Digital überrollt: E-Mail, SMS, soziale Netzwerke, Newsletter, Apps … – von Marion Kopp

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Abb.: pixabay – kropekk_pl

Ich bin Baujahr 1958. Das sind die Menschen, die mit Abba, Kassettenrekordern, Floppy Disc, Commodore 64, Pac-Man, Faxgerät und Vokuhila groß geworden sind. Jedenfalls ist das die Generation, die sich bei Berufsantritt nicht vorstellen konnte, dass ihr ganzer Bürojob irgendwann komplett am Stromnetz bzw. Akku hängen würde. Undenkbar. Ich habe noch Lochstreifen getippt, um diese dann zwecks Zeitersparnis automatisiert versenden zu können. Auf eine Diskette (ja so etwas gab es) passten bis zu 3,2 MB. Zum Vergleich: es gibt heute Menschen, die Bilddateien dieser Größe als E-Mail-Anlage versenden.

Mich ereilte das modere IT-Zeitalter 1986. Bis dahin dümpelte ich gemütlich vor mich hin, hatte zwar einen PC mit Windows 3.1 drauf, war aber ansonsten technisch unbeleckt. Dann stand ich vor der Wahl, eine E-Mail-Adresse einzurichten. „E-Mail-was?“, fragte ich und wurde von meinem vormaligen Gatten aufgeklärt. Ja, das ist die Zukunft. Die Menschen werden sich bald nur noch digital austauschen. Der Brief stirbt aus. Ich staunte ungläubig. „Meinst Du wirklich? Kann ich mir nicht vorstellen.“ Wie Recht er hatte, sehen wir heute. Ich habe als selbstständige Geschäftsfrau im letzten Jahr nicht eine einzige Rechnung per Post versendet. Alles nur als pdf. Auch so eine Sache … Abkürzungen: pdf und jpg, doc und xls, bmp und psd. Und wenn ich heute einen Aldi-Prospekt mit PC-Angeboten lese, verstehe ich die Hälfte schon nicht mehr. Es geht einfach zu schnell. Mir wird echt schwindlig.

Und dazu die sozialen Netzwerke. Es fing auch da ganz harmlos an mit Chatrooms. Da nur wenige sich im Netz auskannten und die Technik besaßen, traf man da anfangs noch halbwegs normale, intelligente Leute. Das änderte sich, als das Netz auf breitere Füße gestellt wurde. War es anfangs noch eine Heldentat, eine eigene Internetseite zu programmieren, kann heute jeder Vollpfosten eine eigene Seite ins Netz stellen. Und wie immer … Masse raubt Klasse.

Das Phänomen Facebook … Was ist daran so toll, dass man Bildchen von seinem Mittagessen oder seinem gebrochenen Arm der Welt zeigen kann? Warum macht Mensch sich da zum Affen? Warum vernetzt er sich mit irgendwelchen fremden Leuten, die er weder kennt noch jemals treffen wird und teilt denen mit, dass man seinen Status geändert hat von „ Single“ auf „in einer Beziehung“. Warum schreibt man dort, dass man seinen Chef für ein Arschloch hält und wundert sich dann, dass man aus dem Job fliegt? Und zählt die „Likes“ auf seine eigenen Absonderungen. Likes, auch so ein Wort. Die deutsche Sprache zerfleddert mir unter den Händen. Diesen Satz hätte vor 20 Jahren niemand verstanden: „Schick mir mal ne SMS, damit ich Dir ein Like senden kann.“ Und Gefühle drückt man durch kleine gelbe Sönnchen mit unterschiedlichen Strichcodes im Gesicht aus. Hallo?

Abb.: pixabay – geralt
Abb.: pixabay – geralt

Schwindelig, ja schwindelig … auch von der Tatsache aus der Bahn geworfen, dass es schon als normal angesehen wird, auf eine E-Mail innerhalb einer Stunde zu antworten. Wehe, wenn nicht. Auch das Wochenende ist keine Entschuldigung. Man hat ja ein Smartphone. Tolle Dinger, die einen noch mehr versklaven. Auch im Theater. Natürlich auch beim Date mit dem Partner. Völlig normal. Wirklich?

Und dann gibt es RSS-Feeds und Newsletter und noch mehr Apps. Wieder so ein Kunstwort. Apps. – Und weil das noch nicht genug der Fremdbestimmung ist, wird auch noch ein Fitnessarmband umgeschnallt, das die Körperfunktionen vermisst und Dir dauernd Rückmeldung gibt, ob Du Dich gerade gut fühlst oder nicht. Auf Dich selbst ist eben kein Verlass. Wenn Dir Deine App sagt, dass Du schlecht geschlafen hast, fängst Du sofort an zu gähnen.

Überall wirst Du beobachtet. Dein Smartphone trackt Dich … was? Es merkt, wo Du Dich aufhältst. Und sofort kriegst Du Werbung vom nächsten Lokal eingespielt. Aber das ist nicht alles. Es meldet sogar, was Du anklickst, wen Du gut findest, was Du kaufst, wen Du liebst, wie es Dir geht. Du bist völlig ausgeliefert und hast nicht die entfernteste Ahnung, wer alles Daten von Dir hat. Du bist als Person völlig in den Hintergrund getreten. Du bist ein Konsumentenprofil. Und dies unterstützt Du auch noch, indem Du das WWW fleißig mit Deinen Daten fütterst. Und Dich dann aufregst, wenn Du Windelwerbung zugesendet bekommst, nur weil Du einen Schwangerschaftstest gekauft hast.

