
© gemeinfrei auf Wikimedia
Folgt man in Kongsberg, der norwegischen Stadt des Silberbergbaus, dem Riksvei 40, indem man den majestätischen Wasserfall rechts liegenlässt, um die Stadt Richtung Numedal zu verlassen, und dreht kurz vor Erreichen der Stadtgrenze, die man in Norwegen aufgrund des unbegreiflichen Verzichts auf Ortschilder nicht sehen kann, sondern erfühlen muss, an der Tankstelle den Kopf nach links, erhascht man mit etwas Glück einen Blick auf ein Straßenschild mit der Aufschrift „Mauritz Hansens gate“.
Ein Name, den man vergessen wird, so wie alle Namen, mit denen man mit nichts verbindet. Bis zu dem Moment, in dem sich das ändert. Bis jetzt.
Mir fiel das Schild zum ersten Mal auf, kurz nachdem ich auf Maurits Hansens 1840 geschriebene „Kriminalanekdote – Der Mord an Maschinenmeister Roolfsen“ gestoßen war, den vermutlich ersten Detektivroman der Welt. – Bislang galt der von Edgar Allan Poe geschaffene Detektiv Auguste Dupin in „Dopelmord in der Rue Morgue“ als der erste Vertreter seiner Art. Manche behaupten, die (verschollene) deutsch Übersetzung des „Roolfsen“ habe Poe auf die Idee gebracht, einen Detektivroman zu schreiben. Ob das stimmt, sei dahingestellt. Sicher ist allerdings, dass Hansen zwei Jahre schneller war als er!
Maurits Hansen, der sich übrigens mit „s“ schreibt, nicht mit „z“, war zu Lebzeiten ein bekannter Mann, galt als DER norwegische Dichter, wurde geliebt, gelobt und kopiert. Jørgen Moe, ein norwegischer Bruder Grimm, war einer seiner glühendsten Verehrer und brachte, als er ihm einmal persönlich begegnete, vor lauter Aufregung kein Wort heraus. Schriftstellerin Camilla Collett bezeichnete ihn als den größten norwegischen Novellisten, ihr ebenso schriftstellernder Bruder Henrik Wergeland, der einer der Bedeutendsten des Landes werden sollte, unterhielt eine enge Freundschaft zu Hansen, der nach eigener Aussage Wergelands Lyrik zwar nicht verstand, aber sein Talent schon früh entdeckte. Henrik Ibsen und Literaturnobelpreisträgerin Sigrid Undset bezeichneten ihn als Inspiration, übernahmen seine Erzähltechniken und entwickelten sie fort. Trotzdem ist sein Name den meisten, die nicht in einer Mauritz-Hansen-Straße leben, heute unbekannt. Warum?
Kurz gesagt, er war etwas zu früh dran. Der Wunsch zu schreiben, begleitete ihn seit seiner Kindheit. Von seinem Vater gefördert, entwickelte der talentierte junge Mann eine derartige Arroganz (ein Urteil, das nicht von mir, sondern von Hansen selbst stammt), dass er sich während seines Studiums nicht auf den vorgeschriebenen Lehrstoff konzentrierte, sondern sich, angestachelt vom Versprechen seines Professors, er würde eines Tages einen Lehrstuhl bekommen, der Entwicklung eines eigenen Studienfachs widmete – der Ästhetik. Dichter wollte er werden. Und Universitätslektor. Er sprach davon als von seinem „schönsten Traum“.
Allerdings heiratete er und wurde Vater von fünf Kindern, noch bevor sein Studium beendet war. Fortan war „das liebe Geld“ das Thema seines Lebens. Es reichte nie, obwohl Hansen ein Arbeitspensum bewältigte wie kaum ein Zweiter.
Von der Schreiberei zu leben, war vor ihm niemanden gelungen. Der Zugang zu Schulen war begrenzt, Bücher waren teuer, und wer hatte schon Zeit zum Lesen, wenn es hungrige Mäuler zu stopfen galt? Lesen war den Reichen, den Gebildeten vorbehalten. Die Bücherwelt war klein und ein finanzielles Wagnis. Bereits dreißig Jahre nach Hansens Tod hatte sich Literatur-Norwegen derart verändert, dass einige Schriftsteller aufgrund ihrer Veröffentlichungen finanziell unabhängig wurden, was Rückschlüsse auf den Büchermarkt und das Leseverhalten der Bevölkerung zulässt. Der Segen der Spätgeborenen!
Um das Überleben seiner Familie zu sichern, wurde Hansen Lehrer, doch hörte nie auf zu schreiben.Gedichte, Liedtexte, Novellen, Schauspiele, Dramen, Kriminalromane, Lehrbücher, Grammatiken. Um aus dem Zeitvertreib einen Broterwerb zu machen, wurde er Redakteur verschiedener Zeitungen. Zeitungen, die gefüllt werden mussten, und zwar vorwiegend von ihm. Und immer nagte der Zeitdruck, und immer nagte die Geldnot.
Der Traum vom Universitätslektorat blieb. Wieder und wieder schickte er Bewerbungen, wieder und wieder erlebte er, wie andere ihm vorgezogen wurden. „Vitamin B“ war schon immer lebenswichtig.
