auszusterben. Oder wie sollen wir das verstehen?

Bei den Menschen ist es auch nicht viel anders. Die Mädchen bleiben brav zu Hause und helfen ihrer Mutter im Haushalt, die Jungs ziehen auf Abenteuer aus. Ausnahme: Martha, die auf den ersten 50 Seiten ungeheure Initiative entwickelt. Dann gerät sie leider in Gefangenschaft bei einem bösen Drachen und sitzt ungefähr 1500 Seiten in einem goldenen Käfig. Danach tut sie dann auch nicht mehr viel. Dann haben wir Iolwen, die Prinzessin, die zwar die Erbin eines eigenen Reiches ist, aber doch ihr Glück nicht fassen kann, als Dafydd, der Erbe des Nachbarreiches sie heiraten will, weshalb sie fortan eine holde, schöne und gehorsame Gattin ist. Übrigens wissen wir seit dem ersten Kapitel, daß Iolwen und Dafydd beide Reiche gar nicht rechtmäßig erben, sie erfahren es erst in Band 4 und sind nicht sonderlich beeindruckt, von Verzichtwillen keine Spur. Die dritte Frau im Buch ist Frecknock, eine Drachin, die aufgrund des Fehlens von Drachenknaben (wir wissen ja, der Fluch) daran verzweifelt, je einen Liebhaber zu finden. Sie versucht es mit Zauber und gerät an einen absoluten Mistkerl, der zudem gar kein Drache ist, sondern nur so tut. Viereinhalb Bände lang misshandelt er sie und nutzt sie schamlos aus, dann (hier soll nicht verraten werden, wie) kippt das Verhältnis um, für immer ist er nun in Frecknocks Gewalt, sie kann mit ihm machen, was sie will, und ist sehr zufrieden – und wenn sie nicht die viereinhalb Bände durchgehalten hätte, könnte sie am Ende nicht diesen Triumph genießen. Dann gibt es Beulah, die andere Thronerbin – die tugendhafte Iolwen und ihr Gemahl schicken vier Mörder, weil sie auch auf Beulahs Thron scharf sind. Als Beulah dann den Krieg erklärt und ihre Soldaten die Hauptstadt von Dafydds Reich besetzen, sind beide beleidigt und finden, daß Beulah ihre Befugnisse nun wirklich überschreitet. Wie Frecknock sucht sich Beulah ihren Partner selbst aus, und der ist der wahre Held der Serie, tapfer, klug, gutaussehend und seiner Königin absolut ergeben. Gut, Beulah vergiftet ab und zu mal unliebsame Personen und zeigt erst nach und nach ihre wahren Qualitäten, aber ist das ein Grund, warum der allwissende Erzähler die blöde Iolwen vorzieht? Daß eine Frau wie Beulah in den Welten von Draigiaith und Saesneg keine Chance hat, ist klar – aber immerhin kann sie ihren Geliebten und ihre kleine Tochter retten (alle finden, daß Beulah ihre Sache als Königin gutmacht, aber alle denken auch: Ach, hätte sie doch einen Sohn bekommen!). Diese geballte Männerwirtschaft nervt total beim Übersetzen, immer wieder kommt mir Lust, ein paar besonders schlimme Sätze wegzulassen, aber das geht ja auch nicht.

Der Autor dankt am Ende jedes Buches seiner „schwergeprüften Lebensgefährtin Barbara“. Frau versteht, warum. Aber, Barbara, warum hast du dem Alten nicht mal das Manuskript um die Ohren gehauen und gesagt: „So nicht!“ Und dennoch, irgendwo ist da eine Lehre. Nur eine Beulah kriegt einen wirklichen Helden ab, die braven Dulderinnen wie Frecknock kriegen am Ende ihre Rache – und die Tugendsamen sitzen im goldenen Käfig.
Band 4 („Die Rache der Drachen“) kommt jetzt bald. Lektüre dringend empfohlen.

Von J. D. Oswald schon erschienen:

  • Der Zauber des Drachenvolkes
  • Das Geheimnis des Magierordens
  • Die Gefangene des Drachenturms
Für Verlag und Lektorat eine Einführung in die walisische Aussprache

 

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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