Morgen kommt das alles zum Antiquar – von Dörte von Westernhagen

Was sich in zwanzig Jahren in
den Regalen angesammelt hat:
Ein Umzug bringt es an den Tag

Umzug und PackenDer Fernseher läuft. Im Flur stapeln sich die Bücher; ein Turm mit Wissenschaftstheorie, mit Staatsrecht und Politik; einer mit Marxismus, Arbeiterbewegung und Soziologie; ein dritter mit Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse; der nächste mit Frauenfragen und Famlienrecht; dann Nationalsozialismus; daneben viele kleinere Häufchen: Reise, Umwelt, Frieden und Undefinierbares. Morgen kommt das alles zum Antiquar. In der nächsten Wohnung ist nicht genug Platz.

Obwohl bereits gründlich ausgemistet, sehen die Bücherborde immer noch aus, als müsste das Aussortieren erst anfangen. Wo kommt das ganze Zeug bloß her! Naja, zwanzig Jahre – da sammelt sich was an. Wer kann immerzu fernsehen, Sport treiben oder auf der Suche nach einem Parkplatz sein?

Das sagt sich so – viel zu salopp. Die Stapel im Flur enthalten keine bibliophilen Kostbarkeiten, aber immerhin einen Teil meines Lebens. Mit diesen Büchern habe ich Zeit zugebracht. Sie sitzt noch in ihnen. Sie kommt zurück, wenn ich sie einzeln aus dem Regal nehme, hier und da blättere.

Das soll alles weg? Der Reiseführer „Marokko“, 1976 völlig veraltet. Am Ende dieser Reise verabschiedete sich mein Mann für immer. Die Geschichte ist längst verschmerzt. Das Buch kann weg. Aber wollte ich nicht diese Reise beschreiben? „Abschied in Tanger“; wie das ist, wenn der Underdog sein Joch abwirft und den Topdog auf seinen Platz verweist; die schleichende, unfassliche Verkehrung der Rollen. Das Verhältnis von Theorie und Praxis, damals in aller Munde wurde „konkret“. Absturz, Wende, ein blutiger neuer Anfang.

Ich stelle den Band zurück zu den verschont gebliebenen Besitztümern. Die Stimmung dieser Wochen, die schon der rote Plastikeinband hervorruft. Das muss aufbewahrt werden, Vielleicht schreibe ich die Geschichte ja doch eines Tages.

Nicht an jedes Buch knüpfen sich so intensive Erinnerungen. Aber was da liegt, gibt ein Bild von mir. In dieser Auswahl komme ich vor. Es ist eine Einheit. Ohne mich ist das Ganze nur eine sinnlose Anhäufung von Kram, wie der Nachlass eines Verstorbenen. Der Nachlassverwalter prüft nur noch die Verwertbarkeit.

Genau das steht bevor. Ich hab’ zu viel. Daher muss ein Teil von mir „entsorgt“ werden, wird schon zu meinen Lebzeiten zu Altpapier, Müll, Endstation Müllverbrennung. –

Was ich angeschafft habe, ist meist nicht freiwillig gekauft. Wer kauft schon aus freien Stücken. Dem Zwang zum Konsum unterliegt auch der Konsumverächter. Der kauft eben alternativ. Aussuchen kann man sich fast nichts. Ins Zentrum des (Kauf-)Interesses rückt, was der Zeitgeist und die Lebensumstände verordnen. Wenn sich so ein Knotenpunt der Aufmerksamkeit bildet – ob Gleichberechtigung, Zen, Frieden, Neue Küche, Psycho, Medien, Heilkräuter, Schamanismus oder die Welt der Antarktis – entsteht eine detailversessene Sammelwut. Vollständigkeit anzustreben ist illusorisch. Aber die Titel, die man haben zu müssen glaubt, springen einen an; durch Tipps von Freunden, in Buchläden, Verlagsprospekten, Rezensionen. Auf diese Weise entstehen in den Bücherwänden lauter gutsortierte Spezialabteilungen.

Wie oft meinte ich: „Es kann einfach kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet jetzt auf dieses Buch stoße.“ Es passte nahtlos zu dem weltanschaulichen Eintagsfieber, das mich gerade befallen hatte, auf die Zwangslage, in der ich mich befand, auf das Menschheitsdrama, an dem auch ich teilnehmen zu müssen glaubte.

