Meine Abenteuer beim Übersetzen, 26: Wenn Verleger gute Ratschläge geben

Magdalene Thoresen, 1819–1903, dänisch-norwegische Autorin
Magdalene Thoresen – Wikimedia © By National Library of Norway

Nun habe ich eine Klassikerin übersetzt, Magdalene Thoresen (1819–1903), zu ihrer Zeit eine bekannte Autorin. Bekannter heutzutage ist leider ihr Schwiegersohn, ein gewisser Herr Ibsen, der hemmungslos bei ihr abgeschrieben hat (z.B. die berühmte Schlußszene aus „Nora“, wo Nora türenknallend den Gatten verläßt). Über diese wunderbare Autorin schreibe ich sicher an dieser Stelle demnächst noch mehr, erst mal wollte ich also von Verlegern und deren Erzählungen von Magdalene Thoresen: Signes Geschichte, Der Luknehof, Niels Lochimhaus … CoverRatschlägen erzählen. Genauer gesagt, von einem. Ich fand nämlich antiquarisch eine alte Ausgabe mit drei langen Erzählungen von ihr, 1901 erschienen, wunderschöne Jugendstilausgabe, mit einem Vorwort des Verlegers. So unterschreibt er, ohne Namen, nur mit „Der Verleger“. Er schreibt übers Übersetzen. Da kannte er sich offenbar aus, und das macht neugierig, man lernt ja gern was dazu.

Der Verlag, in dem das Buch erschienen ist, hieß Fr. Wilh. Grunow und war in Leipzig beheimatet. Fr. Wilh., nicht schwer zu entschlüsselnde Abkürzung, doch der Verleger Friedrich Wilhelm Grunow starb bereits 1871. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben wir es hier mit seinem Sohn und Nachfolger Johannes Grunow (1845–1906) zu tun (wir sollten ihn nicht verachten, er hat neben Magdalene Thoresen auch Paul Göhre verlegt!). Und Johannes schreibt folgendes (hier zur Gänze wiedergegeben):
Erzählungen von Magdalene Thoresen: Signes Geschichte u.a., Vorwort„Indem ich hiermit den zweiten Band Erzählungen von Frau Magdalene Thoresen herausgebe, erlaube ich mir ein paar Bemerkungen über das Übersetzen überhaupt. Man huldigt verschiedenen Prinzipien: manche Übersetzer halten es für falsch, sich ängstlich an das Original zu halten, und sie bieten dann eine freie ,Nachdichtung‘. Das mag gewöhnlicher Romanware gegenüber erlaubt erscheinen, und bei solcher ist es gleichgiltig, wie es gemacht wird. Etwas andres aber ist es bei Schriften von solchem Wert und solcher Eigentümlichkeit, wie denen der Frau Thoresen. Hier ist es Pflicht des Herausgebers, mit aller Treue und Hingebung zu versuchen, dem Original nahe zu kommen, ganz einerlei, wie schwer das ist, und wieviel Mühe es macht, die Eigentümlichkeit der oft außerordentlich knappen und nicht leicht verständlichen Ausdrucksweise und der Bilder und Gedanken wiederzugeben. Das ist freilich unbequemer als die ,Nachdichtung‘ andrer Übersetzungen, die der Schwierigkeit der Sache dadurch aus dem Wege geht, daß sie an die Stelle der Kraft und der Schärfe des Originals breite Umschreibungen setzt und die echte Poesie, die über allem liegt, was Frau Thoresen geschrieben hat, in geschmacklose und weichliche Sentimentalität verwandelt. Aber das andre ist das einzig richtige, und man ist es der Verfasserin schuldig. So habe ich es in anderen Übersetzungen angestrebt, die ich verlegt habe, und so habe ich es mit den Übersetzerinnen auch in diesem Bande versucht. Der Verfasserin hoffen wir zu Dank gearbeitet zu haben. Die Leser aber werden nicht oft den Eindruck haben, daß sie es mit einer Übersetzung zu thun haben.“

Was sagt er eigentlich? Das, was alle wissen, man sollte so nah wie möglich am Original bleiben und sich an den Stil der Autorin halten. Praktische Ratschläge, wie das zu bewerkstelligen ist, gibt er leider nicht – und die lernbegierige Übersetzerin ist so schlau als wie zuvor. Zwei seiner Übersetzerinnen bei diesem Buch hatten offenbar das Streben des Verlegers satt und wollten im Buch nicht namentlich genannt werden. Ich stelle mir vor, wie sie stirnrunzelnd und zornbebend ob der ewigen Einmischungen des Verlegers die Nase voll hatten und sagten: „Mach, was du willst, aber ruinier mir nicht meinen guten Namen“ (eine Situation, die alle ÜbersetzerInnen kennen!).

Nun wollen wir also sehen, was dabei herauskommt, wenn der Verleger dafür sorgt, weichliche Sentimentalität zu vermeiden und die echte Poesie herauszubringen, und schlagen wahllos eine Seite auf. Und lesen, schier ergriffen von so viel echter Poesie:
„Da wandte sich Gudmund von der schweigenden Signe zu dem Pfarrer um, der auch in ratloser Bestürzung stumm dastand. Einen Augenblick sahen sich Vater und Sohn an … wenn sich die Menschen Auge in Auge in festem und tiefem Anschauen gegenüberstehen, da geschieht es, daß die Gemeinschaft der Seelen sich entweder festigt oder löst … durch diesen Blick war der Pfarrer von seinem Sohn gelöst. Gudmund warf sich in den Schlitten und war im nächsten Augenblick verschwunden.“

Rachsüchtig habe ich dann nachgesehen, ob es wirklich ein Pfarrer ist. Denn auf Norwegisch heißt jeder ordinierte Geistliche „prest“, und es ist einer der häufigsten Übersetzungsfehler, das mit „Pfarrer“ zu übersetzen, egal, welches kirchliche Amt der Betreffende ausüben mag, oder auch nicht, aber hier ist es wirklich einer. Und egal, wie weit der kühle, knappe Stil der Frau Thoresen durch des Verlegers Streben verändert wurde – das mit der Gemeinschaft der Seelen ist doch einfach schön!

Ein Beitrag von Gabriele Haefs zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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