Als ich den „Mord an Maschinenbauer Roolfsen“ zum ersten Mal las, war ich erstaunt, wie modern der Roman geschrieben ist. Und wie spannend. Ränke, Verschwörungen, eine verschwundene Leiche, ein hinterhältiger Amtmann und sein verlogener Gehilfe, eine Verlobte, die den Verstand verliert, ein Geständnis, das keines ist, eine Ausgrabung. Und kurz bevor es dem Amtmann an den Kragen geht – nichts.
Als würde die Luft aus dem Ballon entweichen.
Kein Mord.
Kein Mörder.
Keine Leiche.
Roolfsen lebt.
Detektiv und Amtmann werden Freunde und feiern ein Fest.
Ich muss etwas überlesen haben, dachte ich. Hier stimmt doch was nicht. Ich blätterte zurück, bis zu einer Stelle, an der noch alles schlüssig war, und las erneut.
Doch wieder – nichts.
Ein Zweitleser wurde beauftragt. Muttersprachler.
Doch auch er – nichts.
Komische Geschichte. Bestimmt, so meine Überlegung, ging es Hansen beim Schreiben des Roolfsen wie bei vielen seiner Werke – ihm saß die Zeit im Nacken, er musste fertig werden, weshalb ihm offenbar kein besserer Schluss eingefallen war.
Dennoch ist der Roolfsen in Norwegen sein bekanntestes Werk und wird bis heute verlegt. Und da der erste Detektivroman der Welt unbedingt auf Deutsch erscheinen sollte, haben Gabriele Haefs und ich das ratzfatz mit der Übersetzung erledigt.

Wenige Tage nachdem der deutsche „Roolfsen“ in den Druck gegeben worden war, wurde ich von Arve Fretheim, dem Hansen-Biografen, nach Kongsberg zum Kaffee geladen, der Stadt, in der Hansen bis zu seinem Tod gelebt hat, dem Schauplatz des „Mordes am Maschinenmeister“. Selbstverständlich kamen wir auch auf den Roolfsen zu sprechen, und als ich ihn nach seiner Meinung bezüglich des Schlusses befragte, setzte der betagte Herr sich kerzengerade hin, sperrte die Augen auf und lächelte verschmitzt. Was ich denn meine, wollte er wissen. Ich erklärte es ihm, und zur Antwort schlug er die Biografie auf, die er mir mitgebracht hatte, zielsicher, ohne zu blättern, und las vor:
„Während seiner gesamten schriftstellerischen Tätigkeit hat Hansen seine Figuren mit Wärme und Mitgefühl gezeichnet. Das gilt in der Regel sogar für die ,Bösen‘. … Meist schlägt er versöhnliche Töne an, und über allem steht die Vergebung.“
Doch im Roolfsen ist es anders. Zumindest, bis der Ballon platzt. Warum?
„Die naheliegendste Erklärung ist die folgende: In ,Mord an Maschinenmeister Roolfsen‘ drückt er seine Enttäuschung und Bitterkeit darüber aus, erneut in einem Anstellungsverfahren übergangen worden zu sein. Der Roman ist nichts anderes als beißende Kritik an Behördenvertretern und ihrem Hang, einander zu bevorzugen, und an all jenen, die auf den ,Korridoren des Gunstsystems‘ herumschleichen. … Nach Jahren der Sabotage will er sich an seinen Gegner, denen, die seinen ,schönsten Traum‘ zerstört haben, rächen.“
Das erklärt einiges. Hansen schrieb den Roolfsen unmittelbar nach einer weiteren Absage, unmittelbar, nachdem ihm zum wiederholten Male jemand anders vorgezogen worden war. Ob er wohl ahnte, dass sich an seiner Situation nie etwas ändern würde?
Aber warum kommt der hinterhältige Amtmann am Ende doch davon?
Warum spricht Hansen ihn frei, nur wenige Zeilen, bevor er ihn hat?
Herrn Fretheims Erklärung wirft auch Licht auf die Frage, warum einige Personen im Buch keinen Namen haben:
„Der Oberberghauptmann [der Schurke] repräsentiert nicht nur die höchste Ebene des Beamtenapparates in Kongsberg. Dass er ohne Namen auftritt, macht ihn zum Repräsentanten einer ganzen Klasse. Damit ist er nicht allein. Der Bischof und der General stehen für Kirche und Militär. Und hinter der gesamten Operation steht der Vizestatthalter, der Graf.
Dass Maurits Hansen in seiner Kritik trotzdem nicht weiter geht, zeigt, wie vorsichtig er war. Er musste tun, was er konnte, um Konfrontationen zu vermeiden. Um sie nicht zu seiner eigenen Tragödie zu machen, verlegte er die Handlung ans Ende des 17. Jahrhunderts, statt in die Gegenwart. Dennoch zeichnet die ,Kriminalanektote‘ das Bild eines isolierten Mannes in seinem Kampf gegen die herrschende Ordnung, in der es darauf ankam, sich bei den Autoritäten anzubiedern, und die Kunst zu beherrschen, sich in den ,Korridoren des Gunstsystems‘ zu bewegen.“
Hansen hatte die Nase voll – aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Eine Hoffnung, die sich nie bewahrheiten sollte, doch an der er festhielt, bis er 1842 im Alter von achtundvierzig Jahren starb.

Maurits Christopher Hansen, Der Mord an Maschinenmeister Hansen, Rote Katze Verlag, Lübeck 2026
Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

