
Vor fünf Jahren habe ich hier über den norwegischen Autor Arthur Omre geschrieben, der unbedingt übersetzt werden müsste. Und darüber, dass die Verlage das offenbar nicht begriffen. Und ich endete mit: „Verlage, meldet euch!“ Danach vergaß ich den armen Omre und sein Werk, weil so viel anderes passierte, doch dann, ganz unerwartet, meldete sich ein Verlag. Und zwar der wunderbare Schweizer Krause Verlag! Ich kannte ihn vom Namen her, sie machen vor allem schöne Kinderbücher, unter anderem norwegische Kinderbuchklassiker! Sie hatten den Blog gelesen – und erst jetzt geht mir auf, dass ich nicht weiß, warum eigentlich – haben Sie nach Omre gesucht, oder war es ein Zufall, sie sind über den Blog gestolpert und haben gedacht: „Omre? Interessant, müssen wir uns mal ankucken.“ Egal, ich will es gar nicht wissen, ich finde, es war ein Fingerzeig des Schicksals, und jedenfalls, der Krause Verlag fragte an, ob ich denn den Omre übersetzen wollte. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie meine Antwort ausfiel …
Es ist ja klar, dass mit „Schmuggler“ angefangen werden muss, das war schließlich sein erster Roman. Es ist ein ungeheuer temporeiches Buch, der Ich-Erzähler erlebt so viel, macht Karriere als Schmuggler, landet im Knast, will nie mehr im Knast landen, kriegt keinen Job, weil er ja aus dem Knast kommt, schmuggelt weiter, versteckt sich vor der Polizei … ganz nebenbei ist er auch noch unglücklich verliebt, und wie es ausgeht, wird nicht verraten. Omre wird oft „Norwegens Jack London“ genannt, aber ich hatte – bei aller Liebe zu Jack London – beim Übersetzen immer wieder den Eindruck, dass „Norwegens B. Traven“ vom Stil her passender wäre – wenn da nicht Missverständnisse auftreten könnten, denn B. Traven war, wie inzwischen von seinen Biographen auf niederschmetternde Weise belegt worden ist, ein übler Antisemit, und in solcher Gesellschaft wollen wir unseren Arthur Omre doch wirklich nicht sehen.

Wenn man so liest „Schmugglerroman“, erwartet man vielleicht ein Buch voller Slang und Anspielungen? Aber so ist das nicht. Omre, der verkrachte Sohn aus gebildetem Hause, schreibt ein klares, konservatives und grammatisch korrektes Norwegisch, allerdings durchsetzt mit Wörtern, die es eben nur bei den norwegischen Alkoholschmugglern gab. Was bedeutet, dass das Übersetzen eben doch nicht so leicht war, wie das mit dem „klar, konservativ, korrekt“ anzudeuten scheint. Woher die passenden Wörter nehmen? Klar wurde auch in Deutschland Schnaps geschmuggelt, von meiner Großmutter und ihren Schwestern nach 1918 über die deutsch-niederländische Grenze, zum Beispiel, aber nie in so großem Stil wie in Norwegen, und ein entsprechendes Vokabular konnte sich nicht entwickeln. Rat in solchen Fällen bieten die Geheimsprachen der wandernden Höker, die sich ganz normal zu unterhalten schienen, wenn sie irgendwo in einer Wirtschaft saßen, so dass die braven Bürgersleute am Nachbartisch nicht ahnten, dass hier gerade geplant wurde, wie man sie ein bisschen betrügen konnte. Und dafür gibt es Wörterbücher! Es ist ein schönes Erlebnis, wenn jemand, der die Übersetzung probegelesen hat, sagt: „Das ist aber ein grandioses Wort, wo hast du das gefunden?“, und unsereine endlich dieses seit dem Studium angehäufte Spezialwissen vorführen kann. Nein, hier wird nicht verraten, um welche Wörter es geht, lest selbst, dann werdet ihr sie finden. Oder auch nicht, das ist ja das Schöne an Geheimsprachen. Am Lesevergnügen, was Omre angeht, ändert es nichts, ob man sie findet oder nicht.
Und, wichtig, vor fünf Jahren habe ich auch seine Erzählung „Aal in Curry“ erwähnt, die in Norwegen allgemein bekannt ist – und nun, ebenfalls in diesem Jahr, wird sie in deutscher Übersetzung (von Sophia Wulffert) vorliegen, und zwar in dem Buch „Die spannendsten Geschichten aus Norwegen“. 2026 ist also sozusagen ein Omre-Jahr, und das zeigt doch, das endlich gut wird, was lange währt, und dass so ein Blogbeitrag umwerfende Folgen haben kann. Und es hat wirklich lange gewährt! Denn, was ich vor fünf Jahren noch nicht wusste: Schon kurz nach Erscheinen von „Schmuggler“ in Norwegen zeigten deutsche Verlage Interesse an dem spannenden neuen Autor, es gab wohl zumindest schon eine Teilübersetzung. Jedoch, so Omres norwegischer Verleger Harald Grieg in einem Brief an den Literaturagenten, der das Buch vermittelt hatte: „Das Ergebnis war, dass Omre nach einiger Zeit einen persönlichen Brief von Dr. Göbbels (sic) erhielt, da … diese Art von Literatur im Dritten Reich nicht erwünscht sei.“ Und das ist doch wirklich ein hohes und absolut verdientes Lob!
Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

