Schon in der Frühphase ihrer Laufbahn erfährt die Übersetzerin, wie recht die alten Daoisten hatten, als sie feststellten: Das Wissen um den Wert erzeugt Hemmung.
Als ich vor ziemlich genau zwei Jahren stundenlang über dem ersten Absatz meines ersten Textes brütete, fiel mir eine alte Geschichte ein. Sie muss aus dem Orient stammen, woher ich sie kenne, weiß ich nicht mehr.
Es wird wohl ein Kaufmann gewesen sein, der mit einem unbeschreiblich wertvollen Juwel zu einem Steinschleifer kam und ihn bat, diesen in der Mitte zu zerteilen. Der alte Meister sah auf den ersten Blick, mit welcher Kostbarkeit er zu tun hatte. Von Kindesbeinen an hatte er Edelsteine geschnitten und geschliffen, doch einen solchen Stein hatte er noch nie zuvor gesehen. Er nahm ihn an sich, nickte dem Kaufmann zu, drehte sich um und schritt davon. Der Kaufmann, der erwartet hatte, dass der Meister den Stein teilen würde, sah ihm erstaunt hinterher. Als dieser jedoch statt zu den Gesellen zu einem Knaben ging, der in einer Ecke saß und an Kieselsteinen übte, fuhr ihm ein solcher Schreck in die Glieder, dass er nichts mehr sagen konnte. Der Alte überreichte dem Jungen das Juwel, erklärte ihm, wo er den Schnitt zu setzen habe, und bevor der Kaufmann Atem schöpfen konnte, war der Stein entzwei und lag wieder in seinen Händen. „Was habt Ihr getan?“, keuchte er und starrte auf die perfekten Hälften. „Meine Hände zitterten beim bloßen Anblick Eures Schatzes. Für den Jungen jedoch war es nur ein Stein.“

Da saß ich also vor meinem Schatz und wünschte, ich wäre wie jener Junge – ahnungslos, mit welcher Kostbarkeit ich es zu tun hatte. Literaturnobelpreisträger Knut Hamsun unter der Knechtschaft meiner Feder!
Die Sache mit der Ehrfurcht kann so weit gehen, dass man kaum in der Lage ist, überhaupt zu übersetzen. Denn übersetzen bedeutet, bis zu einem gewissen Grad neu zu erschaffen. Zwar ist es die Pflicht der Übersetzerin, den Stil – die Erkennungsmerkmale – des Originals zu wahren, doch fließt jedes Wort zunächst durch ihre Seele und erst dann aufs Papier. Um die Texte wirklich zu übertragen, muss sie sie fühlen, wodurch jede Übersetzung auch den Stempel ihres Herzens trägt.
Handwerklich bedeutet das, dass die Übersetzerin die Kühnheit aufbringen muss, sich vom Original zu lösen, ja, einen großen Schritt zurückzugehen. Der Text muss in der neuen Sprache les- und fühlbar sein und darf keinesfalls den Eindruck erwecken, der Leser habe es lediglich mit einer „Illusion“ der Stimme der Autorin zu tun. Obwohl es genau das ist!
Was hilft der Übersetzerin also über die lähmende Ehrfurcht hinweg? Das Vertrauen in die eigene Stimme, Übung, die Meinung erfahrener Kolleginnen – und zeitliche Distanz zum Geschriebenen.
Erwähnten Hamsun hatte ich innerhalb der Wochen, in denen ich an ihm arbeitete, so häufig durchgelesen, dass ich selbst heute noch einige Passagen auswendig kann. Doch ständige Wiederholungen, verzweifeltes Feilen an Sätzen, Drehen und Wenden von Wörtern sind nutzlos, wenn der Abstand fehlt. Mittlerweile weiß ich, dass mindestens vierzehn Tage vergehen müssen, bis der Originaltext mein Ohr verlassen hat – und die Ehrfurcht im beherrschbaren Raum angelangt ist. Erst dann fallen mir Passagen auf, die unnatürlich klingen.
Erst wenn sich die „perfekte Illusion“ entfaltet, verschwindet die Übersetzerin aus dem Sichtfeld der Leser und ihre Aufgabe ist erfüllt.
Wir sind nicht ahnungslos wie jener Junge, so schön es manchmal wäre. Doch wir haben mehr als einen Schnitt!
Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig
