Buchhandlung Perl im Wandel: Von der Präsenzbuchhandlung zum Spezialisten mit Internetshop – Interview mit Dirk Michael Habor

Bis Ende 2013 prägte die Buchhandlung Perl in Lüneburg beinahe achtzig Jahre das Straßenbild im Stadtzentrum in der Kleinen Bäckerstraße 6–7. Die Buchhandlung wird von Dirk Michael Habor und seiner Frau Annette in dritter Generation geführt. Seit 1935 trägt sie den Nachnamen des Großvaters Karl Perl von Dirk Michael Habor. Eine Buchhandlung bestand hier schon seit 1900. Und somit findet an dieser Stelle eine Ära von über 100 Jahren des Stöberns in und Auswählens von Büchern in einem Laden ihr Ende.

Dirk Michael Habor
Dirk Michael Habor

Fortgesetzt wird der Handel nunmehr als Versand und im Internetshop, der schon seit zehn Jahren das Angebot als Einkaufsmöglichkeit ergänzt. Was wurde spürbar, um diesen einschneidenden Entschluss zu fassen, die lokale Buchhandlung aufzugeben, nur noch auf den Versand und das Internet zu setzen und nicht mehr mehrgleisig zu fahren, fragte ich mich. Dirk Michael Habor führte mit mir darüber ein aufschlussreiches Gespräch.

Der Wandel

Die Buchhandlung Perl belegte zwei Etagen. Die Versand- und Internetbuchhandlung Perl befindet sich nun im ersten Stockwerk. Im Parterre sind zwei vermietete Läden entstanden. Das ganze Haus wurde während der ersten Monate des vergangenen Jahres aufwändig renoviert. Ein großer Schwerpunkt der Umbaumaßnahmen bildete dabei der Brandschutz, der besonders in der Lüneburger Innenstadt mit seinen alten Häusern einen wichtigen Raum einnimmt.

Das war einmal – bis Dezember 2013
Das war einmal – bis Dezember 2013
Bäckerstraße 6–7 heute
Bäckerstraße 6–7 heute

Zunächst sprachen wir über die Folgen der Schließung für die Belegschaft, die auch der Geschäftsführung sehr nahe ging. Schließlich mussten sich bedauerlicherweise acht von neun qualifizierten Mitarbeiterinnen (Buchhändlerinnen) neue Arbeitsstellen suchen. Neben der übernommenen Mitarbeiterin, die Perl schon dreißig Jahre angehört und die nun im Versandbuchhandel arbeitet, hat die damalige Auszubildende ihre Lehre beendet.

Nunmehr hat sich die Buchhandlung Perl auf den Versandhandel und die Belieferung von Unternehmen und Institutionen spezialisiert. Privatkunden bestellen gerne telefonisch oder wählen den Weg über den Online-Shop. „Wir haben uns vom Ladenbetreiber zum lokalen Dienstleister für den Buch- und Medienbedarf gewandelt.“

Drei Beweggründe für diesen Wandel kamen zur Sprache: Der in den letzten Jahren anhaltend wachsende Trend zum E-Book und die sich verändernden Lese- und Kaufgewohnheiten, insbesondere von jüngeren Menschen, ließen Aufwand und Ertrag immer weniger in Einklang bringen. „Die Zeiten, in denen ein Verleger oder Sortimentsbuchhändler eine Vorauswahl getroffen hat, sind vorbei.“ Zudem wollen sowohl die Tochter als auch der Sohn einen anderen Berufsweg einschlagen. Alles zusammen war ausschlaggebend für den Entschluss, sich andere Geschäftsmodelle zu suchen.