Wo wird all das enden? Eigentlich bin ich ein Optimist, aber in diesem Fall denke ich, es wird böse enden. Andere werden bestimmen, ob Du gesellschaftskonform und gleichgeschaltet lebst oder evtl. ein Regierungsfeind bist. Und wenn Du viel Pech hast und ein paar dumme Dinge zusammenkommen, knipst Dich eine ferngesteuerte Drohne einfach aus, ohne dass es jemand mitbekommt und irgendwer schaltet dann Dein Facebook-Profil in den Gedenkmodus und zündet eine virtuelle Kerze an.

Marion Kopp – Vital-Trade Partners

Text: Marion Koop

Ein Gastbeitrag zum Thema „Social Media“, Evelyn Kuttig

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9 Gedanken zu „Digital überrollt: E-Mail, SMS, soziale Netzwerke, Newsletter, Apps … – von Marion Kopp

  1. Literaturtipp zum Thema Datentracking: Roman von Marc Elsberg, ZERO – Sie wissen, was du tust, München 2014. Sehr spannend … und gruselig!

  2. Nein, Evelyn noch nicht..aber wundern tut es mich auch nicht…vielleicht sollte ich es auch mal probieren..dann werde ich vielleicht ja auch mal belästigt..in meinem Alter sollte man jede Chance nutzen….böse grinse.

  3. Evy..das wird teilweise schon gemacht. Auch die Lehrer haben dazugelernt. War die Aufgabenstellung früher…interpretiere ein Sonett von Shakespeare so lautet sie heute…suche im Web zwei verschiedene Interpretationen eines Shakespeare Sonetts und vergleiche die beiden. Dass man im Netz alles finden kann, hat sich auch in den Schulen herumgesprochen. Dennoch finde ich es bedenklich, dem Rechner das Denken zu überlassen. Natürlich sind die digitalen Medien Teil der Gesellschaft geworden und das ist auch prima so. Dennoch sollte jeder Einzelne kritischer damit umgehen..das den Kindern beizubringen, ist Aufgabe von Eltern und Schule. Sich dafür Zeit zu nehmen..nun ja…um anderen etwas beizubringen, muss man es erst einmal selber wissen. Um das zu schaffen, muss man sich damit beschäftigen. Und dazu sind manche Erwachsene zu faul und zu träge. Leider…dann müssen sie sich nicht wundern, dass die Kids im Netz Blödsinn machen, ihre komplette Adresse veröffentlichen und zudem schlimmstenfalls noch Nacktbilder posten. Ich bin auch erstaunt, was das Netz ausspuckt, wenn ich meinen Namen googele. Bisher geht das noch und ist 99% geschäftlich, aber Vorsicht ist geboten.

  4. Liebe Evelyn..da sagst Du was. Aber die Werbung ist ausgefuchst und raffiniert. Überall werden wir bombardiert und aufgefordert so oder so auszusehen, uns zu kleiden, zu essen, zu konsumieren, zu befreunden..es ist nicht leicht, dem zu widerstehen. Alles fußt auf dem Wunsch des Menschen, geliebt und anerkannt zu werden. Da es nur den wenigsten gegeben ist, dieses mit ihrem Selbst, ihrem Charisma und ihrem Charme zu erreichen, glauben sie, neue Klamotten, ein schlankerer Körper, mehr Besitz oder ein guter Geruch federn ab, was man von Haus aus nicht besitzt. Erst spät erkennt man, dass all das Äußerliche gar nichts zählt. Besitz macht nicht glücklich, ein schlanker Körper alleine keine gute Beziehung. Aber würde der Mensch das früher begreifen, bräche die Konsumgesellschaft einfach zusammen….

    1. Nun, liebe Marion, gegen Vielfalt habe ich gar nichts einzuwenden, nur gegen den Schein und falsche Versprechungen, gegen Gier. Eigentlich sind wir Menschen durch das Aufweichen von ethischen Werten „verformt“, häufig gegen uns selbst unehrlich. Die einen sind trostbedürftig, andere werden gewalttätig . – In diesem Zusammenhang kann ich beispielsweise gar nicht verstehen, dass Handys oder Tablets in Schulen noch heute überwiegend verboten sind. Warum sind sie nicht Bestandteil des Unterrichts, um den sinnvollen Umgang damit zu lernen, auch was das Internet und soziale Netzwerke angeht? Ob sich Eltern die Zeit überhaupt nehmen (können)?

  5. Ja, ich staune so manches Mal darüber, mit welchen Versprechungen ich mich zu Dingen oder Leistungen verführen ließ, weil das Leben dadurch schöner, leichter oder sonstewas werden könnte, weil der (!) Besitz oder diese (!) Verhaltensänderung einem Ansehen verschaffen würde … Und wie viel Schrott dabei war, kopfschüttel. Ohne den falschen Versprechungen zu folgen, ist mein Leben leichter geworden, vor allem der Kopf unbelasteter und klarer. Ich habe Erfahrungen und Wissen, damit Unterscheidungsfähigkeit und Authentizität gewonnen, dennoch meine Neugierde bewahrt … Alles braucht seine Zeit 😉

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