Lest die Klassiker III – Eric Linklater

„… seit ewig vergriffen …“
Ein Buch zum Autor – G.H.: „… seit ewig vergriffen“

Beim Übersetzen gibt es manchmal den wunderbaren Augenblick, wenn ein Lieblingsbild oder ein Lieblingsbuch im zu übersetzenden Text auftritt – und das ist besonders schön, wenn der eigentliche Text öde und dröge ist und sich dahinzieht wie ein böses Jahr. Aber in diesem Glücksmoment glaube ich, die Autorin hat dasselbe gesehen wie ich, dasselbe erkannt (oder hoffe es jedenfalls).

In Astrid Lindgrens Kriegstagebuch (gibt es im Herbst auf Deutsch) schreibt sie, daß sie ihrer Tochter Weihnachten 44 das Buch „Wind im Mond“ von Eric Linklater schenkt. Auf Schwedisch, natürlich. Das Buch des schottischen Autors Linklater ist in Norwegen und Schweden einfach bekannt, zwei Autoren von vielen, die sich immer wieder darauf beziehen, sind Jostein Gaarder und Klaus Hagerup. Und nun Astrid Lindgren.

In Linklaters Buch schauen die beiden jungen Heldinnen, Dinah und Dorinda, in einer stürmischen Nacht zu lange in den Mond, und wer das tut, wenn Wind im Mond ist, muß ein ganzes Jahr lang gegen alle Benimmregeln verstoßen. In der Folge rächen die beiden sich an allen, die je gemein zu ihnen waren, bringen einen starrsinnigen Richter dazu, ein ungerechtes Urteil zu widerrufen, mischen einen Zoo auf und überführen einen Eierdieb und befreien schließlich ihren Vater, der bei einem fiesen Tyrannen im Kerker schmachtet. Der Tyrann ist Mussolini, aber die Kinder, die das Buch heute lesen, merken das sicher nicht. „Wind im Mond“ erschien 1948 auf Deutsch, übersetzt von Peter Gan, von dem ich gar nichts weiß, außer, daß er schon lange nicht mehr lebt und zweifellos ein Genie war.

Sicher träumen alle Übersetzenden davon, einmal etwas schöner zu machen, als es im Original war. Peter Gan schaffte dieses Kunststück offenbar mit links. Nur ein Beispiel: Im Zoo sind also Eier gestohlen worden, und der zoo-eigene Detektiv, die Giraffe Mr. Parker, möchte bei allen Tieren nachsehen, ob sie denn an verräterischen Stellen Eierflecken aufweisen. Das Gnu, die Oberzicke im Zoo, sagt empört auf Englisch: „Sir, a lady’s chest is never egg-stained!“ Und auf Deutsch: „Mein Herr, der Busen einer Dame kennt keine Eierflecken.“ Man sieht sie vor sich, hört sie näseln …

Astrid Lindgren schreibt dann einige Wochen nach diesem Weihnachtsfest, daß sie nun angefangen habe, Pippi Langstrumpf zu schreiben. Kann sie sich durch Linklater inspiriert gefühlt haben? Dinah und Dorinda legen allerdings tausendmal mehr kriminelle Energie an den Tag als Pippi, und anders als Pippi, die mit Vorliebe auf Schwächeren herumhackt, die sich nicht wehren können (denken wir nur an das kleine Mädchen, das seinen Papa verloren hatte), sind die beiden die treuesten Freundinnen, die man sich nur denken kann, aber wenn jemand gemein zu ihnen war (oder zu Wesen, die ihnen wichtig sind), dann wird sich gerächt, daß der Leserin die Spucke wegbleibt. Man darf natürlich nicht laut sagen, daß man Pippi Langstrumpf grotesk überschätzt findet (aber „man kann es auf kleine Zettel schreiben“, Unni Lindell), doch wer Mädchen von 9 aufwärts kennt, die Lesestoff und Vorbilder brauchen, gebt ihnen Linklater! Und lest auch selbst! Ein unvergeßliches und inspirierendes Leseerlebnis ist euch gewiß!

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

2 Gedanken zu „Lest die Klassiker III – Eric Linklater

  1. Reichlich spät sage ich jetzt mal, dass ich mir diese Literaturempfehlung zu Herzen nehme und froh bin, dass ich Pippi Langstrumpf nie gelesen habe. Gehässigkeit konnte ich noch nie vertragen, hingegen strafende Gerechtigkeit sehr wohl, wie sie in manchem Krimi herbeigeschrieben wird 🙂

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