Ich gucke mir bei der Arbeit über die Schulter: Überlegungen zu Wörtlichkeit und Nähe – von Karen Nölle

Dass Bücher übersetzen mehr ist als bloßes Abschreiben in einer neuen Sprache, hat sich rumgesprochen. Längst nicht alle Wörter lassen sich eins zu eins übertragen. Sie können mehrdeutig sein, ironisch, zur Erzeugung von Klang oder Rhythmus eingesetzt. Selbst „wörtlich“ verwendet, stellen sie die Übersetzerin vor eine Vielzahl an Möglichkeiten.
Ob zum Beispiel das englische Wort „stupid“ auf dem Weg ins Deutsche zu dumm, blöde, bescheuert, öde oder stupide wird, hängt vom Umfeld, dem Ton des Textes, von der Stilhöhe und der erzählten Zeit ab. Wie besonders, wie normal ist ein Wort, wer spricht es, was für eine Aura hat es, wozu dient es im großen Ganzen? Um das alles zu bestimmen, krieche ich möglichst tief in das Original hinein, lese, lausche, lote aus, suche Entsprechungen. Der Filter für alle Entscheidungen ist meine Person, deswegen sind kaum je zwei Übersetzungen gleich.

So entstehen Rohfassung, Überarbeitung, der abgebbare Text. Oft nehme ich mir vor zu behalten, was für Entscheidungen ich getroffen habe und wie sie motiviert waren. Aber das entfällt mir regelmäßig. Oft merke ich schon beim Fahnenlesen, dass ich nichts mehr von dem Prozess erkenne, den ich Schritt für Schritt und eigentlich ziemlich bewusst vollzogen habe, bis mir meine Version gefiel. Der Text hat sich wieder geschlossen, und ich müsste ihn genauso knacken wie vorher das Original, um wieder zu erschließen, wie ich ihn gebaut habe. Manchmal weiß ich noch die Formeln, die mich bei der Arbeit geleitet haben. „Kein Wort zu viel“ etwa. Oder wie im Fall einer sehr schüchternen Protagonistin, deren scheue Art in die Welt zu treten dem Leser mit jedem Satz vermittelt wurde: „Jeder Satz muss neu auftreten, ganz für sich allein, ohne Stütze links und rechts.“ Wie ich die Formeln umsetze, weiß ich beim Machen und spüre dann auch, wie der Text an Halt gewinnt. Hinterher sehe ich es nicht mehr. Gut wäre, ich schriebe mir Beispiele heraus oder bewahrte die Rohfassung und die Zwischenlösungen auf. Aber irgendwie unterbleibt das immer.

Diana Sweeney, „The Minnow“ – „Am tiefen Grund“, Königskinder Verlag 2015

Diana SweeneyLetzten Winter habe ich ein Jugendbuch übersetzt, das jetzt im April erschienen ist, einen Erstling aus Australien, der einen ganz eigenen Zauber besitzt. Die Heldin ist ein Mädchen namens Tom, das bei einer verheerenden Überschwemmung ihre gesamte Familie verloren hat. Wie ihre Eltern und ihre kleine Schwester sind ungefähr die Hälfte der Bewohner in ihrem Ort umgekommen. Die Geschichte setzt ein, als schon wieder eine Art Alltag eingekehrt ist – und diese Alltäglichkeit nach der Katastrophe hat eine ganz besondere Qualität. Die Autorin fängt nicht nur die Trauer ein, die Einsamkeit und die Schwierigkeiten, sondern auch den selbstverständlichen Lebensmut der Vierzehnjährigen. Die Geschichte wird von Tom erzählt, in vielen Episoden, durchsetzt von Träumen, Erinnerungen, Abschweifungen. Die Erzählweise ist zugleich knallhart und liebevoll zart, schlicht bis lakonisch, selbst wenn das Erzählte magisch und romantisch wird, die Erzählerin ist klug. Das Buch lebt von seiner Atmosphäre – und von seiner Unvollständigkeit: von dem was Tom erzählt, was sie nicht erzählt, weil sie nicht will oder weil es ihr zu selbstverständlich ist, und von dem, was sie sagen möchte, aber nur auf Umwegen herausbringt. Ton und Dosierung sind so genau herausgearbeitet, dass sie für mich zu den wichtigsten Kriterien wurden. Für mein Gefühl für den Text fand ich die Formel „Kein Wort zu viel“ – nicht mehr verraten als Tom verrät, genauso sparsam sein wie sie, mit den Mitteln meiner Sprache, aber so nah am Original wie möglich. Die Formel fasste für mich das Gefühl, an das ich mich beim Schreiben halten wollte.

