Die Gemeinwohl-Bilanz – ein Selbstcoachingtool für Unternehmen

PeterDargatz - pixabay

Die 3. Internationale GEMEINWOHL-BILANZ-Pressekonferenz, die ich am 24. April 2014 in Hamburg im Rudolf-Steiner-Haus besuchte, brachte im Ergebnis bei mir etwas zum Klingen. Ich war voller Neugierde angereist. Schließlich ist Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) noch so etwas wie eine Sozialutopie, wirkt bisher nur indirekt politisch-gesellschaftlich. Warum schließen sich zunehmend Unternehmen und Vereine ethisch begründet dieser Bewegung an? Wäre CSR nur ein Label?

Der Begriff „Gemeinwohl-Ökonomie“ wurde erst 2010 vom Österreicher Christian Felber, dem Mitbegründer von Attac, geprägt, der zeitgleich das Projekt „Bank für Gemeinwohl“ initiierte. Beides fußt auf der Infragestellung herkömmlichen kapitalistischen Wirtschaftens, bei dem die Finanzen, das Anhäufen von Kapital und das sogenannte Wachstum, den einzigen Sinn darstellen. Dass der Stärkere sich zwischen Konkurrenten behauptet, ist angeblich notwendig und gesund. Darüber hinaus ist eine Marktbehauptung nach gängiger Meinung ausschließlich gegen ökonomische Krisen von der Volks- bis hin zur Weltwirtschaft geeignet.

GWÖ-orientiertes Denken und Handeln setzt andere Prämissen: Die GWÖ sieht die Finanzbilanz eines Unternehmens nur als Mittelbilanz für Investitionen, Tilgung von Krediten, begrenzte Rücklagen und Ausschüttungen an Mitarbeiter als auch für die zinsfreie Kreditvergabe an andere Unternehmen und Vereine. Unternehmenskonzentrationen werden nicht angestrebt, sondern strikt abgelehnt. Die Gemeinwohl-Bilanz ist die Hauptbilanz. Sie orientiert sich an den sozialen Grundwerten der GWÖ wie Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität, Teilen und Nachhaltigkeit. Somit sind Transparenz und demokratische Mitbestimmung gegeben. Es werden Stärken und Schwächen beim Erreichen des gesetzten Unternehmensziels reflektiert.

Sechs Hamburger Unternehmen und Vereine präsentierten ihre Gemeinwohl-Bilanzen: eine Möbeltischlerei, ein Veranstaltungszentrum, ein Öko-Beratungs- und Bildungsträger, eine Personalagentur, eine Internet-Schenkbörse und ein Indoor-Spielplatz. Jeder Tätigkeitsschwerpunkt führte zu anderen Ergebnissen. Gemeinsam war allen Vortragenden der unbedingte Wille nach Fairness im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden, Offenheit, Informationsfluss, gemeinsam getragene Verantwortung, ökonomische, soziale und ökologische Nachhaltigkeit.

Nach meinem Konferenzerlebnis kommt diese Art der Bilanz einem Selbstcoaching aller Beteiligten in dem sozialen Gefüge „Unternehmen“ gleich. Es wird ein Austauschprozess über den Sinn des unternehmerischen Agierens, über Erfolge und Probleme in Gang gesetzt und damit Kreativität für Verbesserungen befördert. Stolz auf das Erreichte klang ebenso an wie Selbstkritik zur Sprache kam, z.B. Selbstausbeutung oder die Erkenntnis noch bestehender Kompromisslösungen, was spürbar beflügelnd auf das Finden neuer Lösungswege wirkte.

Kein Wunder, dass es bei mir klingelte, weil ich mich in den vorgestellten Vorgehensweisen im Umgang mit meinen Kunden und Kooperationen wiederfinde. Möglicherweise ist es nun an der Zeit für meine Gemeinwohl-Bilanz. Fühlen Sie sich auch angeregt?

Weiterführende Informationen, aus denen Vorschläge zur Unterstützung und Beteiligung an der Gemeinwohl-Bewegung – privat, geschäftlich oder institutionell – ersichtlich sind:
Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ)
GWÖ Hamburg

Im September 2015 hat der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) mit überragender Mehrheit eine Stellungnahme verabschiedet, nach der das Gemeinwohl-Ökonomie-Modell sowohl in den europäischen als auch die einzelstaatlichen Rechtsrahmen integriert werden sollte.

Im November 2015 erhielt das Wirtschaftsmodell Gemeinwohl-Ökonomie in Spanien den nationalen Umweltpreis „Premio Verde 2015“. „In der Kategorie ‚Privater Bereich‘ ging der Preis an Christian Felber, als Impulsgeber einer weltweiten Gemeinwohl-Ökonomie Bewegung. Für die Jury sei ausschlaggebend, dass die Gemeinwohl-Ökonomie gemeinsam mit UnternehmerInnen entwickelt und weiterentwickelt wird. Hervorgehoben wurde in der Jurybegründung das Ziel der alternativen Wirtschaftsbewegung: Nämlich die gegenwärtige kapitalistische Wirtschaftsweise umzuwandeln und nach ethischen Werten auszurichten, heißt es.“

Im Dezember 2015 „wurde in einer öffentlichen Veranstaltung im Europaparlament über die Gemeinwohl-Ökonomie als nachhaltiges Wirtschaftsmodell für den sozialen Zusammenhalt breit diskutiert“.

Foto: pixabay – PeterDargatz

aktualisiert: 12. April 2016

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