Fluch und Segen – Zur Diskussion: Gedanken um Digitalisierung von Grafik-Design

Anlass dieses Blogartikels ist die verpatzte Abgabe eines Angebots für einen Flyer und in der Folge mein anhaltendes Nachdenken über Digitalisierung – mit Schreibblockade und zwangsläufig längerer Pause.

Wir wissen, Digitalisierung, die sog. digitale Transformation, umfasst zunehmend alle Lebensbereiche. Es werden Informationen und Daten mittels Programmen und Social Media-Kanälen auf Geräten (Computer, Tablets, Smartphones) erfasst und ausgetauscht, Programmierungen und Roboter automatisieren private, geschäftliche und zunehmend behördliche Arbeitsprozesse (Internet der Dinge, 3D-Druck usw.).

Zeitgleich wird Unternehmern und Dienstleistern seit einigen Jahren die alte Marketing-Botschaft „Der Kunde ist König“ neu umschrieben als ausschlaggebend für den Erfolg eingetrichtert: Kundengefühle ansprechen, Kundenerwartungen berücksichtigen, Kundenbedürfnisse befriedigen, Kunden begeistern …

Für mich als langjährige Freelancerin sind das Binsenweisheiten. Es gilt aus Erfahrung: Wenn etwas Neues entwickelt werden soll, ergeben Interesse, Austausch (Fragen stellen und zuhören), Analyse (nachdenken, recherchieren, informieren), Toleranz, Respekt, Austausch (Ideen, Visionen entwickeln und Lösungen finden) und Transparenz das Fundament, auf dem fruchtbare Zusammenarbeit für ein tolles Ergebnis gedeiht – sei es zwischen dem Kunden und dem Dienstleister, sei es zwischen Kooperationspartnern für und mit dem Kunden.

© pixabay.com – Rawpixel

Ich bevorzuge bei großen Aufgaben schon sehr lange kollaboratives Arbeiten, weil sich hierbei verschiedene Talente zum Nutzen aller entfalten können. Nach meiner Erfahrung ist es besonders befruchtend, wenn jeder für sich nachdenken und Vorschläge entwickeln kann und jemand (was ich sehr gerne übernehme), die Ergebnisse zur Diskussion zusammenträgt und moderiert. Es ist zu schön, was dabei an allseitigem Kenntnisgewinn ermöglicht wird und welche Überraschungen sich ergeben.

Klar, es gibt Aufgaben, die kein Team erfordern, wie z. B. die Gestaltung eines Flyers. Doch ein Gespräch darüber ist vorher unbedingt notwendig. Nach der Abgabe eines Angebots für solch eine Aufgabe gab die Reaktion eines langjährigen Kunden meinem wegen des leider unter Zeitmangel unvollkommenen Briefings eh etwas schwankenden Selbstvertrauen einen Knacks.

Mir gegenüber wurde bereits in dieser Phase einem Mitbewerber technische Versiertheit und schnelle Erledigung bei einem geringeren Preis bescheinigt. Übersetzt hieß das für mich: Man glaubt, dass es Dir daran mangelt, und Du bist zu teuer.

Das gab den Anstoß mich damit zu befassen, ob ich auf der Höhe der Zeit bin, ob mein Preis-/Leistungsverhältnis tatsächlich nicht mehr stimmt, oder ob ich mit meiner Herangehensweise, meiner Auftragsakquise inzwischen ein totes Pferd reite. Das führte mich dahin, über Zeiten- und Wertewandel nachzudenken und der dabei aufscheinenden Vermutung nachzugehen, dass im Zuge der Digitalisierung vom Mitbewerber Design-Vorlagen genutzt werden. Denn eine Mehrfachnutzung ist deutlich günstiger.

Design-Vorlagen

Freelancer-Plattformen, auf denen Grafik-Designer ihre Arbeit und Produkte anbieten, etablieren sich seit etwa 2010. Dieser „Zeitenwandel“ besteht aus meiner Sicht seit 2014, als in den Medien verstärkt auf diese Plattformen mit zum Teil kostenlosen Design-Vorlagen hingewiesen wurde (z. B. t3N für freebbble von fiverr). Angesprochen sind gleichermaßen Gestalter wie Nutzer.

Ich kaufe zwar immer noch keine Design-Vorlagen, nutze keine in Programmen enthaltenen (z. B. Microsoft Word, QuarkXPress) und biete auch keine an, doch lasse ich mich durchaus gerne von anderen inspirieren, z. B. über die Google-Bildersuche oder auf Blogs oder in Zeitschriften oder oder oder … Zudem bin ich ja selbst bei Pixabay mit meinen kostenlosen Bildern präsent, empfehle weiterhin PSD-Tutorials in meinem Nähkästchen für Programm-Trainings, ein Unternehmen, das inzwischen mit TutKit auf den Design-Vorlagen-Zug aufgesprungen ist.

