Der Kampf ums Ungemach … das Ringen um Worte

FB-Gruppe WortBei Facebook gibt es eine feine Gruppe, „Wörter, die nur noch selten verwendet werden“, sie werden gesammelt und diskutiert, und es gibt durchaus hitzige Debatten darüber, was nun wirklich „nur noch selten“ verwendet wird. „Dösen“ ist so ein Wort, es gab energischen Einspruch gegen das selten. „Fisimatenten“ ist wohl eher regional, schwierig wurde es bei „poussieren“, das alle sofort wieder flächendeckend eingeführt und durchgeführt sehen wollten, oder „embrassieren“, eher verzichtbar, weil es gute deutsche Alternativen gibt. Bei Autoren wie dem hier bereits heiß empfohlenen und hochverehrten Fedor von Zobeltitz gibt es feine Wörter zu finden wie „Krimstecher“, „kujonieren“ und „zernieren“ – und wie schön wäre es, einmal in einer Übersetzung jemanden sagen lassen zu können: „Mein Herr, Ihr seid ein Hundsfott.“ Aber ein Wort, das bei meiner Internetgruppe alle zu Jubelrufen veranlaßt, läßt die Lektorate der Buchverlage aufs Fürchterlichste die Stirn runzeln. Jedenfalls, wenn es um Jugendbücher geht. „Das verstehen die heute nicht mehr“, ist die stehende Ausflucht, und das kann schon sein. Aber haben diese Lektoratsmenschen nie gehört, daß Kinder alles Neue in den Mund nehmen, auch ein neues Wort? Oder vergessen, wie spannend es war, beim Lesen eben Wörter zu finden, die man noch nie gehört hatte? Wie spannend das noch immer ist?

Hier ein Beispiel: Feldscher. Buch spielt im Mittelalter, Schlachtgetümmel, hochaufspritzt das Blut, danach kommt der Feldscher, es wird ungemütlich und das Kapitel ist zu Ende, um die zarten Gemüter der Lesenden (und der Übersetzerin) zu schonen. Feldscher geht nicht, befindet das Lektorat, „das Wort kennen die nicht“. Kann schon sein, aber es ist doch eigentlich verständlich, und von nun an kennen sie’s. Dieselbe Schlachtfeldszene wird hygienisch und unschädlich, wenn aus dem Feldscher ein „Arzt“ wird, wie das Lektorat es vorschlug. Oder Ungemach! Vor Jahrhunderten wurde geweissagt, daß einst in dieser Sippe einst ein Kind geboren wird, dem großes Ungemach widerfährt. „Ungemach, das Wort kennen die nicht.“ Alle Argumente – die Weissagung ist viele Jahrhunderte alt, und damals hat eine uralte Matriarchin eines Gorillavolkes sie verkündet, wer, wenn nicht sie, würde „Ungemach“ sagen und nicht „Unglück“, wie nun gefordert würde?

Das Bizarrste an diesem neumodischen Bestreben, junge Menschen mit ihnen unbekannten Wörtern zu verschonen, ist, daß es nur für junge Menschen gilt. In einem Buch für Erwachsene würde das Lektorat mit Recht ein großes Geschrei anstimmen, wenn ihnen in der Übersetzung statt des Feldschers ein Arzt angeboten würde. Aber wieso wissen die erwachsenen LeserInnen dann plötzlich, was ein Feldscher ist, wenn solches Wissen ihnen wenige Jahre zuvor nicht zuzumuten war? Durch Osmose? Durch Literatur ja jedenfalls nicht. Zum Glück können sie bei FaceBook die passende Gruppe finden.

Doch es gibt immer noch Hoffnung! Während ich um das Ungemach trauerte, wurde ein Klassiker der deutschsprachigen Jugendliteratur neu aufgelegt. Fritz Mühlenweg: In geheimer Mission durch die Wüste Gobi. Und darin spielt ein Mongole namens Ungemach eine tragende Rolle. Oh, oh, dachte ich, was werden sie dem armen Ungemach angetan haben? Aber siehe da, er heißt noch immer Ungemach – und dieses schöne Wort hat bei besagter Facebookgruppe eine Menge Fans, und mit dem Hinweis auf Facebook wird es nun hoffentlich vor den Säuberungsgelüsten zaghafter Lektorate gerettet werden können!

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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