Meine Abenteuer beim Übersetzen, 10: Ich habe abermals Post vom Nachwuchs bekommen

Richard Ungewitter, der eifrigste Apostel der Nacktkultur auf einer SkitourEs ist viel zu heiß für meinen Geschmack und ich lese skandinavische Weihnachtsgeschichten, was ja überhaupt nicht zueinander paßt, aber es ist für eine Anthologie, die dann rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft 2017 auf dem Markt sein soll. Ab und zu schaue ich mir Richard Ungewitter an, um ein bißchen zu frieren und in Stimmung zu kommen (in den Geschichten verirren sich die Leute gern in der Weihnachtsnacht, wenn sie auf Skiern zur Kirche laufen, und landen in einer lange zurückliegenden Zeit, ich glaube, das ist Richard U. nicht passiert). Solche Sammlungen sind ja eine gute Möglichkeit, Neulingen eine erste Chance zu geben, und auch im Weihnachtsbuch werden welche dabei sein. Seit bekannt ist, daß Norwegen bei der Frankfurter Buchmesse 2019 Gastland sein wird, häuft sich die Nachwuchspost, und manche sagen ganz offen, daß sie nicht nur Rat wollen, sondern gern eine Geschichte für irgendeine kommende Anthologie. Das läuft aber nicht automatisch, und ich runzele die Stirn, wenn ich lese, wie selbstverständlich manche davon ausgehen, daß ich mit Geschichten nur so um mich werfen kann, und denke: Das könnte dir so passen.

Lieber nicht falsch schreiben, aber ich bin nicht sicher, wie das mit den Rechten ist
Agatha Christie – diesen Namen lieber nicht falsch schreiben!
Projekt Gutenberg
Theodor Storm

So einen Fall hatte ich soeben. Nennen wir ihn John Glückstadt – weil ich vorige Woche in Husum im Stormhaus war und weil ein Name sich immer besser macht als XY. John Glückstadt möchte aus dem Norwegischen übersetzen und stellt viele Fragen. Die auch alle durchaus sinnvoll sind, und ich antworte und schreibe ihm Links auf, wo er mehr zu einzelnen Themen erfahren kann. John Glückstadt antwortet und hat weitere Fragen. Und er hat ein Buch, das er gern einem Verlag hier anbieten möchte. Was dabei zu bedenken sei, will er wissen. Und ob ich einen Verlag empfehlen könnte. Ich antworte allgemein, denn ich kenne das Buch ja nicht. Worauf ich eine Beschreibung von drei Sätzen bekomme, dazu den Hinweis, es sei geschrieben im Stil von „Agatha Christy“, und ob ich jetzt was empfehlen könnte. Ich habe so meinen Verdacht, daß ich weiß, welches Buch gemeint ist, aber ob ich richtig liege, will John Glückstadt mir nicht verraten. Zwischen den Zeilen kann ich lesen, daß ich, wenn ich zu viel wüßte, ja selbst versuchen könnte, dieses Meisterwerk unterzubringen. Will ich gar nicht, ich bin ja gar nicht begeistert davon, wenn ich mit meinem Verdacht also richtig liege. Ich teile abermals mit, daß ich auch nach drei Zeilen Inhaltsangabe keine Verlagsempfehlungen geben kann. John Glückstadt, der inzwischen mehrmals betont hat, daß das Buch im Stil von „Agatha Christy“ sei, verstummt beleidigt. Woraus ich schließe, dass er nun die Hoffnung aufgegeben hat, an einer kommenden Anthologie beteiligt zu werden.

Und er liegt richtig. Es nimmt ganz schön viel Zeit in Anspruch, seine vielen Fragen zu beantworten. Es dauert, die Links rauszusuchen. Er vertraut ganz offenbar auf mein Urteil und meine Sachkenntnis – aber sein Vertrauen reicht nicht aus, um mir den Titel seines Traumbuches zu verraten? Rachsüchtig freue ich mich darüber, daß er Agatha Christies Namen so konsequent falsch schreibt. Das ist jedenfalls kein guter Einstieg bei einem Verlag, dem er ein Projekt aufschwatzen will. Ich wende mich wieder den schneekalten Weihnachtsgeschichten zu, nicht ohne einen weiteren Blick auf den überaus gelassenen Richard Ungewitter, und dann ist meine Rachsucht verflogen. Aber eine Geschichte kriegt John Glückstadt trotzdem nicht ab.

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“. Evelyn Kuttig

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