Geschichten vom Schreibtisch (1): Serendipität – Glück oder Unglück – von Rainer Pörzgen

Glückskeks_geschlossen2Das Phänomen war mir lange schon vertraut, bevor ich den Ausdruck dafür kennen gelernt habe: Man bearbeitet ein Thema und sucht dafür ein Zitat, eine Passage oder einen ganzen Text, stößt dabei unvermittelt auf etwas anderes, das man zwar nicht gesucht hat, das aber doch hilfreich ist. Das nennt man den Serendipity-Effekt oder eingedeutscht Serendipität. Ein solcher Zufallsfund kann eine Arbeit bereichern, kann sie um einen bis dahin nicht bedachten Aspekt erweitern, ihr sogar eine andere, völlig unerwartete Richtung geben. Er kann also ein wahrer Glückstreffer sein! Ärgerlich ist allerdings, wenn das erst nachträglich geschieht, wenn ein solcher Zufallsfund bei einer bereits abgeschlossenen und abgelieferten Arbeit hilfreich gewesen wäre, ja, mehr noch, wenn er das Fertige im Nachhinein wieder unfertig erscheinen lässt.

Doch kann er sich sowieso als das Gegenteil eines Glückstreffers erweisen, dann nämlich, wenn er auf ein anderes Thema verweist. Genau das kann leicht zum Problem werden – für mich zumindest. Wenn während der Arbeit an einem Thema interessante Hinweise für ein anderes auftauchen, dann gerate ich leicht in Schwierigkeiten, denn dann neige ich dazu, mich zu verzetteln. Dieser neue interessante Fund zieht mich wie magisch an. Wohl wissend, dass ich erst die eine Arbeit beenden sollte, bevor ich mich einer anderen zuwende, muss ich ihm nachgehen – mit dem Risisko, durch weitere solcher Funde dann auch weitere Themen anzuschneiden. So dass es geschehen kann, dass ich am Ende wie der berühmte Esel des Buridanus dastehe, der zwischen zwei Ballen Heu verhungert ist, weil er sich nicht entscheiden konnte, von welchem er fressen sollte.

Text: Rainer Pörzgen
Bild: „Glückskeks geschlossen“ von 3268zauber – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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2 Gedanken zu „Geschichten vom Schreibtisch (1): Serendipität – Glück oder Unglück – von Rainer Pörzgen

  1. Hi Rainer, dieses Phänomen hat mich so manches Mal unter Zeitdruck gesetzt. Nun kann ich von dir erfahren, daß der Effekt einen Namen hat. Danke dafür.
    Hm, Esel hin – Esel her, … nun kommt mir doch Watzlawicks Axiom von der Ambiguitätstoleranz in den Sinn..… 😉

    1. Diese Kompetenz scheint mir recht ungleich verteilt zu sein, wenn sie nicht ohnehin nur ein optimistisches Konstrukt ist. Ich selbst habe offensichtlich kaum etwas davon abbekommen.

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