Wenn Bücher sich nicht übersetzen lassen

Das Buch, um das es hier geht, würde sich natürlich übersetzen lassen, es hat sich sogar schon übersetzen lassen, aber das hilft mir nicht viel weiter. Es heißt „Ilmiid Gaskas“ und stammt von der samischen Autorin Máret Ánne Sara. Es gibt eine norwegische und eine englische Übersetzung. Eine deutsche wäre so schön, aber ich kann kein Samisch. Ich habe herumgefragt, sogar bei Leuten angeklopft, die für Reisejournale schreiben und sich mit absoluter Selbstverständlichkeit über samische Belange äußern, aber nix, die können alle kein Samisch und kennen auch keine, die können. Ich kann doch nicht zu Verlagen gehen und sagen, „dieses Buch müßt ihr unbedingt machen, ich kann aber nicht übersetzen und sonst kann es offenbar auch niemand“.

Das ist die Geschichte

Samische Familie, die Kinder, Lemme und Sanne, sind total aufgeregt, denn es soll eine riesige Motocross-Anlage gebaut werden. Bruder Lemme ist ein begeisterter Motocrosser, die Anlage wird Menschenmengen anziehen, und dann wird im nächstgelegenen Ort endlich ein großes Einkaufszentrum mit Kino und McDonald’s und anderen Herrlichkeiten entstehen, wie auch samische Teenies sie gern hätten. Vater Juho ist entsetzt, die Anlage zerstört wichtigen Weidegrund für die Rentiere, von denen die samischen Familien der Umgebung leben, der Krach der Motorräder wird die Tiere verscheuchen, die samische Gemeinde hat Einspruch eingelegt, wieso wird noch vor Gerichtsentscheid mit den Bauarbeiten begonnen?

Vater und Kinder streiten sich, die Kinder fahren erst mal eine Runde mit Lemmes Motorrad, begegnen dabei einem Myrling, und prompt werden sie in eine andere Welt versetzt. Doch nicht nur das, in der Anderwelt haben sie die Gestalt von Rentieren angenommen und entkommen allein durch ihr Menschenwissen der Schlachtung. In der Anderwelt ist alles wie in ihrer eigenen, nur hängen überall giftige schwarze Wolken, die alles Leben zerstören. Wir begreifen langsam, daß alles eben parallel zu unserer Welt verläuft, und die schwarzen Wolken entstehen durch die Umweltschäden, die in der diesseitigen Welt angerichtet werden. Ob die Geschwister das begreifen, ist am Ende des Buches noch nicht klar. Aber sie haben ja auch dringendere Sorgen, sie wollen ihre Gestalt und ihre eigene Welt zurückhaben.

Sie geraten an eine Noaidin (eine zauberkundige Frau), die gütig erscheint, das aber offenbar nicht ist, sie hat große Ähnlichkeit mit der bösen Hexe in „Hänsel und Gretel“, doch von ihr erfahren die beiden immerhin, was es mit dem Myrling auf sich hat und wie sie seinen Zauber aufheben können. Das ist ein Wissen, das ihre Eltern selbstverständlich ererbt, aber an die nächste Generation nicht weitergereicht haben. Leider geht irgendetwas schief, am Ende des Buches sehen sie in der Ferne ihres Vaters Haus, aber leider sind sie noch immer Rentiere. Damit endet das Buch. Zwei weitere werden folgen. Auch das ist ein Problem, ich kann ja nicht zu Verlagen gehen und sagen, „ihr müßt dieses Buch unbedingt machen, nur leider kann ich nicht übersetzen und außerdem hat es ein offenes Ende und bisher weiß noch niemand, wie die Geschichte ausgehen wird“.

Laura Janda – Foto © privat

Die englische Übersetzung, die ich gelesen habe, stammt von Laura Janda, einer Sprachwissenschaftlerin aus den USA, die an der Universität von Tromsø unterrichtet und eben Samisch kann. In ihrer Übersetzung werden samische Wörter verwendet, aber nicht immer erklärt – z.B. trägt die Hexe einen „Gakti“-Mantel, keine Ahnung, wie der aussieht. Die Menschen in der Parallelwelt heißen Ulda, das ist zwar Samisch, doch immerhin vertraut, in früheren Zeiten hausten in den deutschen Wäldern schließlich die Hulden (Richard Wagner hat sie noch gekannt). Und der Myrling ist ein neugeborenes Kind, das ausgesetzt wurde, weil es nicht gesund, außerehelich oder aus anderen Gründen unerwünscht war. In früheren Zeiten gab es auf Deutsch das Wort „Ausgeburt“ für diese unglücklichen Wesen. Sie befinden sich zwischen den Welten, sind begreiflicherweise stocksauer und sinnen auf Rache. Doch, wie gesagt, man kann ihren Zauber bannen und den Myrling erlösen. Myrling ist ein schwedisches Wort, das samische lautet: eahpáraš. Das norwegische Wort „utburd“ (dasselbe wie das deutsche „Ausgeburt“) klingt, so Laura Janda, auf Englisch eher witzig und nach einem Vogel, „deshalb habe ich das schwedische benutzt, es wirkt unheimlich und geheimnisvoll und es gibt zudem dazu eine gute Wikipedia-Seite“.

Máret Ánne Sara – Foto © Frank Lande

Máret Ánne Saras Bruder Jovsset Ánte gewann in den vergangenen Monaten die Herzen des norwegischen Fernsehpublikums. Der staatliche Sender NRK zeigte seine Wanderung mit den Rentieren, Schritt für Schritt, über viele Wochen hinweg. Daß der junge Rentierzüchter zugleich gegen den norwegischen Staat klagte, wurde eher nebensächlich in den Zeitungen berichtet. Er sollte seine Herde auf 75 Tiere reduzieren, beschloß die Obrigkeit, zum Überleben braucht man jedoch mindestens 350. 350 sind zu viel, finden die Behörden, es sollen ja Motocross-Anlagen und andere wichtige Dinge gebaut werden, und da sind die Rentiere eben im Weg, da sie ja nun mal nicht stillhalten wollen. Bisher hat Jovsset Ánte in allen Instanzen gewonnen, aber die staatlichen Stellen lassen durchblicken, daß ihnen Gerichtsurteile nicht so wichtig sind. Wir sehen, das Buch seiner Schwester ist nicht nur eine phantastische Geschichte, sondern zugleich absolut aktuell. Máret Ánne Sára ist auch bildende Künstlerin. Einige ihrer Installationen sind derzeit in Kassel bei der Dokumenta zu sehen, die Gerichtsurteile hat sie dabei in einem Schaukasten ausgestellt.

Máret Ánne Sara: Between the worlds, übersetzt von Laura Janda, erschienen im Verlag DAT, Kautokeino/Norwegen

 

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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