Inspiration und Kraft: Meine Begegnungen mit Robert Gernhardt

Robert Gernhardt (1937–2006) ist eine meiner Inspirations- und Kraftquellen!

Vorweg: Dies ist keine Literaturliste … Meine erste Begegnung mit Robert Gernhardt hatte ich in Hamburg in der Buchhandlung von Zweitausendeins, weil ich dort 1977 „Die Blusen des Böhmen – Geschichten, Bilder, Geschichten in Bildern und Bilder aus der Geschichte“, die zwischen 1962 und 1977 entstanden, entdeckte und kaufte. Es war das Jahr des Zerfalls meiner Ehe, der Kündigung meines Angestelltendaseins in Hamburg, des Beginns meines Studiums und bald auch des Umzugs nach Lüneburg. Robert Gernhardts tiefsinnige Gedanken, vermittelt mit Wortspielen und hintersinnigem Humor, stimmten mich heiter.
Natürlich erzählte ich von diesem Buch Hans und Franz. Und so kam es, dass mein aufmüpfiger neuer Freundeskreis 1979 mit mir beschloss, die Weihnachtsgeschichte „Die Falle“ (1966) in der Mensa der Lüneburger Hochschule für Pädagogik mit verteilten Rollen zum Besten zu geben – als politisches Theater bezogen auf die Erziehungswissenschaft. Die treibende Kraft war der am längsten, noch heute an der Lüneburger Universität eingeschriebene Student. Na, wer? Jedenfalls ist diese Geschichte schon 40 Jahre lang an jedem Weihnachtsfest mein „Diner for One“.
Der pro inclusion e.V. Lüneburg veranstaltete unter dem Motto „Verschieden sein ist ganz normal!“ bei Holz Herbst ein Weihnachts-HAUS 2012 und ich beteiligte mich zum Gedenken des 2006 verstorbenen Autors mit dem Vorlesen von „Die Falle“. Keine/r der Anwesenden, Kinder wie Erwachsene, kannte die Geschichte. Auch war es meine erste öffentliche Lesung und mancher Lacher galt nicht nur der Geschichte, sondern auch meiner Vortragsweise. Spaß pur.

Robert Gernhardt: „Der Kragenbär, der holt sich munter/ einen nach dem anderen runter“ – auf meinem Schreibtisch (sehr frei nachempfunden) neben der Venus von Willendorf

1979 erschien die „TITANIC – das endgültige Satiremagazin“, die Robert Gernhardt mitbegründete. Ich freute mich jeden Monat hauptsächlich auf seine politisch motivierten satirisch-humorigen Beiträge. In den frühen 80ern des vergangenen Jahrhunderts schrieb Robert Gernhardt eine Nonsenssatire über Survival und bat um Fortsetzungsmaterial von LeserInnen. Klar hatte ich etwas beizutragen, bekam eine Antwort und fand mich in der Fortsetzung zitiert, was meine Brust sichtbar anschwellen ließ. Leider sind mir unser Schriftverkehr ebenso wie die Zeitschriften abhanden gekommen, doch die Erinnerung wärmt.
Ich war hocherfreut, als Robert Gernhardt etwa zehn Jahre später im 600 Jahre alten Lüneburger Brömsehaus aus seinen Gedichten las und ich ihn endlich in natura erleben konnte. Der Kontrast zwischen dem uralten und steifen Ambiente des Hause und seiner verschmitzten Lebendigkeit war für mich eine Genusssteigerung.

Von 1972 bis 2001 teilten mein Leben eine Katze und vier Kater: Tussi, Pitzi,  Felix, Kater und Kuddel. Zuletzt wurde ich von dem Karthäuser-Mix mit Gedächtnisschwund adoptiert, den ich Kuddel taufte. Er war zwar gechipt, so dass ich seine Besitzerin ausfindig machen konnte, doch sie wollte ihn partout nicht wiederhaben, weil er immer wieder weglief.
„Was deine Katze wirklich denkt“ hat Robert Gernhardt wissend und witzig in diesem Buch von 1996 beantwortet, das ich gleich nach seinem Erscheinen kaufte. Ich komme noch darauf zurück.

