Meine Abenteuer beim Übersetzen, 3: Ich war gläserne Übersetzerin

HieronymusNURDer 30. September ist der Tag des Heiligen Hieronymus, und der ist der Schutzpatron der ÜbersetzerInnen. Hieronymus hat nämlich die erste Bibelübersetzung ins Lateinische angefertigt und überdies einem Löwen einen Dorn aus der Pfote gezogen. Danach wich der treue Löwe nie mehr von seiner Seite, und deshalb wird Hieronymus immer mit einem Löwen dargestellt. Das ist sicher wahnsinnig symbolisch, wir ziehen gewissermaßen einem schweren Text den Dorn aus der Pfote, der Text ist sofort lammfromm und läßt sich übersetzen. Vielleicht hat Hieronymus auch einfach mit dem Markus-Evangelium angefangen, ist auf den Geschmack gekommen und wollte, wie dieser Evangelist, dann auch einen Löwen als Symbol haben. Was wissen denn wir … Am Hieronymustag jedenfalls finden in vielen Städten (und Ländern) Veranstaltungen zum Thema Übersetzen statt, und die Sache mit den gläsernen ÜbersetzerInnen ist eine davon. Ich hatte das noch nie gemacht und wußte nur vage, wie es vor sich geht. Ich sitze also in einer Bibliothek oder sonst einem öffentlichen Raum vor dem Rechner, schreibe meinen Text, der erscheint sofort auf dem Bildschirm, und das staunende Publikum bewundert mich, weil ich so schnell tippen kann. So ungefähr?

Löwe2Ich war als gläserne Übersetzerin für Flensburg gebucht, klemmte mir also meinen frischerstandenen Löwen unter dem Arm (€ 17,20 vom Isemarkt) und machte mich auf die Reise. Las unterwegs in dem Buch, das ich übersetzen sollte, und stellte mir vor, wieviel Text ich wohl schaffen würde. Aber natürlich kam alles ganz anders …

Wir waren zu viert, Marieke Heimburger übersetzte einen Krimi aus dem Dänischen, Peter Robert einen Sci-fi aus dem Englischen, Anja Lehmann eine Studienordnung ins Englische, und ich einen „normalen“ Roman aus dem Norwegischen. Wir waren alle der Bewunderung voll für Anja und ihre Studienordnung und froh, „nur“ Literatur zu übersetzen. In meinem Buch wird im ersten Satz eine tote Krickente gefunden – aber wenn ich mich irre und statt Krickente Bläßhuhn schreibe, ist das peinlich, wenn jemand es merkt, aber am Sinn ändert es nichts. Dagegen kann ein kleiner Irrtum bei der Studienordnung furchtbar viel Unheil anrichten …

Aber zurück zu meiner Krickente. Sie liegt im ersten Satz im Schilf, und viel weiter kamen wir nicht. Es ist umwerfend, wieviel sich über einen Satz diskutieren läßt. Die Krickente zweifelte niemand an, aber hat sie Federpracht oder Gefieder? Und wenn es eine männliche Krickente ist, ist es ein Krickenterich, ein Krickerpel, einfach ein Männchen? Und wo soll das Komma gesetzt werden, und soll überhaupt, und schon fällt jemandem etwas überhaupt zur Problematik der Zeichensetzung ein und zehn Minuten später sind wir noch immer nicht wieder bei der Krickente angekommen, sondern jemand im Publikum will wissen, wie lange man für eine Seite braucht, woher wir Aufträge bekommen, ob wir sie ablehnen können, wenn die Bücher gar zu bescheuert sind, und ob man vom Übersetzen leben kann. Zwischendurch versuche ich, an dem Satz weiterzuschreiben, in dem das tragische Ende des Kricktieres geschildert wird, aber dann vertippe ich mich – ist nämlich Mariekes Laptop, an dem ich mich erst mal gewöhnen muß. Und ehe ich das falsch geschriebene Wort wieder gelöscht habe, meldet sich der archetypische Herr mittleren Alters zu Wort, der bei jeder Lesung und jedem Vortrag auftaucht, und der immer alles besser weiß, und sagt etwas, dessen Bezug zum Thema Krickerpelgefieder weder mit bloßem Auge noch mit der Lupe zu erkennen ist, und vor lauter Schreck fällt mein Löwe vom Tisch, und ich muß um einen neuen Kaffee bitten (Wiener Melange, allein deshalb lohnt sich der Besuch in der Flensburger Zentralbücherei), und dann ist meine Stunde um, und es muß umgebaut werden für die nächste gläserne Übersetzerin.

Ich habe soviel gelernt, mindestens soviel wie das Publikum, soviel gelacht, mit dem Publikum zusammen, und schon freue ich mich auf den nächsten Hieronymustag. Und mein Löwe bestimmt auch.

Fotos: Gabriele Haefs

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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