Weihnachtsmann 2.0 – eine Weihnachtsgeschichte von Christel Hildebrandt

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Christel Hildebrandt – Foto © E. Drolshagen

Das weiß doch jeder: Der Weihnachtsmann wohnt hoch oben im Norden, tief versteckt in den Wäldern. Und er wohnt dort nicht allein, nein, sondern mit seiner Frau und vielen Kindern. Denn es ist ziemlich einsam dort oben. Besonders im Sommer. Gut, zur Arbeit kommen die Wichtel aus ihren Höhlen gekrochen, aber sonst?

Doch keine Sorge, inzwischen ist auch beim Weihnachtsmann die moderne Zeit angekommen, nicht nur mit fließend Wasser und Strom. Endlich müssen keine schweren Eimer mehr geschleppt, kein Schnee im Winter aufgetaut werden. Endlich dient das flackernde Kerzenlicht nur noch für die romantische Stimmung und endlich, endlich gibt es vernünftiges Arbeitslicht.

Auch die Holzarbeiten sind dadurch deutlich einfacher geworden, wie schnell ist nicht ein Schlitten produziert dank moderner Maschinen. Und es gibt auch keine verbrannten Plätzchen mehr dank des modernen Herdes – alle Pfefferkuchenmänner und -frauen rollen dankbar mit ihren Mandelaugen.

Ja, und noch etwas hat sich verändert. Plötzlich ist es nicht mehr der Weihnachtsmann, der allen Wichteln mit Rat und Tat zur Seite steht und aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz gute Ratschläge verkündet. Nein, jetzt sind es plötzlich seine Kinder, die dank Internet die neuesten Tricks und Kniffe beim Werken kennen und gern zeigen. Auch die Bestellungen kommen nicht mehr mühsam mit erschöpften Rentieren an der Weihnachtsmannhütte an, jetzt genügt ein Klick, und schon kann der Wunschzettel zeitgleich aus dem entlegensten Örtchen in den Norden geschickt werden. Doch, alle sind äußerst zufrieden mit den Errungenschaften der modernen Zeit. Alle, oder trügt der Schein nur?

Sehen wir uns mal die vorwitzige Weihnachtsmanntochter Eline an. Ihr genügt es nicht, die Wunschzettel aus dem Internet auszudrucken, zu sortieren und an die einzelnen Wichtelwerkstätten weiterzugeben. Eline hat in einigen schlaflosen Nächten (die dank der Heizung auch nicht mehr so kalt sind wie früher) noch ganz andere Funktionen im Internet entdeckt. Und jetzt chattet sie voller Eifer mit einem Jungen aus Hamburg, Deutschland. (Dass alle Mitglieder der Weihnachtsmannfamilie natürlich alle Sprachen können, ist doch wohl allgemein bekannt, oder? Wie sollten sie sonst die vielen Wunschzettel aus aller Welt lesen können?)

Michael heißt er, geht noch zur Schule und wird demnächst Abitur machen, und sieht wirklich nicht schlecht aus. Spannende Informationen für Eline, die sie aber sogleich vor ein Problem stellen: Was soll sie von sich erzählen? Sagt sie die Wahrheit, läuft sie sicher Gefahr, ihren Chatpartner zu verlieren, denn er hat betont, dass er sich sehr für die Naturwissenschaften interessiert und mit diesem Gefühlsgedöns nichts am Hut hat. Da hat er garantiert keinen Sinn für eine romantische Werkstatt des Weihnachtsmanns in den finnischen Wäldern.

Na gut, dann ist Eline also ein Mädchen aus Helsinki, zufällig hat sie Deutsch in der Schule als Nebenkurs gewählt, bereitet sich auch gerade aufs Abitur vor und interessiert sich für Flora und Fauna ihres Heimatlandes. So ist immerhin ein Fünkchen Wahrheit in ihrer Selbstdarstellung.

Mikael ist total begeistert von ihr, er will immer mehr von ihr wissen, und natürlich vor allem ein Foto sehen. Ach du mein Schreck. Aber es gibt ja Photoshop, das hat Eline auch schon rausbekommen. Schnell also die rote Zipfelmütze abgenommen, die Zöpfe geöffnet, ein modischer Pullover hineinretuschiert und als Hintergrund nicht die alte Waldhütte, sondern eine offene Seenlandschaft, noch mit einigen seltenen Moos- und Flechtenarten vor ihren Füßen. Zufrieden postet Eline das Bild und bekommt auch gleich ein neues von Mikael zurück. Auf dem Sportplatz, in Fußballkleidung, und mit einem großen Lächeln im Gesicht.

Christmas-time @ pixabay.de-lucida (Alias von Evelyn Kuttig)

Seufzend klappt Eline für diese Nacht den Laptop zu, so ein hübscher Junge, und so unerreichbar. Da bleibt ihr zunächst einmal nur das Träumen. Aber sie ist fest entschlossen, es nicht dabei zu belassen. Schließlich kann sie nicht ewig in dieser verstaubten Waldhütte versauern und Hamburg? Ja, vielleicht sollte sie mal vorschlagen, einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt dort zu organisieren, denn auch der Weihnachtsmann muss ja wohl mit der Zeit gehen. Und wenn sie da zufällig Michael träfe … mit einem verklärten Lächeln und einem tiefen Seufzer schläft Eline ein.

