Lest die Klassiker IV – Ivar Arosenius

Beim Übersetzen gibt es bekanntlich den wunderbaren Augenblick, wenn ein Lieblingsbild oder ein Lieblingsbuch im zu übersetzenden Text auftritt – und das ist besonders schön, wenn der eigentliche Text öde und dröge ist und sich dahinzieht wie ein böses Jahr. (Wenn das in einem schönen Buch passiert, ist es aber noch besser.) Zum Lieblingsbild gehört der Lieblingsmaler, und der ist unbedingt der Schwede Ivar Arosenius. Schwedische Maler sind hierzulande kaum bekannt, mit einer Ausnahme: durch IKEAs unheilvolles Treiben hat sich der Irrglaube festgesetzt, Carl Larsson sei ein großer Künstler gewesen. Der verehrte Arosenius war ein Zeitgenosse Larssons, wenigsten teilweise, denn viel Zeit war ihm auf Erden nicht beschieden. Er wurde 1878 in Göteborg geboren und starb dort 1909, er war Bluter, und bei einem hartnäckigen Husten platzte ihm eine Ader im Hals. In seinem kurzen Leben hatte er aber schon großen Ruhm erlangt, wurde in ganz Europa ausgestellt – und dann außerhalb Schwedens leider wieder vergessen. In Deutschland haben die Arosenius-Ausstellungen, die 1979 in Kassel und Düsseldorf arrangiert wurden, nicht viel geholfen, um ihn auf Dauer in Erinnerung zu bringen. Umso schöner ist es, dem verehrten Künstler in einem Buch zu begegnen.

Kinderbuch von 1909
Kinderbuch von 1909

Ein Kinderbuch hat er veröffentlicht, eine Geschichte, die er für seine kleine Tochter gezeichnet und ersonnen hat. „Katzenreise“ heißt es ganz einfach, ein kleines Mädchen zieht mit seiner Katze los und erlebt unglaubliche Abenteuer. Das Buch erschien auf Schwedisch 1909, kurz nach seinem Tod. In der damals sehr auf pädagogische Werte konzentrierten schwedischen Kinderliteratur muß es wie eine Offenbarung gewirkt haben, und sein Ruhm hält bis heute an – auf Deutsch gab es 1911 eine Fassung mit dem komplizierten Titel „Des Mädchens Katzenreise“, die aber total vergessen ist. Könnte vielleicht irgendwer dieses Buch mit einem schlichteren Namen wieder auflegen?

Zuletzt ist es mir in dem wunderschönen Buch „Die Geschenke meiner Mutter“ der Norwegerin Cecilie Enger begegnet: „Ich konnte jederzeit die Katzenreise aufschlagen und in die Welt der kleinen Heldin hinübergleiten.“ Das geht mir dann auch immer so, und schon stockt die Arbeit an der Übersetzung.

Im Kunstmuseum von Göteborg gibt es einen Aroseniusraum, und der Weg dorthin führt durch einen Saal mit seinen schwedischen Zeitgenossen. Groß, rosa und saccharinsüße gewaltige Idyllenbilder von Larsson. Und dann – Arosenius. Groß konnte er auch, wenn es sein mußte, so, wie er auch präzise (und durchaus auch obszöne) Kneipenszenen auf Bierdeckeln unterbringen konnte. Idylle konnte er erst recht, aber nur scheinbar, immer ist irgendwo ein bisschen Düsterkeit, ein Tropfen Blut, irgendwer fällt immer auf die Fresse, und selbst auf dem Bild, auf dem Noah, endlich mit der Arche auf trockenem Boden gelandet, sich als fröhlicher Zecher mit Wein voll laufen läßt, kotzt im Hintergrund ein Kamel, das sich schon vor Noah am Wein gütlich getan hat. Aroseniussens Bilder sind immer eine Freude, oft zum Heulen schön, zum Brüllen komisch, genial gemalt, und immerimmerimmer eine Inspiration, und wer gerade nicht nach Göteborg reisen kann, um im Museum in seinen Werken zu schwelgen, hier ein Link zur kleinen Online-Auswahl, die das Museum dem großen Sohn der Stadt widmet.

Und für die nun hoffentlich bekehrten: Der immer freundliche Museumsmann Bue Nordström im Museumsladen vom Kunstmuseum in Göteborg verschickt nur zu gern Reproduktionen!

Und hier noch etwas zu dem wirklich schönen Buch von Cecilie Enger!

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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