Aus dem Übersetzerinnenleben, 2: Die Probleme mit den Geschlechtern

Kaiser Wilhelm II
Kaiser Wilhelm II (links)

Hier soll jetzt nicht die Rede vom Binnen-I und anderen neuen, elaborierten Formen geschlechtsneutraler Ausdrucksweise sein, es geht ganz einfach um die Tatsache, daß es im Deutschen drei grammatische Geschlechter gibt, was sich auch in der Sprache niederschlägt. Ganz einfach, sollte man denken. Denkt die Übersetzerin auch. Aber aus irgendwelchen Gründen sitzen in Verlagslektoraten offenbar ganze Heerscharen von Leuten, die für maskuline Formen schwärmen. Beispiel gefällig? – aus einem früheren Roman der hier so gern zitierten Anne Holt. Die Kommissarin braucht eine Unterkunft, der Kollege bietet an, bis sie eine Wohnung findet, könne sie sein Gästezimmer benutzen. Sie wehrt ab: „Deine Frau wäre sicher nicht begeistert von einem Logiergast.“ Das Lektorat machte daraus: „Einem Untermieter.“ Von Mietezahlen war nicht die Rede, Untermieter ist schon mal falsch, im Original stand Logiergast (Gast ist im Norwegischen wie im Deutschen auf alle Geschlechter anwendbar), und zwei Seiten vorher hat die nämliche Kommissarin den nämlichen Kollegen zusammengestaucht, weil er eine Frau als „Koch“ bezeichnet hatte. „Das heißt Köchin, du Macho.“ Lauter Gründe, warum „Untermieter“ eine ganz falsche Übersetzung ist. Aber mit denen mußte erst auf den Tisch gehauen werden, ehe in der Druckfassung dann „Logiergast“ stand, nicht „Untermieter“.

Oder, wenn Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube beisammen sind, und jede schenkt sich erst mal ein Schnäpschen ein, ist „jede“ durch viele Jahrhunderte deutscher Sprachgeschichte als Femininum und Analogbildung zu „jeder“ (m.) und „jedes“ (n.) belegt, kann es da Probleme geben? Es kann, das Lektorat (welcherlei Geschlechts auch immer) will unweigerlich „jeder“ haben, der Hinweis, daß hier doch nur von Damen die Rede sei, und vor allem der Verweis auf Duden und Sprachgeschichte sind nötig, um „jede“ behalten zu dürfen.

Warum ist das so? Keine Ahnung, ich habe nicht mal eine Theorie, dafür aber eine riesige Beispielsammlung. Es kommt aber noch schlimmer. „Der Jüngling sah das Mädchen. Er küßte es.“ So schrieb Gottfried Keller, aber wir können davon ausgehen, daß der Jüngling davon überzeugt war, ein weibliches Wesen zu küssen, und sicher dachte er: Ich küsse sie, hurra. „Der Jüngling sah das Mädchen. Er küßte sie“, aber mögen die Lektorate gar nicht. „Er küsste es. Es sagte …“ und so weiter, die ganze Seite runter, es, es, es. Der Sprachwissenschaftler Noam Chomsky hat ungefähr neunhundert Seiten darüber geschrieben, daß man dem natürlichen Geschlecht Vorrang vor dem grammatischen geben sollte. Aber der Verweis auf Chomsky und seine neunhundert Seiten ruft vor allem Trotzreaktionen hervor, Lektorate, egal welcherlei Geschlechts, mögen offenbar keine Fachliteratur. Hilfe kommt von ganz anderer Seite. Kaiser Wilhelm II sagte einst, gefragt, wie er sich im Falle eines Attentates verhalten würde, es käme ganz darauf an, ob ein „bärtiger Anarchist“ ihm ans Leben wolle, oder ob „es ein hübsches Mädchen wäre, die die Hand wider mich erhöbe“. Der Hinweis auf des Kaisers Erklärung wirkt Wunder, noch kein einziges Mal hat bisher irgendein Lektorat Einspruch erhoben, wenn ich ein Mädchen mit femininen Pronomen bezeichnen wollte und das mit dem kaiserlichen Beispiel begründete. Die Tatsache aber, daß so viele Jahrzehnte nach Wilhelms Abdankung in deutschen Verlagslektoraten das Kaiserwort unwidersprochen gilt – die ist ja eigentlich richtig niedlich!

Gutes Buch zum Thema:
Sabine Messner/Michaela Wolf (eds.): Übersetzung aus aller Frauen Länder. Beiträge zu Theorie und Praxis weiblicher Realität in der Translation. Graz: Leykam (Grazer Gender Studies 7)

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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