Meine Abenteuer beim Übersetzen, 17: Und noch einmal war ich gläserne Übersetzerin

Hieronymustag „Gläserne Übersetzerinnen“ 2017 – Plakat Bücherhalle Elbvororte, Hamburg-BlankeneseHieronymustag „Gläserne Übersetzerinnen“ 2017 – Gabriele Haefs: Ragnhild Jølsen – Bücherhalle Elbvororte, Hamburg-BlankeneseDiesmal in Blankenese, wo die Stadtbücherei richtig schön gelegen ist, und ganz in Bahnhofsnähe. Wir waren zu zweit, Christel Hildebrandt und ich – und natürlich der Löwe, der hoheitsvoll im Hintergrund thronte und aussah wie auf den typischen Gemälden, die den Heiligen Hieronymus darstellen. Was den Heiligen angeht, eigentlich wollte ich gar nicht übersetzen, sondern über Heiligenforschung reden. Ich habe nämlich erfahren, dass er mit der Heiligen Eustochium zusammenarbeitete. Eustochium (manchmal, aber selten, auch Eustochia) ist ein komplizierter Name, kann es daran liegen, dass wir so wenig über sie hören? Sie kam aus vornehmer römischer Familien, hatte bei Hieronymus Griechisch und Hebräisch gelernt und half ihm zuerst beim Übersetzen, dann übersetzte sie selber, übersetzte auch seine Werke in andere Sprachen, und er widmete ihr seine Schriften. Sollen wir also nicht auch oder vor allem Eustochium feiern? Ich habe noch nicht herausfinden können, ob sie auch einen Löwen als Wappentier hat oder was sonst, aber ihr Tag ist der 28. September. Das paßt, unser gläserner Auftritt war am 29., der offizielle Hieronymustag ist der 30. – also eine fast märchenhafte Dreizahl.

In diesem Jahr durfte ich aussuchen, und wir übersetzten aus „Rikka Gan“ von Ragnhild Jølsen, denn nun endlich ist klar, daß dieses phantastische Werk auf Deutsch erscheinen wird. Es gibt eine Menge Stolpersteine in diesem Roman, gleich zu Anfang ist die Rede von jemandem, der die Tochter seiner Tante mütterlicherseits geheiratet hat. Wir könnten uns natürlich fragen, warum da nicht steht, er habe seine Kusine geheiratet, aber die Autorin kann uns ihre Gründe ja nicht mehr verraten, also muß es so stehen bleiben. Nicht ganz, die „Tante mütterlicherseits“ ist nämlich der Stolperstein. Im Norwegischen gibt es viel mehr Bezeichnungen für Verwandtschaftsgrade, Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits haben unterschiedliche Namen, dasselbe gilt für Tanten und Onkel, es gibt ein Sammelwort für Vettern und Kusinen (wie „Geschwister“ eben, nur ein Verwandtschaftsgrad weiter), selbst Vettern dritten und Kusinen vierten Grades werden unterschiedlich benannt. Um zu illustrieren, wie verzwickt das Übersetzen da werden kann, brachte ich ein Beispiel aus einem Buch, wo ein kleiner Junge unglücklich ist, denn der Großvater väterlicherseits hat sich mit dem Großvater mütterlicherseits gestritten, aber nun kommt der Vetter dritten Grades und weiß Rat … Das Publikum fand das wahnsinnig komisch, mochte aber keine Ratschläge erteilen. Es war also total untypisch. Auch die Frage, wie zwei Frauen im Buch in die Stadt gelangen, um für den Mann, der die Kusine mütterlicherseits geehelicht hat, einen Posten zu erbitten, brachte keine Diskussion zustande. Im Original steht einfach „reiste“, das bedeutet aber so ungefähr jede Bewegung von einem Ort zum anderen, die einzige unmögliche Übersetzung wäre, „sie sind gereist“, (und daran erkennt man schlampige Übersetzungen, da wird dauernd gereist, auch wenn jemand nur zum Winterschlußverkauf will). Sind sie zu Fuß gegangen (könnte sein, denn in der Stadt werden sie für Bettlerinnen gehalten), hat jemand sie mit dem Wagen mitgenommen, wir wissen es nicht, aber eine Übersetzung muß her, oder das Ganze muß umschrieben werden, um der Frage aus dem Weg zu gehen. Während bei meinen beiden anderen gläsernen Einsätzen das Publikum heftig über einzelne Wörter diskutierte und sich von den besonders kniffligen gar nicht losreißen mochte, blieb es hier allgemein. War zwar auch lebhaft, wollte aber wissen, wie die Verlage Bücher aussuchen, warum manche Bücher so blödsinnige Titel haben, die mit dem Original gar nichts mehr zu tun haben, wie wir zum Übersetzen gekommen sind, welche AutorInnen wir besonders gern übersetzen – und welche gar nicht. Das war also anders als sonst, und noch etwas war ganz anders. Der archetypische Herr mittleren Alters, der immer irgendwann einen langen, sorgsam formulierten und zum Thema nicht im Geringsten passenden Kommentar bringt, durfte auch in Blankenese nicht fehlen. Es kam auch ein Mann, der geradezu prädestiniert schien für diese Rolle. Christel und ich sahen uns an und nickten, „da ist er.“ Der archetypische Herr aber sagte den ganzen Abend lang kein Wort, er lächelte nur immer und nickte uns aufmunternd zu!

Das war also das dritte Mal, die märchenhafte Dreizahl: Ich war dreimal gläserne Übersetzerin, im Märchen ist es damit immer genug, der verwunschene Prinz ist erlöst, der Heldin fällt das halbe Königreich zu – aber diese Wirkung ist bisher ausgeblieben. Da hoffe ich doch, daß ich auch nächstes Jahr wieder gläserne Übersetzerin sein darf.

Der Roman „Rikka Gan“ von Ragnhild Jølsen wird in der Edition Narrenflug in Kiel erscheinen.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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