Meine Abenteuer beim Übersetzen, 1: Ich halte einen Vortrag

Nun war ich in Norwegen, genauer gesagt, in Kristiansand, wo es eine Uni gibt, und da sollte ich einen Vortrag halten. Übers Übersetzen. Das klingt so einfach, man tritt ans Mikrofon und erzählt das, was man ohnehin den ganzen Tag tut. Naja, auf Norwegisch, aber das ist doch auch nicht die Welt. Dachte ich, ich fand mich auch ganz ruhig, war geradezu beeindruckt von meiner virtuosen Ruhe. Aber es ist eben etwas ganz anderes, am Schreibtisch zu sitzen und schweigend etwas zu tun, oder darüber zu reden, noch dazu zusammenhängend und mit korrekter Grammatik!

HosenHubbaBubba, übersetzt von Gabriele HaefsEs war in der Unibibliothek, und es kamen lauter Unileute, die mir aber vorher schon vorgestellt worden waren. Es kamen viele Studierende, an die sich mein Vortrag vor allem richten sollte, und es kam der wunderbare Jugendbuchautor Paul Leer-Salvesen (von dem hab ich mal ein ebenso wunderbares Buch übersetzt). Es kam außerdem ein älterer Herr, der mir nicht vorgestellt worden war. Aber zweifellos war er ein Gelehrter, ein emeritierter Professor. Sowas sieht man einfach. Am Tweedjackett mit den Lederflicken an den Ellbogen, an der Pfeife und den vielen Kugelschreibern, die aus der Brusttasche hervorlugen, an der ganzen Haltung, einfach an allem.

Der Emeritus setzte sich in die erste Reihe, nahm einen Notizblock und einen Kugelschreiber hervor und sah mich erwartungsvoll an. Dann mußte ich loslegen, und ich erzählte vom Alltag des Übersetzens, und wie man vorgeht, genauer gesagt, wie ich vorgehe, weil andere das eben ganz anders machen, und ich brachte Beispiele und erzählte Anekdoten, und die Studierenden stellten viele Fragen, und es gab eine lebhafte Diskussion, nur der Emeritus sagte nichts, schrieb auch nichts auf, sondern starrte mich an.

Ich sagte immer wieder und in immer neuen Variationen: daß die unsinnigste Frage von allen diese sei: „Wie übersetzt man XY?“, weil man das eben nicht sagen kann, denn jede Lösung gilt nur für den einen Fall, und wenn dasselbe Wort das nächste Mal auftaucht, muß man sich eine neue Lösung überlegen, die dann wieder nur für diesen Fall paßt.

Irgendwann war die Zeit zu Ende und wir mußten die lebhafte Diskussion einstellen.

Und dann, als alles vorbei war und mir ein Kaffee gebracht wurde, da erhob sich der Emeritus und sagte, eine Frage habe er aber doch. Ein deutsches Wort hätte er gern ins Norwegische übersetzt. Mir schwappte vor Schreck der Kaffee über, da hatte ich doch gerade erklärt, daß diese Frage unsinnig ist! Und ich übersetze doch sowieso aus dem Norwegischen und nicht in dasselbe. Das Wort aber war „weinselig.“

Alt_HeidelbergPostkarteSpäter erfuhr ich, der vermeintliche Emeritus war gar keiner, sondern ein ehemaliger Zahnarzt, der auf seine alten Tage in die Uni kommt, wenn da irgendwas Deutsches passiert. Und er hat in Heidelberg studiert, das erklärt die Sehnsucht nach Weinseligkeit.

Später stellte ich auch fest, wie es wirklich mit meiner bewundernswerten Gelassenheit ausgesehen hatte: Beim Vortrag hatte ich mir tatsächlich alle Fingernägel abgerissen.

Irgendwo gibt es hier eine Lehre, wie sie aussieht, weiß ich aber nicht. Und vermutlich gilt sie auch nur für diesen einen Fall.

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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