Gabriele Haefs: Ich schreibe über Weihnachtsbrauchtum

Und nicht über irgendwelches, sondern über norwegisches. Eigentlich ist das für ein Buch bestimmt, das erst im nächsten Jahr erscheinen wird (darüber dann später mehr). Aber ich habe schon eine Kurzfassung meines Brauchtumstextes in „111 Gründe, Norwegen zu lieben“ veröffentlicht, und seither sind meine Forschungen weitergediehen. Hier also eine Mittelfassung mit den neuesten Entwicklungen. In Norwegen wird bekanntlich zur Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ ein stimmungsvolles Weihnachtslied gesungen. Später im norwegischen Text verzehrt dann der Hauswichtel seinen Weihnachtsbrei. Das ist wichtig, der Wichtel muss seinen Brei bekommen, will man nicht das Unglück geradezu heraufbeschwören. Die eigentlichen Weihnachtsfeiern – Geschenkeauspacken, Polonaise um den Weihnachtsbaum, Festmahl mit Weihnachtsbier – können erst danach beginnen.

Man sieht es dem Cover nicht an, aber in diesem Buch wird die Lage der Wichtel als neues ländliches Proletariat untersucht! – Foto: © Ena Forlag

Eigentlich haust der Wichtel in der Scheune, wo ihm dann auch der Brei hingestellt wird. Da auch in Norwegen ein Großteil der Bevölkerung scheunenlos in der Stadt wohnt, ist natürlich die Frage: Sind die Wichtel im Zuge der Landflucht mit in die Stadt gewandert, oder gibt es auf den verbleibenden Höfen ganze Wichtelscharen, die sich um den Brei schlagen müssen? Der Dichter Tor Åge Bringsværd hat eine weitere Theorie aufgestellt: Er schildert völlig erschöpfte Wichtel, die gar nicht mehr nachkommen, da in so schnellem Tempo Höfe zusammengelegt oder aufgelassen werden, und die als eine Art neues Landproletariat durch die Lande streifen und Tagelohn suchen. Aber das nur nebenbei, das ist kein erbauliches Weihnachtsthema.

Da also der Umfang der mutmaßlichen Wichtelpopulation in den Städten unbekannt ist, geht man auf Nummer sicher und der Wichtel bekommt seinen Weihnachtsbrei. Selbst gestandene Naturwissenschaftler, die das ganze Jahr hindurch über jede Art von Aberglauben erhaben sind, folgen diesem Brauch. Denn das, so beteuern sie auf die Fragen der erstaunten Gäste aus dem Ausland, sei ja gar kein Aberglaube, sondern Tatsache. Der Wichtel wartet auf seinen Brei, und man weiß nicht, was passiert, wenn er ihn nicht bekommt.

Es muss nicht immer Bier sein, ein wahrer Weihnachtswichtel nimmt auch Aquavit! – Illustration: Karl Uchermann

Ein Problem, dem sich offenbar noch niemand so richtig gewidmet hatte, tauchte in Anfragen an die norwegische Botschaft in Berlin auf. Beim urbanen Lebensstil, wo alles so schnell gehen muss, haben da wirklich alle Familien Zeit, für den Wichtel den vorschriftsgemäßen Brei zu kochen? Und wenn sie z.B. in einem Reihenhaus oder einem Block wohnen, wohin stellen sie den Brei, der ja in die Scheune gehört? Da diese Frage in Norwegen total unerforscht war, musste sich ein dazu abkommandierter Botschaftsrat eine Antwort ausdenken. Weihnachtsbrei, Weihnachtsbier, es geht um das Festmuster und ein Fall von Requisitenverschiebung macht sich in der Brauchtumsbeschreibung immer gut, muss er gedacht haben, und so lautete dann die Antwort: Nein, oft reicht die Zeit nicht zum Breikochen, so wenig, wie zum Brauen des althergebrachten Weihnachtsbieres. Deshalb wird der Familienvater ausgesandt, um für den Hauswichtel einen Sixpack Pils zu erstehen. Der Sixpack wird in die Garage gestellt und kann dort vom Wichtel abgeholt oder an Ort und Stelle konsumiert werden.

Was der Wichtel übriglässt, darf der Hausvater dann am nächsten Morgen austrinken.

Ein schöner, zeitgemäßer Brauch, finden Sie nicht? Diese Beschreibung geistert seit zwei Jahren durch die deutschsprachige Presse und wird damit langsam zur modernen Wandersage, aber, leider, glauben Sie kein Wort, es ist alles erfunden. Der wahre norwegische Wichtel bekommt zu Weihnachten Brei oder gar nichts!

Denn wenn er etwas anderes bekommt, geht es immer schief. Das berichtet ein in Norwegen in vielen Varianten verbreitetes Märchen:

Es war einmal ein Hofwichtel, mit dem die Bauersleute sehr zufrieden waren. Der Wichtel hütete die Tiere, vor allem die Pferde wurden vorbildlich versorgt. Wenn der Bauer mit der Arbeit fertig war, brauchte er sich nie mehr um die Pferde zu kümmern – das erledigte ja der Wichtel.

Der Bauer und die Bäuerin schätzten ihren hilfsbereiten Wichtel natürlich sehr und wollten ihm das auch zeigen. An Festtagen stellten sie ihm immer den feinsten Sahnebrei in die Scheune, und zu Heiligabend gab die Bäuerin einen ganz besonders dicken Klecks Butter hinein, so dass der Weihnachtsbrei richtig lecker und fett wurde.

Doch als sich das Weihnachtsfest wieder näherte, kamen Bauer und Bäuerin auf die Idee, dem Wichtel ein ganz besonderes Geschenk zu machen, weil er immer so tüchtig und hilfsbereit war. Die Bäuerin nähte ihm deshalb eine Hose aus allerfeinstem Leder und legte sie abends in der Scheune neben die Breischale.

Am Weihnachtsmorgen wütete ein Schneesturm, aber die Bauersleute fuhren trotzdem zur Kirche, wie der Brauch es verlangte. Bei ihrer Rückkehr spannten sie die Pferde auf dem Hofplatz aus, liefen dann aber eilig ins Trockene – der Wichtel würde schließlich den Rest erledigen

Als der Bauer nachmittags auf den Hofplatz trat, sah er zu seinem Schrecken, dass die Pferde noch immer nass und verfroren dort standen. Rasch brachte er sie in den Stall, nahm ihnen das Zaumzeug ab, rubbelte sie mit Stroh trocken, gab ihnen Futter und Wasser. Danach kletterte er zu dem Wichtel auf den Heuboden und verfluchte ihn auf ganz unweihnachtliche Weise, weil der Wichtel seine Arbeit nicht getan hatte. „Aber das konnte ich doch nicht“, verteidigte sich der Wichtel, „bei dem schrecklichen Schneesturm konnte ich nicht rausgehen. Dann wäre doch die feine Lederhose nassgeworden!“

Geschichtensammlung von der Übersetzerin aus dem Norwegischen Gabriele Haefs

 

 

 

 

„Nordlicht, Elch und Tannengrün“ enthält eine Version der Wichtellederhosengeschichte

Ein Beitrag von Gabriele Haefs zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

 

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