Ich habe noch einen Klassiker übersetzt … Máirtin Ó Cadhain, Grabgeflüster

Mairtín Ó Cadhain
Máirtín Ó Cadhain

So einen richtig echten! Einen Roman, der als bedeutendster irischer Roman des 20. Jahrhunderts gilt, neben und gleichrangig mit „Ulysses“ von James Joyce. Nur schrieb Joyce auf Englisch, Máirtín Ó Cadhain dagegen auf Irisch, deshalb hat sich die Bedeutung seines Romans hierzulande noch nicht richtig herumgesprochen. Es gab auch bisher keine Übersetzungen, in keine andere Sprache. Da es aber jahrzehntelang üblich war, auf Irisch geschriebene Literatur über die englische Übersetzung zu übersetzen, egal, was für idiotische Fehler dabei herauskamen, konnten wir in der deutschen Literatur über Irland bisher zwar über dieses Buch lesen, das war aber auch alles.

Die irische Ausgabe

Es ist so gut wie unmöglich, die Handlung zusammenzufassen, es gibt eigentlich keine. Alle Personen sind tot, begraben, und kaum sind sie unter der Erde angekommen, fangen sie an, genauso gegeneinander zu intrigieren, wie sie das schon zu ihren Lebzeiten getan haben. Sie wissen alle nur, was bis zu ihrem Tod geschehen ist, Neuzugänge auf dem Friedhof werden also ausgehorcht. Schließlich wollen alle wissen, ob die lieben Nachkommen ihnen auch ein schönes Kreuz aufs Grab gestellt haben, oder gar einen Grabstein (besonders begehrt sind Grabsteine aus Granit von den Aran-Inseln), und groß ist das Entsetzen, wenn herauskommt, dass die lieben Nachkommen das Erbe lieber vertrinken, oder in die Ausbildung ihrer Kinder stecken oder auf ähnliche Weise aus dem Fenster werfen. Der Schulmeister, über viele Kapitel hinweg der unangefochtene Intellektuelle des Friedhofs, ist in der Vorstellung gestorben, daß seine Witwe ihn zutiefst betrauern wird, und findet in seinem Grab bei diesem Gedanken Trost. Bis er erfährt, daß sie ihn schon mit dem Postboten betrogen hat, als er noch aufgebahrt in der Küche lag. Der halbe Friedhof lacht ihn aus, die andere Hälfte redet ihm gut zu und schleimt ärger noch als zuvor … dann stirbt aber der Postbote und abermals kippt die Stimmung unter den friedlosen Toten. Das sind aber nur ein paar Beispiele für die aufreibenden Szenen, die sich auf dem Friedhof abspielen.

Das Buch spielt 1941, also mitten im Krieg, Irland ist zwar neutral, aber die Toten haben da so ihre eigenen Ansichten, schließlich liegt hier ein absoluter Hitlerfan neben einem abgeschossenen französischen Flieger. Der irische Bürgerkrieg wird in jedem Kapitel neu ausgefochten, die Frage, wer Jahre zuvor das irische Fußballendspiel gewonnen hat, droht uralte Freundschaften zu zersetzen, kurzum, unter der Erde ist keine Sekunde Ruhe zu finden.

„Máirtín Ó Cadhain, in Irland selbst auf einer Stufe mit James Joyce, gilt als einer der wichtigsten Autoren in irischer Sprache. Er wurde 1906 westlich von Galway, in einer ausschließlich irischsprachigen Gegend, geboren und starb 1970 in Dublin. Man sagt, bis zu seinem sechsten Lebensjahr habe er kein Wort Englisch gehört. Zunächst Lehrer, engagierte er sich immer stärker in der Irisch-Republikanischen Armee und verlor 1936 seine Arbeit. Von 1940 bis 1944 war Ó Cadhain im Internierungslager Curragh Camp inhaftiert; nach dem Krieg arbeitete er in Dublin als Übersetzer und Professor für Literatur im Trinity College, wo ein Lesesaal nach ihm benannt ist.“ (Vorspann)

„Grabgeflüster“ heißt das Buch auf Deutsch, und das ist beschönigt, es herrscht schließlich ein Höllenlärm, weil sie pausenlos alle durcheinander brüllen. Der Originaltitel lautet „Cré na Cille“, das wird meistens mit „Friedhofserde“ übersetzt, das ist aber nicht ganz richtig, wörtlich wäre es „Erde der Kirche“, Friedhofserde wäre „Cré na Reilige“, aber egal, wir können den Autor nicht mehr fragen, denn Máirtín Ó Cadhain (geb. 1906) starb schon 1970. Wir können ihn so vieles nicht mehr fragen, und bei den Ungereimtheiten in seinen Buch streiten sich die Gelehrten: Wenn Caitriona einmal 72 ist, dann aber 91, ist das ein Satzfehler oder will der Dichter uns damit etwas sagen? Wenn zwei Tote bei einem Streitgespräch die irischen mittelalterlichen Epen durcheinander werfen, was dann? Da sich die Gelehrten nicht einigen können, muß die arme Übersetzerin selbst entscheiden. In diesen Fällen: Caitriona ist 72, alles andere ergäbe keinen Sinn. Die irischen Epen bleiben durcheinandergeworfen, denn so zeigt es sich, daß die Streitenden selber keine Ahnung haben, und das gibt der Szene eine besonders komische Wirkung.

Seit das Buch vorliegt, werde ich immer gefragt – und es wird gerade in zwanzig weitere Sprachen übersetzt, es geht auch den KollegInnen so –, was das Schwierigste an der Übersetzung war. Und alle erwarten tiefgründige Ausführungen über den Wortschatz des Autors, die von ihm selbst erfundenen Wörter und so. Aber ehrlich, viel schwieriger fand ich es, die Ungereimtheiten auf eine irgendwie „gereimte“ Weise zu klären. Und darüber hinaus, daß sich alle Welt einmischt und eigene Meinung zu der Übersetzungsarbeit hat, auch wenn diese Meinung durch nichts begründet ist. So bekam ich mehr als ein Dutzend Hinweise darauf, daß ich aber die Verwünschungen und die grobe Sprache des Autors richtig wiedergeben müßte, und die hilfreichen Herren (waren nur Herren) boten auch gleich Beratung bei der Wortsuche an.

Das Problem war nur, daß keiner der Herren Irisch kann. Es gibt allerdings inzwischen zwei Übersetzungen ins Englische. Die eine („The Graveyard Clay“), von Tim Robinson und Liam Mac Con Iomaire, ist sehr werk- und wortgetreu. Die andere („The Dirty Dust“ von Alan Titley), ist das nicht. Titley schreibt selbst im Vorwort, daß er an einigen Stellen hinzugedichtet und ansonsten die Sprache so verändert habe, wie Ó Cadhain seiner Ansicht nach heute schreiben würde, wenn er heute schriebe. Und so finden wir in Titleys Fassung in fast jedem Satz mindestens einmal „fuck“, und ich glaub es nicht, Máirtín Ó Cadhain war ein Gentleman, der seine Worte sehr gewählt und behutsam setzte. Im Original kommt einmal „ficken“ vor, also das irische Wort dafür. Das ist dann aber auch alles. Einer der freundlichen Berater tobt nun und findet, ich hätte keine Ahnung von Ó Cadhain. Dabei habe ich Ó Cadhain gelesen und der Berater nur Titley. Der Trost? Ignoranten gibt es überall, und es ist jedenfalls ein ganz besonderes Gefühl, ein so berühmtes Buch übersetzt zu haben.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, SCHWARZaufweiss Evelyn Kuttig

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