Ach, diese wunderbaren Aufschwünge, die Perspektiven, die sich mit einem neuen Buch eröffneten; diese richtigen Gedanken, die angestrichen oder abgetippt werden mussten und als Zitat, ans Bücherbord gepinnt, vergilbten; Gedichte, philosophische Maximen; Parolen wie auf den Spruchbändern der weiland DDR. Jetzt verwandelte sich, was ehemals Sinn stiftete, in Massenware, Abfall, Umweltbelastung.

Die Bücher, die ich habe, haben Viele. Sie verkaufen sich schlecht. Vom „Kursbuch“ z.B. gehen nur die frühen Nummern. Mein Bestand repräsentiert einen bestimmten Ausschnitt aus der Geschichte der Bundesrepublik, irgendwie links, absolut out, nichts Besonderes. Meine Güte, diese wissenschaftlichen Kampfschriften von vor zwanzig Jahren über die Frage, ob wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben oder ob das staatsmonopolistisch verfasste Kapital uns beherrscht. Heute taucht der Ausdruck „industriell-militärischer Komplex“ in Zeitungen, die als seriös gelten, selbstverständlich auf. Damals war er ein Erkennungscode und ein Schimpfwort.

Betrübt betrachte ich die Büchertürme im Flur. Von oben sehen sie gar nicht so hoch aus. Die blauen Bände, Marx-Engels-Werke, herausgegeben nach der „vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU besorgten zweiten russischen Ausgabe“ sind ordentlich gebunden. Der Druck ist etwas luschig, aber sie fassen sich gut an. Vielleicht haben sie auf dem Flohmarkt noch eine Chance.

Im Westen sind vor zwanzig Jahren außer Krimis vor allem Taschenbücher zum besseren Verständnis der gesellschaftlichen Situation erschienen. Erkenntnis sollte erschwinglich sein. Nach der Erkenntnis kam die Selbsterkenntnis; die war dann etwas teurer.

Die Bücher zur Psychoanalyse und Politik sind haltbar, Hardcover, die Umschläge glänzen noch. Ich konnte damals nicht auf die Taschenbuchausgaben warten und verdiente bereits genug. Auch die Paperbacks waren nicht billig. Die Erkenntnis, dass die Psychoanalyse der Politik gegenüber hilflos ist, hat mich einen Haufen Geld gekostet.

Der Psychostapel ist tatsächlich am größten. Er markiert die vorletzte Epoche meiner geistigen Wendungen. Das Vorvergangene erscheint besonders überholt; eine günstige Konstellation, um Modisch-Platzraubendens auszugliedern: Alice Miller „Du sollst nicht merken“ oder „Am Anfang war Erziehung“, Aufgüsse ihres ersten Buches „Das Drama des begabten Kindes“, das ich fast auswendig konnte. Darunter liegen Horst Eberhard Richters gelb-rote Wälzer aus den Siebzigern. „Die Gruppe“, „Lernziel Solidarität“, „Engagierte Analysen“. In „Lernziel Solidarität“ steckt noch eine Rezension, Tilman Moser 1974: „Richter geht auf Expedition in Notstandsgebiete …, er verknotet den Einbau von Duschen in einer Obdachlosensiedlung mit dem gegenwärtigen Zustand des Weltimperialismus.“

Richtig, so war das, Selbstheilung, Selbsterhellung, Gesellschaftsveränderung, „ein Handbuch der Psychohygiene für Reformer und Revolutionäre.“ Etwas aufgeblasen, aber eigentlich nicht schlecht, verglichen mit der feinen Illusionslosigkeit heute.

Wo ist das bloß hin, dieser Glaube, aus eigener Kraft die Verhältnisse ändern zu können? Bloß nicht anfangen zu lesen, sonst wandern die Schriften zurück ins Regal. Dabei haben sie ihren Zweck erfüllt. Sie haben Menschen angeregt und verändert, auch wenn „die Verhältnisse“ nun auf gehobenem Niveau noch fester gezurrt und auswegloser erscheinen.

Ich muss das nun abstoßen. Mancher ehemalige Volltreffer erweist sich als Blähung des Augenblicks, heiße Luft, traurige Tropen. Die großen Momente sind zusammen geschnurrt; die Luft unter den Flügeln, der Schwung, der Sog, der Auftrieb, den sie bescherten, sitzen als feiner Staub auf den Schnittkanten. Bevor der Antiquar den einen oder anderen Titel in sein Schaufenster und nicht in die Grabbelkiste stellt, müssen noch ein paar Jahre vergehen.

