Aus dem Übersetzerinnenleben, 4: Übersetzen im Duett

Soeben sind zwei Krimis des Norwegers Eystein Hanssen erschienen, die ich zusammen mit Andreas Brunstermann übersetzt habe. Und schon hagelt es Fragen: Übersetzen im Duett, wie geht das denn überhaupt? Ob die klassischen Übersetzungspaare wie Angermann und Sandmeier (die solche Größen wie Knut Hamsun und Sigrid Undset übersetzt haben) auch solche Fragen beantworten mußten? Die heutigen müssen jedenfalls – wir sind da nicht die einzigen. Wie das überhaupt geht, wird gefragt? Weiß ich auch nicht. Wie immer beim Übersetzen gibt es keine feste Regel, und die anderen machen es sicher anders, und wir machen es auch bei jedem Buch anders. Eigentlich dürfte es nicht so schwer sein, es ist ja derselbe Text. Aber gerade deshalb – vielleicht – gibt es so viele Gruben, in die wir unversehens fallen können. Wenn der eine Sonnabend schreibt und die andere Samstag, Schlachter oder Metzger, an Weihnachten oder zu Weihnachten, schon gibt es einen Bruch im Text. Wie verfahren wir mit den norwegischen Straßennamen? Da wird nämlich der bestimmte Artikel hinten angehängt: gate = Straße, gata = die Straße. Der Mörder lauert seinem Opfer auf, „i Kirkegata“, steht da. Schreiben wir „in der Kirkegata“ oder „in der Kirkegate“, wir könnten natürlich auch schreiben „in Kirkegata“, grammatisch gesehen wäre das total korrekt, klingt aber total falsch und ist also keine gute Lösung. Es gibt keine feste deutsche Regelung, wie mit einem solchen Fall umzugehen ist, und also müssen wir entscheiden. Und das dann im ganzen Buch durchhalten. Es ist ganz praktisch, sich dabei an die Faustregel zu halten: Wer anfängt, bestimmt die Tonlage.

EH Eine Liebe GHNur, wie wird entschieden, wer anfängt? Oft ganz einfach der Terminkalender: wer zuerst mit der vorherigen Übersetzung fertig ist, fängt an und hat sozusagen die Wahl der Waffen. Und dann muß aufgeteilt werden, wer macht was. Schön einfach ist es, wenn ein Buch 200 Seiten hat und gerade auf Seite 100 ist der Mitte eine Leerzeile. Schön wär’s, meistens ist es nicht so. Aber irgendwie kriegt man es immer hin. In einem Buch mit über 100 sehr kurzen Kapiteln schien es sinnvoll, immer zwei Kapitel abwechselnd zu übersetzen und die dann hin und herzuschicken, damit ja keine Anspielung verlorenging. Beim erwähnten Eystein Hanssen war es leicht, in der Mitte zu teilen. In unserem Lieblingsbuch („Eine Liebe in den Tagen des Lichts“ von Espen Haavardsholm) war immer ein Kapitel aus der Sicht eines Mannes und eins aus der Sicht einer Frau geschrieben. Das war eigentlich auch einfach. Im Nachhinein frage ich mich aber, ob wir nicht furchtbar feige waren – denn es wäre doch vielleicht viel reizvoller gewesen, ich hätte die Männerkapitel übersetzt (es ging um den alten Edvard Munch) und Andreas die Frauenkapitel (hier spricht das allerletzte Modell des alten Malers). Vertane Chance, es soll nicht wieder vorkommen. Gerade habe ich das neue Buch des Autors gelesen: Espen Haavardsholms ausgewählte Erzählungen. Ich hoffe, auch das werden wir übersetzen dürfen. Bei den Erzählungen ist die Aufteilung bestimmt einfach. Immer der Reihe nach, eine Andreas, eine ich. Aber das klingt schon wieder feige. Ich werde vorschlagen, dass wir auswürfeln!

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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2 Gedanken zu „Aus dem Übersetzerinnenleben, 4: Übersetzen im Duett

  1. Bei von Männern übersetzten Frauenrollen ist mir bisher dreimal aufgefallen, dass was nicht stimmig war. Beim ersten Mal dachte ich zunächst gar nicht an die Übersetzung, sondern war nur irritiert über den Quark, der da stand. Beim nächsten Mal vergewisserte ich mich gleich, und wieder war es ein Übersetzer.

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