Manchmal hilft es, einfach vierzig zu werden

Irgendwie kam das Ende meiner Schulzeit für mich überraschend. Natürlich war mir nicht entgangen, dass meine Mitschüler und Mitschülerinnen angefangen hatten, Zukunftspläne zu schmieden, doch für mich war die Abiturzeit ein Schlaraffenland. Man gebe mir ein Buch und eine Fragestellung und lasse mich einige Stunden lang damit in Ruhe. Da ich keine Ahnung hatte, was man mit der Inselbegabung „Lesen und Schreiben“ anfangen konnte und die Berufsberatung meiner Eltern sich auf den Ratschlag „warm, trocken und im Sitzen“ beschränkte, verbannte ich das Leben jenseits des Klassenzimmers kurzerhand aus meinen Gedanken. Doch es half nichts, es kam trotzdem. Und ich schlingerte von Tag eins.
„Lesen und schreiben“, „warm, trocken und im Sitzen“, was sollte das anderes sein als Rechtsanwaltsfachgehilfin? Da ich während meiner zweiwöchigen Laufbahn innerhalb dieses Berufsfeldes zu keiner anderen Einsicht gelangt war als der, dass das Abtippen von Anwaltsschreiben abgesehen vom bloßen „Zu-Papier-Bringen“ nichts mit literarischer Textproduktion zu tun hat, reifte in mir der Entschluss, mich auf die Krücken der Genetik zu stützen und der Familientradition folgend Tischlerin zu werden. Recht schnell begriff ich, dass Finger und Schultern wie meine nicht zum Handtieren mit ungehobelten Bohlen geschaffen sind. Noch während meiner Ausbildung begann ich daher in Hamburg ein Studium der Biologie, denn Zellen hatte ich in der Schule immer gern gezeichnet und „warm, trocken und im Sitzen“ würde zumindest eine Zeit lang auch für diesen Sektor gelten. Außerdem hatte die Universität „Klassenzimmer“, ich befand mich somit wieder auf sicherem Terrain. Allerdings war mir der nicht unerhebliche Teil Chemie entgangen, den die Biologie umfasst. Um es kurz zu machen, nach zwei Semestern stand ich so ratlos da wie zuvor, mit nichts als meiner Inselbegabung im Gepäck, von der ich nicht einmal sicher wusste, ob sie überhaupt als eine solche zu bezeichnen war.
In der Zwischenzeit jedoch hatte meine Cousine, ihrerzeit Weltreisende, mich zu meinem ersten Auslandsurlaub mitgenommen. Nach einer scheußlichen Nacht auf See breitete sich ein neues Universum vor mir aus. Der Eindruck, den Norwegen auf mich machte, ist vielleicht eher zu verstehen, wenn man berücksichtigt, dass ich bis zum Alter von neunzehn Jahren kaum je unser Dorf verlassen hatte. Zwar war ich mit Karl May gereist, doch etwas in meinen Augen so grundlegend anderes wie Norwegen mit seinen Holzhäusern und dem fremden Klang der Sprache – nicht nur der Worte, sondern vor allem der Melodie – war überwältigend.
Zurück in Hamburg stellte ich fest, dass es an der Universität eine skandinavische Fakultät gab – und dass Übersetzerin ein Beruf war, der „warm, trocken, im Sitzen“ sowie „Lesen und Schreiben“ vereinte. Das Semester war gerade zu Ende und ich sattelte um! Die Vorfreude in jenen Sommerferien war unbeschreiblich. Mein Höhenflug endete allerdings bereits bei der Willkommensveranstaltung. Beim Anblick der Menge an neuen Studenten zementierte sich das Gesicht des Professors in schlechter Laune. Was wir denn alle hier wollten, es gäbe nicht genug Arbeit für Skandinavisten, der Markt sei gesättigt, wir mögen doch bitte etwas Anständiges lernen wie BWL. Ich weiß nicht, wie es den anderen ging, aber ich glaubte ihm. Studierte fertig, wurde DaF-Lehrerin und stellte bis auf Fachliteratur das Lesen ein. Lesen und schreiben gibt es nicht für mich, schien das Leben mir zu sagen.
Nur einmal hatte es während des Studiums ein leises Aufleuchten gegeben. Eine gewisse Gabriele Haefs hatte ein Übersetzungsseminar angeboten, an dem ich teilnahm und das ich nie vergessen konnte. So hätte es also sein können. Doch die Erinnerung tat vor allem weh.
So blieb es.
Und dann wurde ich vierzig
Der Zauber der Vierzig ist, dass das Leben einem bis dahin schon einiges beigebracht hat. Unter anderem, dass es nur maximal drei Optionen gibt: Entweder es wird schlimmer, es bleibt, wie es ist, oder es wird besser.
Und so geschah es an einem sonnigen Sonntagmorgen, dass ich an Gabriele dachte und mich fragte, was wohl aus ihr geworden sei und ob sie noch übersetze oder auf BWL hat umschulen müssen. Kaum gedacht, fand ich sie bei Facebook und schrieb ihr ein paar Zeilen, um wenige Augenblicke später senkrecht im Bett zu sitzen und entgeistert auf mein Handy zu starren. „Wie wunderbar, dass du damals in meinem Seminar warst. Wenn ich einmal etwas habe, woran du mitübersetzen kannst, melde ich mich bei dir.“
Und so wurde es.
Ein Jahr darauf stand ein Buch in meinem Regal, „Eine ganz gewöhnliche Fliege und andere heitere Erzählungen“, ausgerechnet von Knut Hamsun, ausgerechnet bei Reclam erschienen! Und unter all den großen Namen der Übersetzerinnen stand auch meiner.
Vierzig werden hat geholfen.
Hilfe bekommen hat geholfen.
Hilfe annehmen hat geholfen.
Dem Leben glauben hat geholfen.
Und dem Leben vertrauen.
Heute arbeite ich warm, trocken und im Sitzen. Und jeden Tag kribbeln meine Finger vor Glück. Es gab immer nur Plan A und es wird immer nur Plan A geben. Offensichtlich ist es wirklich nie zu spät. Danke, liebes Glück.
Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

Oh, ich liebe es. Ich liebe, wie Evy schreibt. Alles, was sie sagt, ist wie Gold in meinem Leben. Sie ist ein ganz besonderer Mensch und eine Frau, die den Mut hat, wirklich hin zu sehen.
Das merkt man in ihren Texten.
Es ist wundervoll geschrieben, ich gehe davon aus, warm, trocken und im sitzen 😀
Zauberhaft und jetzt habe ich auch keine Angst vor der 41 😉