Ich war sieben Jahre als Grafikerin selbstständig, als mich auf persönliche Empfehlung 1999 eine Anfrage von Dr. Burckhard Garbe, Autor und Mitglied im Literaturrat Niedersachsen e.V., für die Gestaltung eines Programmfaltblatts und einer Eintrittskarte für die Lüneburger Lesungen im Rahmen der Literaturtage Niedersachsen/Bremen unter dem Titel „Vom Salz der Satire“ erreichte, Anforderung zweifarbig. Ich bekam den Auftrag. Robert Gernhardt war das Programm-Highlight und ziert die Titelseite des 5-teiligen Leporellos und die Eintrittskarte zu seiner Veranstaltung. Für mich ist Satire bissig, pointiert und witzig, was ich – so weit es die Unmenge an Text auf begrenztem Raum ermöglichte – sichtbar machen wollte. Ist mir das gelungen?

2001 hatte meine Freundin Marianne Dotzek den großartigen Einfall, dass wir uns unbedingt zum Literaturseminar ”Wunsch, multimedial zu sein“ von Robert Gernhardt und Dr. Olaf Kutzmutz in der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel anmelden sollten. In der Ankündigung heißt es: „Unsere kleine Schule des Textens und
Zeichnens möchte dazu verführen, ohne Hilfe von Freund PC die eigenen multimedialen Fähigkeiten auszuprobieren, vielleicht gar zu entdecken“. Was für ein Angebot! Wir nahmen es neben 12 weiteren Frauen und 4 Männern an und hatten allesamt einen Heidenspaß dabei, drei Tage lang spielerisch Karrikaturen und Nonsens zu fabrizieren.

Obwohl ich bis dahin schon viele sehr unterschiedliche Lesungen besucht hatte, hatte ich noch nie jemanden um ein Autogramm oder eine Widmung gebeten. Das war mir peinlich, reduzierte in meinen Augen AutorInnen auf ein „Geschäft“, als ob ich ein Buch kaufen würde, um es mit dem „Wilhelm“ wertvoller zu machen. Plötzlich hatte ich das Bedürfnis das oben erwähnte Katzenbuch nach Wolfenbüttel mitzunehmen. Ich war erst kurze Zeit umgezogen, und Kuddel war kurz zuvor in der alten Umgebung verschwunden, vermutlich wieder nach drei Jahren vom Gedächtnisschwund befallen. Robert Gernhardt machte mir mit seiner spontanen Beschwörung eine große Freude. Er verstand Menschen – und Tiere 🙂

Robert Gernhardts Heiterkeit und Humor sprang mir in seiner Erzählung „Achtundzwanzig, achtundvierzig, achtundsechzig“, in der drei Schriftsteller im jeweils genannten Alter dargestellt werden, wie immer ins Herz. Es ist die letzte Geschichte im Band „Denken wir uns“, die im Folgejahr seines Todes 2007 im S. Fischer Verlag erschien. Seitenlang schreibt er über die jüngeren Schriftsteller und zum Schluss: „Lassen wir unseren zweiten Schriftsteller weiterträumen, denken wir uns rasch den dritten. Denken wir ihn uns achtundsechzigjährig, hören wir ihm zu, wie er anläßlich dieses Geburtstags auf die Frage antwortet, wie er denn mit sich und der Welt zufrieden sei: ,Oh – ich sehe keinen Grund, unzufrieden zu sein. Ich habe eine von mir geliebte Frau, einen von vielen geachteten Beruf und eine von allen gefürchtete Krankheit – mehr kann man vom Leben eigentlich nicht erwarten.‘“

© Abbildungen: Evelyn Kuttig

 

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.