Kleine Verschiebungen – der Treue wegen

Diesmal habe ich durch einen Zufall noch eine vorläufige Fassung im Rechner. Ich kann mir also ansehen, wie meine Bemühungen praktisch aussahen. Reichlich schlicht, stelle ich fest, aber gleich im ersten Absatz sind ein paar Dinge, die ich mir merken möchte.

Hier das Original:
‘I think Bill is in love with Mrs Peck,’ I confide to an undersized blue swimmer crab that has become all tangled up in my line. The little crab doesn’t appear to be the slightest bit interested, so I finish pulling it free and toss it over the side of Bill’s dinghy. It makes a plopping sound as it enters the water and I watch it swim away. Bill, as usual, is asleep. He sleeps with his hand dangling over the edge, the line tied to his little finger. Sometimes I have to kick him awake, although he swears he always feels the fish tugging. That’s Bill. Bit of a liar.

Die Rohversion:
„Ich glaube, Bill ist in Mrs Peck verliebt“, vertraue ich einer blauen Schwimmkrabbe an, die sich in meiner Schnur verheddert hat, aber noch nicht groß genug ist. Die kleine Krabbe wirkt nicht im Geringsten interessiert, also entknote ich sie zu Ende und werfe sie von Bills Dinghy über Bord. Mit einem Klatsch plumpst sie ins Wasser, und ich sehe zu, wie sie wegschwimmt. Bill schläft wie üblich. Er lässt im Schlaf die Hand über den Rand hängen und hat die Schnur um den kleinen Finger gebunden. Manchmal muss ich ihn treten, damit er aufwacht, obwohl er schwört, dass er es immer spürt, wenn ein Fisch anbeißt. So ist Bill. Ein Lügner eben.

Der fertige Text:
„Ich glaube, Bill ist in Mrs Peck verliebt“, sage ich heimlich zu einer blauen Schwimmkrabbe, die sich in meiner Schnur verheddert hat, aber noch nicht groß genug ist. Die kleine Krabbe wirkt nicht im Geringsten interessiert, also entknote ich sie ganz und werfe sie über Bord. Sie landet mit einem Klatsch im Wasser, und ich sehe zu, wie sie davonschwimmt. Bill schläft wie üblich. Er lässt im Schlaf die Hand über den Rand seines Alu-Boots hängen und hat sich die Schnur um den kleinen Finger gebunden. Manchmal muss ich ihn treten, damit er aufwacht, obwohl er schwört, dass er es immer spürt, wenn ein Fisch anbeißt. So ist Bill. Ein ganz schöner Lügner.

Allerlei Unterschiede – hier nur ein paar, die ich mir merken möchte:
Aus „confide“ wurde zuerst lexikongetreu „anvertrauen“ – und schließlich, nach genauerer Kenntnis des ganzen Buches, mit dem Wissen, wie Tom zu Bill steht und was das Reden mit Tieren im Wasser zu bedeuten hat, „sagte heimlich“, was ich atmosphärisch stärker finde. Vielleicht hätte „sagte leise“ es auch getan. Das Wort „leise“ nehme ich eigentlich gern, wenn es sich anbietet, weil das Englische es gar nicht so hat wie wir und deswegen unter anderem Menschen in Büchern viel öfter flüstern als bei uns …
Aus „all tangled“ ist gleich „verheddert“ geworden. Das deutsche Verb war mir offenbar stark genug – und mehr als 3 Silben brauchte die Sache nicht.
Der größte Schritt für mich war von „toss it over the side of Bill’s dinghy“ über „werfe sie von Bills Dinghy über Bord“ zu „werfe sie über Bord“, was zur Folge hatte, dass die Bezeichnung für das Boot, in dem sie sitzen, ein Stück nach hinten verschoben wurde: In der Endversion lässt Bill seine Hand über den Rand des Alu-Bootes hängen. Vorne nur das knappe, idiomatische „über Bord“ zu haben, kommt dem Ton des Originals viel näher. Eine Abweichung, eine Verschiebung, die irgendwie treuer ist als Wörtlichkeit.

