Aus dem Leben einer Autorin (1): Bin ich’s oder bin ich’s nicht? – von Marion Hinz

Marion Hinz

Manchmal weiß ich nicht, ob ich mich überhaupt (noch) Autorin nennen darf. Denn derzeit schreibe ich kein einziges Wort, das mich als eine solche rechtfertigen würde. Es ist eher so, als ob ich tief im Alltag einer Kulturmanagerin angekommen bin oder im Alltag einer Performancekünstlerin. Oder beides zusammen. So kommt es mir jedenfalls vor. Keine Frage, das sind durchaus auch interessante, ehrenwerte Berufe, einen Autor können sie jedoch das Leben kosten. Selber schuld? Nein, das muss ich entschieden ablehnen. Keine Ahnung? Ja, vielleicht. Obwohl: es ist ja nicht das erste Mal.

Allerdings ist es das erste Mal in meinem Leben als gefühlte Kulturmanagerin, dass ich ein solch großes, und zwar dreiteiliges Projekt initiiert, entwickelt, unter meine Fittiche genommen habe. Das bleibt natürlich nicht folgenlos (s. oben). Meine Flügel fühlen sich klebrig an und können sich nicht entfalten. Der Vogel kann nicht mehr fliegen. Stattdessen hockt der Vogel auf der Erde, spielt mit Lehm und Steinen, mit Kies und Schotter und Schlimmerem und denkt über das Leben nach. So wie die Taube in Roy Anderssons Film: „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ (Originaltitel: En duva satt på en gren och funderade på tillvaron).

Allerdings ist es das erste Mal in meinem Leben als gefühlte Performerin, dass ich so viel Text auf einmal zusammenhängend spreche, mit so vielen Menschen gemeinsam auf der Bühne agiere. Die einen singen, die anderen musizieren, wieder andere tanzen. Sie alle stellen dar, bebildern einen Lebenslauf. Ich selbst sitze oder stehe dazwischen herum, gebe die Erzählerin und natürlich mein Bestes. Reicht das? Bin ich die zurückhaltende, über allem thronende Erzählerin? Oder sollte ich besser eine Schauspielerin sein, die Valeska Gert darstellt. So wie Paola Kinski in Volker Schlöndorffs Dokumentarfilm mit und über Valeska Gert „Nur zum Spaß – nur zum Spiel. Kaleidoskop Valeska Gert“. Oder sollte ich gar mich erdreisten, Valeska Gert selbst zu sein?

Plakat für Veranstaltung „Phänomen Valeska Gert“, Lübeck September 2017, organisiert von Marion HinzJetzt ist es heraus: Um diese große Tänzerin, die den Grotesktanz erfunden hat, berühmt in den 20er Jahren war, wegweisend für den modernen Tanz, Ausnahmekünstlerin in jedem Fall, Schauspielerin, Kabarettistin dreht sich alles in dem dreiteiligen Projekt, das mich als Nichtautorin entlarvt, zur Nichtautorin degradiert, mich schreiblos und schreibunmündig macht.

Meine Arbeit als Autorin hat aufgehört mit dem Eintritt in das Leben dieser Frau. Ich darf es Valeska Gert nicht verübeln. Sie trägt keine Schuld an meinem Dilemma. Nur: wer hätte das gedacht? Ich, die endlich Zeit hat, ihr eigenes Ding zu machen, ich, die endlich Zeit hat, außer Gedichten auch Geschichten oder gar noch Größeres zu schreiben, ich mache all dies nicht – und zwar seit November letzten Jahres nicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das letzte Zeichen für die Theatervorlage unserer Performance gesetzt (die am 17. September, um 11.00 Uhr im Lübecker Hansemuseum über die Bühne geht. Karten gibt es im Vorverkauf und bei shop-luebeck-ticket.de). Danach, also ab Vorweihnachtszeit, über Silvester, Neujahr, Ostern – bis zum heutigen Tag, ging es nur noch um textliche Verbesserungen, Korrekturen, Kürzungen für das „Phänomen Valeska Gert“. Ums Schreiben, um das tägliche Leben einer Autorin geht es seitdem überhaupt nicht mehr. Wenn das kein Phänomen ist!

Flyer für Veranstaltung „Phänomen Valeska Gert“, Seite 1, Lübeck September 2017, organisiert von Marion HinzFlyer für Veranstaltung „Phänomen Valeska Gert“, Seite 2, Lübeck September 2017, organisiert von Marion Hinz

Website von Marion Hinz

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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2 Gedanken zu „Aus dem Leben einer Autorin (1): Bin ich’s oder bin ich’s nicht? – von Marion Hinz

  1. Dieses Stück ist ein Genuss für die Augen und die Ohren, das Herz und den Geist!
    Valeska Gert, der Marion Hinz ihre Stimme leiht, steht auf der Bühne und erzählt aus ihrem bunten Leben, über ihre Eigensinnigkeit und Einmaligkeit in ihrem poetischen Ausdruck: sprachlich, mimisch, gestisch, tänzerisch, kabarettistisch.
    Das musikalische und tänzerische Programm lässt die Zeit von Anfang der 20er Jahre bis Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts lebendig werden (Texte/Musik: John Kander, Fred Ebb, Paul Lincke, Erich Kästner, Brecht/Weill, Valeska Gert u.a.)
    Gesang: Imke Looft, Margrit Cuwie
    Tanz: Gunda Gravemann-Kamper, Angelika Neumann
    Instrumentelle Begleitung: Saskia Schmidt-Enders am Klavier, Martina Tegtmeyer am Akkordeon
    Choreographie: Krisztina Horvath

  2. Marion Hinz heute auf Facebook: Die GEDOK Schleswig-Holstein lädt aufgrund des großartigen Erfolgs der TanzTheaterMatinee, die am 17. September 2017 im Lübecker Hansemuseum das Publikum begeisterte, noch einmal ein zu einer Reise durch das spannende Leben der großen Ausnahmekünstlerin Valeska Gert (1892–1978).
    Die TanzTheaterPerformance „Kaleidoskop Valeska Gert“ beginnt am 24. Februar, um 19.00 Uhr in der Lübecker KulturRösterei in der Wahmstraße 43 – 45. Der Eintritt kostet 15 €/12 € (zuzgl. VVK-Gebühren). Einlass ab 18.30 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf bei allen bekannten Vorverkaufsstellen und im Internet unter http://www.Luebeck-Ticket.de
    Weitere Informationen entnehmt bitte dem Flyer im Anhang und dem aktuellen Newsletter der Kulturrösterei: http://www.kulturroesterei.de/kaleidoskop_valeska_gert.html
    Wir würden uns sehr freuen, Euch am Samstag, 24. Februar, um 19.00 Uhr in der KulturRösterei Lübeck zu sehen! Bitte denkt daran, rechtzeitig Karten zu besorgen, zumal aus räumlichen Gründen nur eine begrenzte Anzahl an freien Plätzen zur Verfügung steht.

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