Warum ich über Frauen schreibe … von Christiana Puschak

Die Gründe für mein Schreiben über Frauen wären ein Thema für ihren Blog, meinte Evy. Wir kennen uns durch die ehemalige Vereinszeitschrift der BücherFrauen, den Newsletter, für den ich zwischen 2002 und 2006 meine ersten Rezensionen und Porträts schrieb sowie Interviews beitrug. Das war damals mein erster Schritt, einen neuen Weg einzuschlagen, weg von der Psychotherapie hin zu dem, was ich schon lange wollte: Schreiben nicht nur für die Schublade. Inzwischen schreibe ich regelmäßig Rezensionen, Porträts, Essays und führe Interviews. Vor allem über/mit Frauen und deren Themen.

Warum vor allem über Frauen?

In den 80ern, als ich Psychologie studierte, war „der Mensch“ vor allem männlich und die Jugendforschung, in der ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war, war Jungenforschung – Frauen- und Mädchenforschung gab es noch nicht. Ich habe trotzdem immer versucht, geschlechtsspezifische und -typische Aspekte einzubeziehen. Mit Ausdauer und Langmut gegenüber ironischen Spitzen erreichte ich auch manch männlichen Kollegen, wobei die weiblichen selten offener für das Thema waren.

Bereits während des Hauptstudiums hatte ich mich neben der Psychologie dem Fach Literaturwissenschaft zugewandt, wählte als Prüfungsthema Fontanes Frauenbilder sowie moderne Selbsterfahrungsliteratur und belegte Seminare zur weiblichen Exilliteratur des Nationalsozialismus. Diese Form der Auseinandersetzung mit Literatur regte mich an, in Romanen einen neuen Blick auf weibliche Figuren zu richten. Mit ihnen kann ich mich eher identifizieren, sie mögen, bewundern, ablehnen oder kritisieren. Gleichermaßen geht es mir mit autobiografischen Zeugnissen.

Eine wichtige Tätigkeit für mich ist meine Mitarbeit am Wir Frauen-Kalender. Das ist der handliche rote, überaus gehaltvolle Taschenkalender, in dem es seit 1978 jedes Jahr Wichtiges nachzuschlagen, neu herauszufinden und zu schmökern gibt. Rot ist er wieder seit 2016, vorübergehend war er türkis und dunkelblau. Die Mehrheit der Leserinnen wollte ihn wieder in Rot, der „Farbe des Widerstands gegen Sexismus, Rassismus, Ausgrenzung“.

Zu den Kalenderthemen zählen neben frauenspezifischen Anliegen u.a. Arbeit, Friede und Selbstbestimmung. Es gibt jedes Jahr viel Information aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Immer schon gefällt mir die Gestaltung des Kalenders: gute Fotos, Zeichnungen, Gedichte und andere nachdenkliche wie kluge Texte, oft mit einer Prise Humor gewürzt. Im hinteren Kalenderteil ist das Kleine Lexikon, das aus Kurzporträts über z.B. Jazz-Frauen, Philosophinnen, Sportlerinnen oder Kabarettistinnen besteht.

Marie Langer, Psychoanalytikerin und Ärztin, 1910-1987
Marie Langer, Psychoanalytikerin, 1910–1987

Die Herausgeberin des Kalenders ist neben Melanie Stitz die Journalistin und Autorin Florence Hervé, die ich durch Lesungen aus ihren faszinierenden Büchern Frauen am MeerFrauen im Gebirge und Frauen in der Wüste kennengelernt hatte. Sie schlug mir 2008 vor, für den nächsten Kalender zu einem runden Geburtstag einer mir wichtigen Frau einen Monatsbeitrag zu schreiben. Ich entschied mich für Marie Langer, eine Psychoanalytikerin, die am 31. August 1910 100 Jahre alt wurde – eine Frau, die es verstand, Psychoanalyse und Revolution zu verbinden. Nicht viele kannten sie. Nun konnte ich ein Porträt schreiben, das mich und andere Frauen mindestens ein Jahr lang begleiten würde.