Zum Buch

Dirk Michael Habor betonte, dass innerhalb der Genres wegen der wachsenden Bedeutung vom Internet eine auf Inhalte bezogene Aufmerksamkeitsverschiebung festzustellen ist. Viele haben noch Gefallen an gedruckter Unterhaltungsliteratur, Hobby- und Kinderbüchern, weniger sind an fundierten Sachbüchern oder großen Werken wie Lexika und Atlanten interessiert. Bestimmend ist in der Branche das Taschenbuch oder das Paperback. Außerdem besteht seit einiger Zeit die Möglichkeit für AutorInnen, E-Books selbst und unlektoriert zu veröffentlichen. Zusätzlich gibt es bereits seit über fünfzehn Jahren Books-on-Demand-Verfahren mit Druck und Vertrieb, die ebenfalls nicht zwingend ein Lektorat benötigen. „Heutzutage kann ein(e) AutorIn ohne Probleme direkt in Kontakt mit den LeserInnen treten und so auch eine große Wirkung erzielen (‚Shades of Grey‘).“ Bücher und vor allem die Buchpreise werden heute anders wahrgenommen. Die Verlage haben gut ausgestattete Bücher mit einer Schallgrenze bis zu 19,90 Euro zu günstig angeboten und sich so seiner Ansicht nach Marktchancen verbaut. Trotzdem: „Ausstattung bleibt nach wie vor wichtig. Auf der einen Seite die Taschenbücher (Lesefutter), da spielt die Ausstattung eine untergeordnete Rolle und diese Inhalte finden sich vermehrt im digitalen Content (E-Book) wieder. Es bleiben u.a. Sachbücher (z.B. Kochbücher) bei denen die Ausstattung und Gestaltung wichtiger ist. Man spricht hier gerne auch von ‚Coffee Table Books‘.“ – Hörbücher vernachlässigten wir.

Zur Kundschaft und zum Marketing

Ob sich möglicherweise zwei Arten von Kunden herauskristallisieren würden, die papier- oder die E-Book-affinen? „Jeder Kunde für sich ist individuell und hat seine eigenen Anforderungen. Wir kennen Kunden, die komplett ins E-Book abgewandert sind. Andere verweigern die Lektüre auf diesem Medium. Viele Kunden sind nach unserer Auffassung in beiden Welten zuhause. Die schnelle, leichte Lektüre – Urlaubslektüre oder etwas zum ‚Weglesen‘ – wird auf dem Reader gelesen, der schöne Roman, die anspruchsvolle Lektüre wird in der Printausgabe‚vor dem Kamin bei einer Tasse Tee am Sonntagnachmittag‘ genossen.“

Die Buchhandlung Perl pflegt langjährige Kundenkontakte und berät und beliefert darüber hinaus als Spezial-Buchversand Lüneburger Unternehmen und Institutionen. Der Kundendialog findet bevorzugt direkt statt. Social Media wird im kleinen Rahmen genutzt, z.B. für die Präsentation von Angeboten. – In Erwägung steht einerseits eine Ausweitung der Social Media-Aktivitäten und Banner-Werbung, andererseits die Beibehaltung von klassischer Printwerbung (u.a. Anzeige im halbjährlich erscheinenden Faltblatt „Literatur in der Region Lüneburg“, das ich für das Literaturbüro Lüneburg gestalte). „Der Kontakt zum Kunden hat immer und egal auf welche Weise einen hohen Stellenwert. Denn es sind immer noch Menschen, die in eine Kaufbeziehung eintreten.“

Dirk Michael Habor ist außerdem schon jahrelang ehrenamtlich sehr aktiv in lokalen Unternehmernetzwerken, die Werbung für Lüneburg als Einkaufsstadt betreiben, beispielsweise im Lüneburger Citymanagement.

Mit Blick auf die Zukunft

Mein Hinweis auf iBusiness, ein treffliches Portal für Trendbeobachtung im Online-Handel und Internetmarketing, freute meinen Gesprächspartner. Und ich freute mich über dieses lebendige Gespräch, das zeigt, wie rapide unser Leben sich in relativ kurzer Zeit „digitalisierte“. Nicht nur Arbeitsplätze sind betroffen, sondern auch Produkte und unser Lebensumfeld. Abschließend bemerkte Dirk Michael Habor: „Langfristig fürchte ich, werden sich noch mehr Buchhandlungen verändern. Große Schwierigkeiten haben sicherlich die Mega-Stores der deutschen Buchhandelsfilialisten. Diese sind mit ihren oft mehreren tausend Quadratmetern zu groß und zu teuer. Der Trend geht da für mich eher zu kleineren Sortimenten, vielleicht auch Spezialsortimenten (Krimi, Kunst, Reise, etc.).“

Fotos: Copyright Buchhandlung Perl (Porträt: Hans-Jürgen Wege)

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

2 Gedanken zu „Buchhandlung Perl im Wandel: Von der Präsenzbuchhandlung zum Spezialisten mit Internetshop – Interview mit Dirk Michael Habor

    1. Neben Perl ist eine weitere Buchhandlung aus Insolvenzgründen nicht mehr präsent. Geblieben sind noch drei auf ihre je eigene Art schöne, recht weit auseinanderliegende Buchhandlungen sowie zwei Filialen von Großhändlern in der Fußgängerzone mit wenig einladender Atmosphäre und trotzdem gut besucht.

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