Meine Abenteuer beim Übersetzen, 2: Ich bin interviewt worden

Interviewt zu werden passiert unsereiner ja nicht alle Tage, und dieses hier war ein ganz langes und ausführliches Interview. Für eine Schriftenreihe bei einer irischen University Press, ein ganzer Band über Übersetzen und irische-deutsche Kontakte. Das Interview wurde per Mail geführt, ich bekam Fragen geschickt, mußte antworten, die Fragen veränderten sich unterwegs, die Antworten sowieso, und es war sehr lehrreich und hat Spaß gemacht – auch, zu sehen, was eine irische Interviewerin überhaupt für Fragen hat und welche Mißverständnisse dabei auftauchen können.

Wir hatten viel Zeit und viel Platz. Ich sollte natürlich erzählen, wie ich zum Übersetzen gekommen bin, wie und wo ich Gälisch gelernt habe, ich durfte von meiner letzten Prüfung erzählen, wo ich die entscheidende Frage nicht beantworten konnte und trotzdem eine 1+ bekam, ich durfte von Büchern erzählen, die ich einfach nur doof fand und trotzdem übersetzt habe, weil die Miete bezahlt werden muß, und von solchen, die mir wirklich am Herzen liegen. Ich durfte sogar erzählen, wie ich ein Übersetzungsproblem dadurch gelöst habe, daß ich den Autor, der kein Deutsch kann, die möglichen Übersetzungen nachsprechen ließ und er sich die aussuchte, die ihm am besten im Mund lag.

Und am Ende haben wir noch versucht, die Frage zu ergründen, wieso so viel aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wird und so selten etwas in die Gegenrichtung. Am Ende sollte ich noch ein Foto schicken, weil von allen, die im Band vorkommen, Fotos dabei sein sollten.

Dann konnte ich mich auf das fertige Ergebnis freuen. Darauf, den Band in der Hand zu halten, zu sehen, was sonst noch drinsteht, und, wichtig, wer sonst noch drinsteht, was die anderen sagen … und darauf, den Band dann herumzuzeigen, vielleicht noch ein paar Exemplare zum Verschenken anschaffen, oder diese Exemplare zum Einholen von neuen Aufträgen zu nutzen, kurzum, damit zu protzen.

Aber: Protzsucht kommt vor dem Fall. Ende Februar erschien das Werk. Ich wartete und wartete und verfluchte die Post, denn es kam nichts bei mir an. Dann fragte ich vorsichtig an, ob sie mich vielleicht vergessen hätten. Aber nein, das war nicht das Problem, und die Post hatte ich auch ohne Grund verflucht. Belege bekommen nur die, die etwas geschrieben haben. Ich habe ja nicht geschrieben, sondern bin interviewt worden (daß ich die Antworten geschrieben habe, zählt da nicht), also steht mir kein Beleg zu. Die deutsche Botschaft in Dublin bietet das Buch auf ihrer Website zum Verkauf an, aber ich merke, ich will die beleidigte Leberwurst spielen und keinen Cent dafür ausgeben. Verdirbt interviewt werden vielleicht den Charakter? Ist mir jetzt auch egal! Inzwischen habe ich das Interview immerhin als Pdf, aber zum Protzen ist das leider nix.

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

Ein Gedanke zu „Meine Abenteuer beim Übersetzen, 2: Ich bin interviewt worden

  1. So behandelt zu werden, ist einfach nur paradox, ungerecht und beleidigend! Gabriele, die haben Dich zur Leberwurst gemacht. Du hast völlig Grund zum Schmollen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.