Währenddessen will auch die Frau des Weihnachtsmanns, Greta, einmal diese neue Errungenschaft ausprobieren. Schließlich obliegt es immer noch ihr, sich um die Weihnachtsplätzchen zu kümmern, jeder zaghafte Versuch, einmal über die Geschlechterrollen mit ihrem Gatten zu diskutieren, stellte sich als vergeblich heraus. Nein, was Tradition war und ist, das soll auch weiterhin Tradition bleiben. Na, zumindest dürfen die Töchter ab und zu auch mal in die Holzwerkstatt, aber immer misstrauisch beäugt von dem Herrn Papa.

Greta klappt den Laptop auf, das Passwort hat sie schnell gefunden, so einfallsreich ist der Weihnachtsmann nun auch nicht. Stand es doch dick auf der Schreibunterlage notiert. Lächerlich – „Tannenbaum“. So, mal sehen, was es so an neuen Trends bei den Plätzchen gibt. Doch die Ausbeute ist so verwirrend wie enttäuschend. Richtige Knaller sind nicht darunter, entweder es wird auf die ach so schöne Tradition verwiesen, oder die Rezepte sind so kompliziert, dass sie nicht vor dem neuen Jahr damit fertig wäre. Also schaut sie noch mal weiter, unter „Kontakte“, aber nur hier in der Gegend, in der Fremde, das wäre ihr zu unheimlich. Und es ist doch gar nicht so schlecht zu wissen, wer denn hier in der Nähe lebt und auch das Internet entdeckt hat. Sieh mal an, da ist ein Per, ein Förster und Jäger, der wohnt gar nicht so weit entfernt. Mmh, er möchte gern Kontakt mit einer „attraktiven, bodenständigen Frau so um die 50 haben, mit der man Pferdestehlen, den Sonnenuntergang betrachten und auch gern mal ins Kino gehen kann. Sie soll den Cocktail im Abendkleid genauso genießen können wie einen Ausflug in den Wald in Jeans und Gummistiefeln. Foto dringend erwünscht“.

Klingt ja gar nicht so übel. Und ein bisschen Kontakt nach draußen wäre ja auch nicht so schlecht. Aber Foto? Nein, dann doch lieber eine Frau, mit der sie vielleicht auch Plätzchenrezepte austauschen kann. Da ist tatsächlich eine: „Unternehmungslustige Mittfünfzigerin sucht Sie, mit der sie neue Abenteuer erleben kann, ob in der Küche, in der Natur oder auf der Luftmatratze. Ich bin sportlich und neugierig. Wenn du Lust hast, mit mir die Wälder und versteckte Plätze neu zu entdecken, melde dich.“ Ja, das wäre doch nett, zusammen vor dem Kamin zu sitzen und zu stricken oder am Herd zu stehen. Nur die Luftmatratze ist da etwas irritierend. Nein, das wird sie sich lieber noch einmal überlegen.

Außerdem muss sie jetzt dringend ins Bett, morgen früh stehen die Pfefferkuchen auf dem Plan.

Als sie sich ins weiche Daunenbett plumpsen lässt, weckt sie dabei ihren Ehemann auf. Der wundert sich, dass seine Greta so spät noch auf ist, aber nun kann er erst einmal nicht wieder einschlafen, warum also nicht diese neue Technik ausprobieren? Nein, nach eingegangenen Wunschzetteln will er jetzt nicht gucken, das hat Zeit bis morgen, aber sich über den neuesten Stand auf dem Markt der Schlitten und der Rentierzucht zu erkundigen, das müsste doch möglich sein … Seine Tiere sind schon ziemlich betagt, Rudolf hat mal wieder einen Schnupfen und überhaupt, ist das noch ökologisch? Wie viel CO2 stoßen die Tiere eigentlich so aus. Es sollte doch inzwischen auch umweltfreundlichere Alternativen geben.

Als am nächsten Morgen der älteste Sohn Birger nach dem gemeinsamen Frühstück den Laptop öffnet, wundert er sich darüber, wie viele Programme da geöffnet wurden. Chats, Kontakte, Sonderangebote bei ebay und noch einiges mehr. Aber als er in die Runde schaut, blickt er nur in ausdruckslose Gesichter, nein, beteuert seine Mutter mit leicht gerötetem Gesicht, sie wisse doch gar nicht, wie das funktioniere, aber vielleicht könne er ihr mal zeigen, wie man diese merkwürdigen Programme denn wieder schließt …

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:

Ein Gedanke zu „Weihnachtsmann 2.0 – eine Weihnachtsgeschichte von Christel Hildebrandt

  1. Diese Geschichte hat mich doch gleich gefesselt. Vom Weihnachtsmann, bei dem mit Hilfe seiner Kinder die Digitalisierung ihren Einzug gehalten hat. Köstlich!

    Oder wie seht Ihr das, Ihr zahlreichen LeserInnen? Dass hier viele Interessierte aufschlagen, bleibt mir nämlich nicht verborgen 🙂

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