Schwierig schienen mir in jenem Jahr die Beiträge für das Kleine Lexikon. Es sollten Hexen vorgestellt werden, womit ich mich bisher kaum befasst hatte. Ich tastete mich an das Thema heran – und staunte. Es war keineswegs esoterisch, sondern es ging um Etikettierung von Frauen, um Diskriminierung und um erpresste Geständnisse, um Folter bis hin zu Lebensbedrohung und Tod. Es ging um Sanktionen für abweichendes Verhalten – das kannte ich aus dem Soziologiestudium und aus meinem Leben!

Im Jahr darauf hatte ich bereits Monate vor der konkreten Kalenderplanung eine Frau mit einem 100. Geburtstag ausgewählt und über sie gelesen: Die Lyrikerin Hilde Marx. Für das Porträt lernte ich sie näher kennen, ihre strenge Erziehung und was sie trotzdem aus ihrem Leben machte. „Zeitung ist nichts für Mädchen“, sagte ihr Vater und verbot ihr, sie zu lesen. Trotz dieses Verbots studierte sie Publizistik und arbeitete später journalistisch und im Kabarett. Dieses TROTZDEM so vieler Frauen fasziniert mich immer wieder und ist ein wesentlicher Grund für mein Schreiben.

Wenn ich mich in die Biografien von Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Psychoanalytikerinnen o.a. und in ihr Werk vertiefe, entsteht allmählich ein inneres Bild des Menschen vor mir und gewinnt Konturen, es ist, als ginge ich auf jemanden zu.

Freya Madeline Stark, Forschungsreisende, 1893-1993
Freya Stark, Forschungsreisende, 1893–1993
Sentenz von Else Kienle: „Der Kampf der Frau entschied sich an diesem Punkte: Bei der Eroberung des Rechtes über den eigenen Körper.“
Else Kienle: „Der Kampf der Frau entschied sich an diesem Punkte: Bei der Eroberung des Rechtes über den eigenen Körper.“

Im Kleinen Lexikon jenes Jahres war das Thema Reisende Frauen, im Jahr darauf Ärztinnen. Zu beiden Themen fielen mir viele Frauen ein. Die Abenteuerin Freya Stark, die um 1930 geografische Studien in Persien betrieb, die Naturforscherin Sibylle Merian oder die Ethnologin und Widerstandskämpferin Germaine Tillion, um nur einige zu nennen. Ebenso war es bei den Ärztinnen: Else Kienle behandelte Prostituierte, die sich wegen der erlittenen Diffamierung durch männliche Ärzte zu keinem Arzt mehr trauten. Rahel Hirsch als erste Professorin für Medizin ließ sich vom Spott ihrer Kollegen nicht beirren. Viele kämpften gegen massive Widerstände, Chirurgin oder Nervenärztin zu werden.

Bergsteigerinnen, Gewerkschafterinnen, Architektinnen u.a. waren weitere Lexikon-Themen. Ein großes Vergnügen war es, für den diesjährigen Kalender über Karikaturistinnen zu schreiben. Hier wurde gründlich mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass Frauen weniger Humor als Männer hätten. Und die Untersuchung von Mutter- und Tochterbeziehungen einschließlich der Großmütter für 2019 faszinierte mich als Psychologin. Weitere ausführliche Porträts schrieb ich u.a. über Meret Oppenheim, Anna Freud, Anja Lundholm, Lou Andreas-Salomé und Maria Lassnig. Auch kleinere Porträts sind Inhalt des Kalenders.

Ich finde es nach wie vor wichtig und nötig, aufzuzeigen, wie Unterdrückungsmechanismen funktionieren und dies zu thematisieren. Doch es gibt andererseits so viele Vorkämpferinnen, an deren Mut und Leistungen Frauen anknüpfen können und sollten. Mir liegt daran, immer neue Frauen kennenzulernen, die Auswege aus ihren schwierigen Situationen gefunden haben. Über diese Frauen, die jüngeren wie älteren Leserinnen Mut machen können, schreibe ich.

Denn, so der Frauenstudienzirkel in Österreich: Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat, so Gerda Lerner, die erste Frauengeschichtsforscherin, die dazu aufforderte: Jede Frau sollte mindestens ein Jahr lang Frauengeschichte studieren, egal was sie sonst macht.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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