Beim Nachdenken über den Nutzen von Design-Vorlagen assoziierte ich Arbeitswelt, Selbstbestimmung, Fremdbestimmung, Kreativität, Formalismus …, und ich frage mich: Führt diese vorgebliche Vielfalt zur Nivellierung und Normierung von Individualität? Steht hier nur noch der Kosten-Nutzen-Faktor im Vordergrund?

„fivvr-Experiment – Was bekomme ich für 4 Euro?“, fragte sich 2012 der Internet-Marketer Sebastian Czypionka und testete die Plattform. Nach der Bestellung von 3 Videos stellt er die Fragen: „Ist es fair, jemandem dafür nur 5 $ zu bezahlen?“ „Schadet fiverr der deutschen Dienstleistungsbranche?“
Aus seinem Fazit: „Das sehe ich etwas anders. Wenn andere Leute kreativ genug sind und Lösungen finden, um ähnliche Leistungen wie deutsche Anbieter in kürzerer Zeit und für weniger Geld zu offerieren, dann ist das legitim und in Zeiten der Globalisierung ein völlig natürlicher Prozess, der jeden zur Optimierung zwingt.
Zudem darf man nicht vergessen, dass man meist Arbeiten von der Stange bekommt, wie z. B. in dem letzten Video in Form eines Templates, und nicht etwas ,nach Wunsch‘, was dann eben mehr Geld kostet.”
Der letzte Kommentar zu diesem Beitrag wurde am 15. April 2018 geschrieben. Ein Auszug, der mir aus der Seele spricht: „Das ist reine Ausbeuterei. Alle wollen nur noch Geld im Schlaf verdienen und lieber die anderen für sich arbeiten lassen, aber bitte für weniger als man selber verdient. Oh man, wir kannibalisieren uns alle gegenseitig.“

New Work – 4 Fragen zur Diskussion

Diesen Gedanken der Kannibalisierung habe ich unter anderen Aspekten weitergedacht bei Markus Albers aufgegriffen gefunden, der in einem Interview mit t3N sagt: „Ich sehe die Gefahr, dass wir uns schon in wenigen Jahren in einer Arbeitswirklichkeit wiederfinden, die keiner wollte.“ (veröffentlicht am 30.4.2018)

Markus Albers war glühender Verfechter von „New Work“, bei der als Fortschritt betrachtet wird, dass jeder mit jedem zeitlich und räumlich flexibel digital vernetzt arbeiten kann. Zehn Jahre später thematisiert er die „digitale Erschöpfung“. (Zur ursprünglich philosophisch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts begründeten „New Work“ – Bewegung mit dem Ziel einer Arbeitswelt der Zukunft, siehe Wikipedia) – Das Thema „Zukunft der Arbeit“ ist heiß. Ein Artikel aus der ZEIT vom 4. Mai 2018 titelt: „Was machen wir morgen?“

Fluch und Segen der Digitalisierung einhergehend mit dem Strukturwandel in der Buchbranche war bei den BücherFrauen im November 2017 Thema einer Podiumsdiskussion, über die im Börsenblatt berichtet wurde.

••• Was wird sich als Fluch, was wird sich als Segen bei der Digitalisierung der Arbeitswelt erweisen?

••• Stecken Freelancer wie ich mit der Herstellung von grafisch gestalteten Unikaten inzwischen in einer Nische?

••• Was bedeutet das für die Eigenwerbung?

••• Wo finden wir unsere Auftraggeber?

© pixabay.com – geralt

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

Ein Gedanke zu „Fluch und Segen – Zur Diskussion: Gedanken um Digitalisierung von Grafik-Design

  1. Liebe Evelyn,
    deine Gedanken zu Aquise, Akrualität und Weiterentwicklung sind nachdenkenswert.
    Ich finde im Netz so viele Webseiten, die sich ähneln wie Geschwister, fast Zwillingen gleich werden die selben Fotos und Eye-catcher benutzt.
    Sehr erfrischend finde ich es dann, wenn eine Webseite mal ganz anders aufgebaut ist und/oder eben sehr individuell passende Fotos verwendet werden.
    Ich hoffe für Designer, aber eigentlich auch für alle Berufe, dass sich Individualität, Originalität und Qualität durchsetzt, natürlich gepaart mit dem richtigen Preis.
    No name zu dumping-Preisen, Highlights zu guten Preisen.

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