Einiges wird wieder auftauchen, mitgeschwemmt auf einer Nostalgiewelle oder als Rettungsanker neu entdeckt. Die Ratlosigkeit wächst und damit auch die Suche nach Schlupflöchern, nach inner- oder außerweltlichen Angelpunkten, nach dem, was ungreifbar und doch haltbar ist und außerdem – stete Hoffnung – Schmerzvermeidung verspricht. Ob man aufhört, zu horten und zu kaufen, „müllfähig“ wird, wenn man sich zutraut, Schmerzen zu ertragen? Im Moment sind die Erkenntnisse Währung von gestern, außer Kraft getreten wie der Hirschgulden in der Novelle von Hauff oder das Aluminiumgeld der DDR.

Der Stapel mit „Nationalsozialismus“ ist klein. Diese Phase ist noch ganz nah und wird wohl so schnell nicht enden. Was schon im Flur liegt, ist mit schlechtem Gewissen ausgesucht: „Widerstand und Verfolgung in Singen und Umgebung, „Krankenmord 1940 in Grafeneck“, „Dokumente zur Gleichschaltung in Hamburg 1933“, Erinnerungen von Verfolgten und Überlebenden. Die Buchdeckel sperren sich, eingelegte Zeitungsausschnitte, Rezensionen, Sonderdrucke. Ich höre die Mahnung: „Das darf nicht vergessen werden.“ Trotzdem werde ich die Sachen morgen einpacken. Die neue Wohnung ist einfach zu klein.

„Repressiv ist also eine Gesellschaft, in der die durch den Stand der Produktivkräfte objektiv mögliche Befriedigung von Bedürfnissen durch Herrschaftsinteressen in ihr verhindert wird“, schreibt Hans Peter Dreitzel in seinem Buch „Die gesellschaftlichen Leiden und das Leiden an der Gesellschaft“, 1968. Das Bändchen liegt zuunterst im Stapel Marxismus und Arbeiterbewegung. Diese Bestände habe ich schon früher durchforstet. Es ist aber noch viel übrig. Die Jahre vor und nach 1970 waren überreich an theoretischen Hervorbringungen – „Theorie-Produktion“. Damals wäre ich gerne in die Wissenschaft gegangen. Von den Universitäten ging etwas Neues aus. Ich wollte dazu gehören, Teil „der Bewegung“ sein. Mein Berufsleben lag noch vor mir.

Heute kann ich mit den Büchern und der Sprache, in der sie verfasst sind, nichts mehr anfangen. Was daran war so faszinierend? Aufbewahren, um mich zu erinnern, wer ich damals war? Geht das überhaupt? Der Versuch, sich auf den Kopf zu gucken, führt meist zu neuen Legenden, Blasenbildung im Gehirn. Manchmal erwischt es einen allerdings doch. Damals hieß das „Ideologiekritik“. Zuerst wurden ihr die anderen unterworfen, dann musste man selbst dran glauben.

Morgen, wenn ich dem Antiquar die Bücher auf den Tisch lege, ist das Schlimmste vorbei. Ich nehme keines mehr einzeln in die Hand, sondern hole sie zu dreien und vieren aus dem Karton. Auch der Antiquar wird sie wie etwas Gleichgültiges behandeln. Für ein Taschenbuch ’ne Mark , für Hardcover zwei bis fünf. Heute schrieb mir ein entfernt Vertrauter: „Ich glaube, der tiefste Antrieb in jedem Menschen, auch wenn aller Anschein dagegen spricht, ist: Sich selbst loszuwerden.“

Ersterscheinung: DIE ZEIT Nr. 51, 11. Dezember 1992, Modernes Leben, S. 91

Text: Dörte von Westernhagen

Foto: pixabay – donwhite 84

Abdruck mit Genehmigung der Autorin … Diese Gedanken haben kein Quäntchen an Aktualität eingebüßt! Oder?
Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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2 Gedanken zu „Morgen kommt das alles zum Antiquar – von Dörte von Westernhagen

    1. Kann es sein, liebe Renate, dass Dich auch dieser Artikel zu Deiner Entrümpelungsaktion animiert hat? Du erzähltest ja, dass die Beschreibung meines Selbstcoaching im Büro dazu beigetragen hat … An meine Bücher wage ich mich allerdings noch nicht.

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