Meine Abenteuer beim Übersetzen, 21: Ich war nicht gläserne Übersetzerin

Nun war wieder Hieronymustag, und ich hatte mich schon so an den gläsernen Auftritt gewöhnt – aber diesmal waren alle Glashäuser bereits besetzt, und ich konnte feststellen: Es muß nicht immer gläsern sein. Nur ohne Löwen geht nichts, aber das braucht ja wohl nicht extra erwähnt zu werden.

In diesem Jahr also stellten Christel Hildebrandt und ich unsere Arbeit an sich vor, keinen einzelnen Text, kein frischerschienenes Buch, nein, unter dem Titel „Was macht eigentlich eine Übersetzerin“ konnten wir aus dem Nähkästchen plaudern. Schauplatz: Das Buchcafé Jussi in Hamburg (jussi-krimicafe.de), und gesponsert wurde das Ganze von der wunderbaren Weltlesebühne –hier kann man mehr über diese grandiose Einrichtung erfahren: weltlesebuehne.de

Die Übersetzerinnen Gabriele Haefs und Christel Hildebrandt
Foto © Dörte Giebel, deutsch-norsk litteraturblogg nordlieben.de

Als Einstieg lasen wir eine Glosse des litauischen Kollegen Teodoras Četrauskas, mit dem programmatischen Titel „Wie man aus fremden Sprachen übersetzt“. Der Kollege empfiehlt unter anderem, die Sprache, aus der übersetzt wird, wenigstens oberflächlich zu kennen und ab und zu einen Blick ins Original zu werfen. Freund Teodoras hat übrigens Günter Grass übersetzt und fiel bei selbigem in Ungnade, als er es wagte, den Meister auf einen Fehler in der Geographie Litauens hinzuweisen, der so nicht übersetzt werden könnte, weil sich sonst Halb-Litauen totlachen würde. Womit wir gleich drei Themen hatten: Wie gehen wir um mit landesspezifischen Dingen, die in Deutschland kaum jemand kennt (in diesem Fall den Lada-Ziguli, vor der Wende in Litauen nur den Besserverdienenden zugänglich und damit ein begehrtes Statussymbol). Wie verhalten wir uns, wenn der Autor Fehler macht, die nichts mit dem Romaninhalt zu tun haben, und wie schließlich, wenn wir Kontakt zum Autor aufnehmen und der sich als zickige Diva entpuppt? Das mit den Fehlern muß dann noch genauer erklärt werden. Wenn in einem norwegischen Roman der Kölner Dom auf dem falschen Rheinufer steht, dann muß erst geklärt werden, ob der Autor keine Ahnung von den wirklichen Gegebenheiten und eigentlich einen realistischen Roman geschrieben hat, oder ob es eine Art Fantasy-Geschichte sein soll, in der die Rheinufer vertauscht worden sind. Das merkt man aber beim Übersetzen sehr schnell und kann sich entsprechend verhalten – in diesem Fall reichte das Vertauschen von zwei Sätzen und schon war der Dom nicht mehr auf der Schääl Sick.

Diese drei Themen hätten schon ausgereicht, um den ganzen Abend zu füllen, zu jedem konnten wir allerlei Anekdoten aus unserem übersetzerischen Alltag beisteuern, die im Nachhinein alle sehr komisch sind, sogar die von zickigen Autoren. Andere Themen konnten dann nur noch gestreift werden: Was machen wir bei Dialektstellen im Originalbuch, wie gehen wir mit Gedichten um, was, wenn die Romanpersonen missverständliche Namen haben?

Hieronymustag im Jussi – Krimi-Buch-Café in Hamburg, mit Gabriele Haefs und Christel Hildebrandt
vlnr: Mitte Gabriele Haefs, rechts Christel Hildebrandt, dazwischen der Löwe
Foto © Bianca Jarske, Inhaberin vom Jussi

Aber das Publikum, das eifrig mitdiskutierte und jede Menge Fragen aus dem Ärmel schüttelte, hatte noch ganz andere Interessen. Eine Frau fragte, wo denn der archetypische Mann mittleren Alters bleibe, der eine ungeheuer verwickelte und sorgsam aufgebaute Frage stellt, die mit dem Thema rein gar nichts zu tun hat. Es waren – wie so oft in solchen Zusammenhängen – mehr Frauen da als Männer, also wurde der älteste der anwesenden Herren erwartungsvoll angestarrt. Aber er war eben doch zu jung und zu hübsch für diese Rolle, und so erlebten wir einen seltenen Abend ohne einen archetypischen Herrn und seine Beiträge. Allein das wird den Abend unvergeßlich machen.

Der heilige Hieronymus mit den Heiligen Paula und Eustochium. Ölgemälde von Francisco de Zurbarán © Wikipedia und Wiki Commons

Das Thema aber, das die Gemüter wirklich erregte, galt nicht der Literatur, sondern der Heiligenforschung. Wer war St. Hieronymus, der Schutzpatron der Übersetzenden, wurde gefragt. Wir erzählten von seiner Bibelübersetzung und von dem Löwen, dem er den Dorn aus der Pfote zog und der danach sein treuer Begleiter wurde. Aber da hinter jedem großen Mann bekanntlich eine verdutzte Frau steht, erwähnten wir auch St. Eustochium, die mit ihm zusammenarbeitete. Er hat ihr mehrere Schriften gewidmet, sich immer wieder bei ihr für ihre Hilfe bedankt, und: Während die Gelehrten sich noch heute streiten, ob Hieronymus überhaupt Hebräisch bzw. Aramäisch konnte und wenn ja, wie viel, ist bekannt und belegt, daß Eustochium diese Sprache perfekt beherrschte, und daß Hieronymus ohne ihre Hilfe beim Übersetzen des Alten Testamentes nicht weit gekommen wäre. Warum ist sie also nicht unsere Schutzheilige? Weil sie sich der Arbeit gewidmet hat, während der Herr Heilige sich mit seinem Löwen amüsierte? Alle waren sich einig, daß der Name Eustochium einfach nicht marktgerecht ist, was haben sich ihre Eltern bloß gedacht, als sie dem armen Kind einen solchen Namen verpaßten? Und welche Namen hätten zur Auswahl gestanden, in einer vornehmen römischen Familie im 5. Jahrhundert? Darüber wurde leidenschaftlich diskutiert, und zwischendurch kam ich mir vor wie eine christliche Verkünderin, als ich über Eustochiums Leben, Werk und Inspiration berichtete. Das war dann die wahre Erkenntnis des Abends: Mir fehlt es absolut an missionarischer Glut, ich werde also beim Übersetzen bleiben!

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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