Lest die Klassiker VIII: Joseph Lauff

Bei Erwähnung des Namens Joseph Lauff machen die meisten heute ein verdutztes Gesicht, oder, um im Lauff’schen Jargon zu bleiben, ein „Gesicht, als ob sie die Maultrommel spielten“. Dabei war der fast vergessene Dichter Joseph Lauff zu seinen Lebzeiten nicht nur ein erfolgreicher Romanautor und Dramatiker, sondern gar der Lieblingsschriftsteller Seiner Majestät Kaiser Wilhelms II – und wer wollte sich erfrechen, am Allerhöchsten Geschmack zu zweifeln?

Joseph Lauff, 3. von links – Foto von Gabriele Haefs aus dem Privatbesitz in Kalkar

Der nachmals geadelte Joseph von Lauff wurde dem schlichten Namen Joseph Lauff 1855 in Köln geboren, stammte jedoch nicht aus kölscher, sondern aus preußischer Familie, die nach der Annexion des Rheinlandes dorthin versetzt worden war. Seine Jugend verbrachte er im Städtchen Kalkar am Niederrhein, noch heute berühmt wegen des schönsten deutschen Holzschnitzaltares sowie eines kunstgeschichtlich nicht ganz so bedeutenden Schnellen Brüters. Und damit war Lauff fürs Leben geprägt, oder geschädigt, wir werden’s noch sehen.

Die Jahre von 1878 bis 1898 verbrachte er als preußischer Offizier und dichtete nur so nebenbei. 1898 wurde er auf Wunsch Kaiser Wilhelms II. Dramaturg am Hoftheater zu Wiesbaden, Wilhelms liebstem Ferienort. 1913 wurde der Major a. D. geadelt, 1933 verstarb der noch immer kaisertreue Joseph von Lauff in Cochem an der Mosel, nachdem er die Jahre seit 1919 in seinem Heimatort Kalkar verbracht hatte. In Kalkar, mit dem ihn eine Hassliebe verbindet, die sein Werk viel tiefer geprägt hat als seine Freundschaft zu unserem Kaiser, seinem allerhöchsten Dienstherrn.

Soviel zur Biographie des Künstlers. Ein Offizier als Dichter, noch dazu auf Höchsten Befehl, scheint interessant genug. Lesen wir dann noch, dass der deutsche Kronprinz, dem der Sinn nach moderner Kunst stand und der in Berlin Max Reinhardt und Gerhart Hauptmann heimisch machen wollte, am Widerstand seines Herrn Papas scheiterte – der zog nun einmal Joseph Lauff vor –, dann müssen wir einfach einen Blick auf dessen Werk werfen.

Bekanntlich lassen sich Weltbild und Werk eines Dichters nicht voneinander trennen – und hier haben wir das Lauff’sche Weltbild in seinen eigenen Worten:

„Die Welt ist verworren und des Menschen Sinn ist auf Unbesonnenes und Verkehrtes gerichtet. Man wähnt so oft, überirdische, himmlische Schalmeien zu hören, und dennoch ist es der Lockruf des Satans, der mit seinem verbuhlten Rauschpfeiflein hofieret.“

Fürwahr, wer wollte dies bestreiten! Lauffs Personen geraten allemal in die Fallstricke dieser verworrenen Welt, und in Romanen mit verheißungsvollen Titeln wie „Kärre Kärrekiek“, „Die Tanzmamsell“ oder „Die Tragikomödie im Hause der Gebrüder Spier“; in dramatischen Gedichten wie „Die Sauhatz“ oder „Die Brixiade“ haben sie nichts anderes im Sinn als zu sündigen, zu büßen, danach munter weiter zu sündigen, ihr Tun mit gebührenden Mengen von Schampus und Rotspon zu begießen – und alles mit gleicher Inbrunst. Denn, so eine Lauff’sche Hauptperson: „Wein erfreut des Menschen Herz!“ Und so ist es nur folgerichtig, wenn bei Beerdigungen die Kapelle spielt „Nun trinkt sie keinen Rotspon mehr!“, worauf sich die Trauergemeinde eilends ins Wirtshaus begibt. Doch der vom preußischen Genügsamkeitsethos geprägte Lauff konnte diese ungehemmte Lebensfreude nicht gutheißen, entsprang sie doch dem verbuhlten Rauschpfeiflein des Satans. Er war mehr für Disziplin, eherne Selbstkontrolle, Vaterlandsliebe um jeden Preis, protestantisches Arbeitsethos – aber das Schicksal hatte ihn an den dicksten katholischen Niederrhein verschlagen. Und wenn ihm jemand widersprach, dann hatte er gleich die Antwort zur Hand: „Mein Herr, Sie stellen Behauptungen auf, die mit Kielkröpfen umhertaumeln!“ Sein Leben lang fand er keinen Ausweg aus seinem preußisch-rheinischen Zwiespalt. Doch das heiße Ringen um den Weg aus dem Dilemma ist eines deutschen Dichters nur würdig, und uns kann das eigentlich egal sein. Viel wichtiger für die Übersetzerin heutzutage ist das Vokabular des Dichters, und sich daran zu bereichern, ist eine wahre Freude – ich hoffe, auch für die LeserInnen der damit angereicherten Übersetzungen. Aber wer würde sich nicht erfreuen an einem solchen Balzritual: „Er umkullerte sie mit dem Zeremoniell eines kalkuttischen Bronzeputers, und hätte er einen Nasenklunker besessen, kein Zweifel: dieser wäre karminrot geworden, hätte in allen Farben eines durchleuchteten Prismas geschillert.“ Die Lauff’schen Helden – und Heldinnen! – kennen eben kein Zaudern. Gehen sie erst ans Werk, dann „mit der Entschlossenheit einer richtig gehenden Standuhr“. Natürlich irren sich gerade diese tatkräftigen Menschen bisweilen, denn die Welt ist schließlich gar so verworren:

„Er dachte: gleich kommt die tigerische Wut über mich – aber sie kam nicht!“

Heutige Dichter würden einen solchen Satz als Aphorismus oder „abgeschlossenen Roman“ veröffentlichen. Bei Joseph Lauff, bei dem solche Perlen nur so aus dem Ärmel purzeln und fast auf jeder Romanseite landen, suchen die irrenden Helden ihr Heil in der Meditation: „Auch der Schulmeister nickte und knackte die vorgeschobene Nuss auf, aber nur in effigie, denn das Knacken rührte von seinen Fingergelenken her, die er kräftig ineinandergeflochten hatte und drückte.“ Zur Beruhigung unbedingt empfohlen!

Mehr über Joseph Lauff in einem längeren Artikel in der soeben erschienen Nr. 16 der Zeitschrift Anachronia.

Die „Lauff-Stube” im Hotel „Brixiade & Triton“, benannt nach Joseph Lauff
Einige der vielen Zeichnungen  von Joseph Lauff in der „Lauff-Stube“

Ein schönes Reiseziel ist das Hotel „Brixiade & Triton“ in Cochem an der Mosel. Dort hat der Dichter gern gezecht, und zur Erinnerung an ihn gibt es dort einen nach ihm benannten Saal, der mit seinen Zeichnungen geschmückt ist, und überhaupt überall im Haus Erinnerungen an den illustren Gast!

Ein Beitrag von Gabriele Haefs zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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