Eine weitere Form der Abweichung, die sich durch das Buch zieht, ist ganz typisch für den Übersetzeralltag. Tom hegt eine besondere Liebe zu Wörtern, schönen, treffenden, leicht auffälligen Wörtern. Um ihr Vokabular zu erweitern, nimmt sie sich vor, jeden Tag eins nachzuschlagen, das ihr nicht selbstverständlich vertraut ist, und benutzt dazu ein Wörterbuch (dictionary) und ein Synonymlexikon (thesaurus). Die „schwierigen“ Wörter sind überwiegend romanischen Ursprungs – wörtlich übersetzt wären sie im Deutschen überhaupt nicht schwer zu verstehen. Also musste Ersatz gefunden werden, und weil die Autorin diese schwierigen Wörter so ausgewählt hat, dass sie sowohl genau an den Platz in der Geschichte passen als auch einen bestimmten Strang des ganzes Buches unterfüttern, war die Auswahl eingeschränkt. Mein Ziel war, möglichst beide Elemente zu erhalten. Gegriffen habe ich meistens nach alten, ungebräuchlichen Wörtern, die nicht mehr unbedingt zum aktiven Wortschatz Heranwachsender gehören. Wie in dem folgenden Beispiel, wo ich anschließend auch die Wörterbucheinträge frisiert habe:

Original:
… the sun is in my eyes, obliterating her face.
Obliterate was yesterday’s word. The thesaurus gives alternatives like annihilate, delete, destroy and eradicate, but the dictionary’s entry is much calmer: it says simply ‘to blot out’. I find it interesting that the thesaurus and dictionary can have such disparate perspectives. My thesaurus doesn’t have a listing for disparate. I’m a bit disappointed about that.

Übersetzung:
… die Sonne scheint mir in die Augen, und ihr Gesicht ist ausgetilgt.
Ausgetilgt ist das Wort von gestern. Im Synonymlexikon finden sich Vorschläge wie vernichten, zerstören und auslöschen, aber das Wörterbuch ist viel bildhafter. Dort ist die Rede von ausradieren, mit Stumpf und Stiel beseitigen, dem Erdboden gleich machen. Ich finde es interessant, dass die beiden so disparat sein können. Für disparat gibt es in meinem Synonymlexikon keinen Eintrag. Das enttäuscht mich ein bisschen.

Dem vielfältigen Angebot der deutschen Lexika auf meinem Schreibtisch konnte ich a) nicht widerstehen, und b) brauchte ich eine eigenständige Lösung – denn „calmer“ bzw. „ruhiger“ oder „weniger stark“ waren die deutschen Synonyme nicht. Ich habe sie nach der Stärke ihrer Bildhaftigkeit sortiert, um einen schlüssigen Unterschied herauszuarbeiten. Und Vokabeln für Zerstörung durften im Text gerne vorkommen und weiter mitschwingen. Für mein Gefühl also dient auch in diesem Beispiel meine Abweichung auf der Ebene der Wörtlichkeit der Treue zum Original.

2014-04-05-Karen
Karen Nölle – © Sigrid Engeler

Karen Nölle ist die Herausgeberin des Verlags edition fünf. Sie übersetzt Literatur aus dem Englischen, unter anderem von Autorinnen wie Paula Fox, Janet Frame, Doris Lessing, Alice Munro und Eudora Welty – dann und wann auch Jugendbücher. Nebenbei ist sie freie Lektorin und Autorin von Reisebüchern, eine erfahrene Leiterin von Textseminaren. Lesungen moderiert sie oft und gerne. Sie lebt am Dieksee in Holstein.
Text, Abbildung und Foto: Karen Nölle
Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

Ein Gedanke zu „Ich gucke mir bei der Arbeit über die Schulter: Überlegungen zu Wörtlichkeit und Nähe – von Karen Nölle

  1. Wie ich weiß, haben sehr viele BesucherInnen diesen Beitrag gelesen, darunter vermutlich viele KollegInnen …
    Mich hat das komplexe Heranpirschen Karins an eine sie überzeugende, dem Original und dem Detail verpflichtete Übersetzung beeindruckt. Ich gewann eine Erkenntnis mehr, warum ich manchmal beim Lesen übersetzter Literatur stutze: in solchen Fällen hat sich offenbar jemand nicht ausreichend hineingefühlt. – Auch von Gabriele Haefs konnte ich schon einiges auf diesem Blog lernen, z.B. hier https://www.schwarzaufweiss-internet.de/aus-dem-uebersetzerinnenleben-3-anna-munch-neu-uebersetzt
    Was aber denken und wie handeln denn andere ÜbersetzerInnen?

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