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Wenn ich mal nicht übersetze …

Was ich dann tue, ist eine Frage, die überraschend oft gestellt wird – aber offenbar hat sich herumgesprochen, dass auch Übersetzerinnen zwischendurch mal eine Pause einlegen müssen, doch was wir dann machen, scheint eine interessante Frage zu sein. Ich habe oft den Eindruck, dass irgendwelche ganz besonderen Taten von uns erwartet werden, bloß, welche? Keine Ahnung. Aber hier also ein Versuch, auf diese Frage eine Art Antwort zu geben. Was tue ich also, wenn ich nicht übersetze? Selber schreiben, natürlich, doch das gehört nicht hierher, davon erzähle ich ein andermal. Aber ich kann mich nützlich machen, und das ist jedenfalls nicht schlecht.

Mein letzter Versuch, mich nützlich zu machen, war sehr literarisch. Eine liebe Freundin hatte einen Roman geschrieben. Sie verfügt über große Erfahrung im Verfassen von Fachliteratur – aber ein Roman ist eben etwas anderes. Und ob ich den durchsehen könnte, Fehler suchen, nachsehen, ob alles seine Logik hat. Ich holte tief Luft, stellte den unvermeidlichen Kaffee hin und ging ans Werk. Natürlich war viel Kaffee nötig, denn der Roman hat über 400 Seiten. Das war aber nicht das Problem. Das Problem war, dass ich total gefesselt war und immer vergaß, auf unlogische Stellen zu achten.

Das sind Sachen wie, dass eine Nebenfigur auf S. 13 Heinrich heißt, auf S. 312 dann aber Theodor, und weil er eben eine Nebenfigur ist, denkt man, es könnte ein anderer sein, und das ist dann verwirrend. Oder es kommen spanische Vokabeln vor, sind die immer richtig geschrieben? Meine zwei Jahre Spanisch zu Schulzeiten liegen lange zurück, aber der gebildete Mensch hat ja Wörterbücher, ach, egal, solche Dinge waren das eben. Sachen, die leicht passieren, für meinen Geschmack aber Scheußlichkeiten sind, „würde“ im Wennsatz oder so. Ich sollte aber nur nachsehen und war keine Zensorin, also schreibe ich in solchen Fällen: „Die Regel ist soundso, bisher hab ich den Eindruck, dass du grammatisch korrekt und elegant schreibst, willst du das hier wirklich so haben?“ Also eigentlich alles Kleinkram, aber bei der Menge Buch kam doch was zusammen – meistens genau das, was unsereiner auch beim Übersetzen passiert: Wir wissen, wie es heißen muss, aber im Eifer des Gefechts ist das Kleinvieh so leicht zu übersehen und ein scharfer Blick von auswärts kann helfen.

Das war also mein scharfer Blick – und jetzt etwas über das Buch. Das ist nämlich hinreißend. Es führt in eine für mich total fremde Welt, nach Mallorca, in einen kleinen Ort, wo sich jedes Jahr fast dieselben Leute treffen. In der Zwischenzeit, wenn sie zu Hause sind, haben sie keinen Kontakt zueinander. Also ist es jedesmal dasselbe: Sie warten gespannt, wer da ist, wer nicht da ist, überlegen, warum jemand nicht da ist, beobachten, wer nun mit wem verfeindet oder verbandelt ist, und nebenbei amüsieren sie sich und trinken interessante Dinge. Es könnte aber alles so schön sein, aber die Handlung geht damit los, dass ein Toter gefunden wird, den niemand kennt (geht gar nicht, bei einer festen Clique), und dass die Todesursache auch noch unklar ist (Mord? In unserem Ferienparadies? Geht erst recht nicht). Kein Wunder, dass ich immer die Grammatik aus den Augen verloren habe und nur wissen wollte, wie es weitergeht. Großes Zusammenreißen, neuer Kaffee geholt, weiter konzentriert und kommentiert. „Interessante Menschen zu treffen, gefällt mir immer“, sagt eine der Hauptpersonen in diesem Buch. Für interessante Bücher gilt das genauso. Und jetzt ist das Buch da, und ich kann es in der Hand halten (es wiegt nicht wenig, denn, wie gesagt, über 400 Seiten), und es ist ein wunderbares Gefühl, mein Scherflein zum Zustandekommen beigetragen zu haben.


Eris von Lethe:
Es gibt keinen Kaffee im Café del Boulevard
Tredition, 2025,
Hardcover, 516 Seiten,
ISBN 978-3384740694,
Kosten: € 20,00


Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig


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Gabriele Haefs

Gabriele Haefs hat Volkskunde, Sprachwissenschaft, keltische Sprachen und Skandinavistik studiert, liebt alle Fächer gleichermaßen und springt deshalb beim Übersetzen und Schreiben dazwischen hin und her. Sie wohnt in Hamburg und würde gern noch eine Sprache lernen, aber private Umstände verhindern das zur Zeit.

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