Geschichten vom Schreibtisch (3): Inspiration – von Rainer Pörzgen

„Genius is one per cent inspiration, ninety-nine per cent perspiration“ – dieses Zitat von Thomas A. Edison ist immer wieder mit wechselnden Prozentangaben auf verschiedene Bereiche übertragen worden. Was der technische Tüftler über sein Metier ausgesagt hat, soll auch für Kreativität, für Erfolg und nicht zuletzt auch für das Schreiben gelten. Was immer der Beweggrund war und ist, die Intention könnte das Zerstören des Klischees vom Autor sein, dem alles nur so zufliege, oder auch die eigene Aufwertung als eines hart arbeitenden Menschen, eine solche Behauptung in die Welt zu setzen; dieses Zitat ist auf das Schreiben bezogen dennoch Unsinn, weil es voneinander scheidet, was zusammengehört!

Es liest sich, als stünde am Anfang eines Textes eine zündende Idee, die Inspiration, und als sei, was sich daraus ergebe, nur schweißtreibende Arbeit, eben die Transpiration. Aber so ist es nicht. Wäre es so, so ließe sich das Ergebnis gut mit dem alten Schriftstellerwitz beschreiben:
Treffen sich zwei Schriftsteller, sagt der eine „Im letzten Jahr ist mir nichts eingefallen“, antwortet der andere „Ich weiß, ich habe das Buch gelesen“.
Wir alle haben sicher schon Produkte zwar fleißigen und disziplinierten, aber uninspirierten Schreibens in der Hand gehabt. Solche Bücher sind nicht gut zu lesen.

Selbstverständlich brauchen Autoren Ideen; und die Feststellung, dass diese auszuarbeiten eine langwierige und mühevolle Arbeit sei, ist ein Gemeinplatz. Aber dass Inspiration mit einem Prozent bei Edison, mit fünf oder zehn Prozent bei Anderen abgetan wird, ist realitätsfern. Sie muss nämlich unabdingbar die gesamte Ausarbeitung bis zum letzten Punkt begleiten, mehr noch, sie muss diese von Anfang bis Ende tragen. Griffe man auf Prozentzahlen zurück, fiele die Verteilung also notwendigerweise deutlich anders aus, dann müsste man sogar eher von „fifty-fifty“ sprechen. Aber ich möchte nicht mit ungesicherten, weil gar nicht zu sichernden Zahlen argumentieren. Ich schlage ein anderes Bild vor, das eines aus – um in den Begriffen des Zitates zu bleiben – Inspiration und Transpiration geflochtenen Bandes, bei dem die beiden nicht voneinander zu trennen sind. Denn man schreibt einen guten Text weder ohne das Eine noch ohne das Andere.

Text: Rainer Pörzgen
Bild: pixabay.com, DariuszSankowski: paper, inspiration …

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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