Meine Abenteuer beim Übersetzen, 23: Zum vierten Mal gläserne Übersetzerin

Diesmal jedoch nicht am Hieronymustag, weshalb der Löwe frei hatte, während Christel Hildebrandt und ich nach Lübeck reisten, um bei der Deutschen Auslandsgesellschaft zu Glas zu werden. Die Deutsche Auslandsgesellschaft ist ein wunderbarer Verein, der Deutschkurse und Weiterbildungen veranstaltet für Leute aus den Ostseeanrainerländern, die Deutsch lernen oder lehren oder ihre Deutschkenntnisse auffrischen wollen. Wir wanderten zuerst über den Weihnachtsmarkt, hörten mehr Dänisch und Schwedisch als Deutsch (wobei Schwedisch vor allem bei Niederegger zu hören war, Dänisch aber an den Glühweinständen), und dann erreichten wir das Hoghe Hus, wo die Auslandsgesellschaft beheimatet ist – unten im Haus war noch mehr Weihnachtsmarkt, wir rissen uns aber zusammen und stiegen die Treppen hoch. Und warteten gespannt auf das Publikum, dem wir vorführen sollten, wie Übersetzen geht.

Das deutsche Cover von „Fortellingen om Viga-Ljot og Vigdis“ ist noch nicht verfügbar

Ausgesucht hatten wir den Anfang eines Romans von Sigrid Undset, der nächstes Jahr in Neuübersetzung erscheinen wird. Er spielt im Mittelalter, noch ist Norwegen nicht christianisiert, die alten Götter regieren und die Heldin rächt sich an einem Mann, der ihrer Ehre zu nahegetreten ist, wie keine zweite Frau in der gesamten Weltliteratur.

Der Mann heißt Ljot, wird aber Viga-Ljot genannt, weil er ein kühner Kämpfer ist. Viga ist abgeleitet von einem alten Wort für „Kampf“ (im Althochdeutschen gab es das Wort „wigan“ für „kämpfen“, und es lebt noch in Eigennamen wie Wigbert). Stoff genug für eine interessante Diskussion. Muss das „Viga“ übersetzt werden, wenn ja, wie? Es war, als Undset das Buch schrieb, auch im Norwegischen nicht mehr präsent, nur: Eine norwegische Leserin denkt: Oh, das müßte ich wissen, und informiert sich. Eine deutsche denkt: Wieso ist das nicht übersetzt? und ist sauer.

Aber wir hatten natürlich die Rechnung ohne den archetypischen Mann mittleren Alters gemacht, der mit langen Wortmeldungen brillieren muss, die rein gar nichts mit dem Thema zu tun haben. Dieser hier war ein echtes Prachtstück der Art, Däne, roter Bart, Jacke aus Seehundsfell (echt!). Ob wir „Viga“ nicht mit W schreiben wollten, fragte er. Er hatte mal einen Kollegen, der einige Zeit in Deutschland gelebt hat, und die Frau des Kollegen hieß Eva und wurde Efa ausgesprochen und das hat sie sehr geärgert. Sowas könnten wir vermeiden, wenn wir Wiga schrieben. Das hätte zwar das Problem nicht gelöst, aber das war ihm egal, er schaute sich beifallheischend um. Fast hätten wir darüber übersehen, dass wir noch einen zweiten Archetypen hatten, einen würdigen Greis, der aber neben Seehundsjacke nicht so recht zum Zuge kam. Er wollte wissen, warum Oslo Oslo heißt (falls jemand es angenommen haben sollte: Oslo kommt in dem Buch absolut nicht vor!). Als diese Frage beantwortet war, – weil es an der Mündung des Flusses Lo liegt, os bedeutet Mündung) schwieg er erst einmal, offenbar hatte er eine hübschere Antwort erwartet. Nicht so unser dänischer Freund. Die Rede war nun von Fensal, das ist das Schloss, in das die Göttin Frigg unglücklich Liebende holte, die sich zu Lebzeiten nicht gekriegt haben, damit sie wenigstens nach dem Tode noch zusammenkommen. Eigentlich sehr schön, aber der dänische Archetyp wollte unbedingt von seinem Opa erzählen, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront dabei war, als ein Pferd eine Fensterscheibe eintrat. Niemand konnte Französisch, deshalb versuchten sie es mit dieser Erklärung: „La Pferd, la Steert, la Fensterschief.“ Man soll dem Publikum gegenüber nicht unhöflich sein, auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich irgendwer an der Westfront für zerbrochene Fensterscheiben interessiert hat. Aber ich kannte die Geschichte aus Köln, wo sie über die „Besatzungszeit“ erzählt wird, ganz früher über die Napoleonische, danach über die nach 1920. In der köllschen Version heißt es: „La Peerd, la Fott, la Schief kapott“, und weil das so viel stärker an lyrischer Wucht ist, musste ich das nun doch vorbringen.

Was den Archetypen aber nicht weiter verdross. Er bedankte sich für den schönen Abend und zog seine Seehundsjacke an. Den würdigen Greis hatten wir darüber total aus den Augen verloren.

Lesung im Jussi in Hamburg - Gabriele Haefs und Christel
Lesung im Jussi Krimi-Buch-Café in Hamburg: die Übersetzerinnen Gabriele Haefs mit Buch, daneben Christel Hildebrandt – Foto © privat

Am Abend danach waren Christel und ich in unserer Lieblingsbuchhandlung Jussi in Hamburg und stellten skandinavische Weihnachtsgeschichten vor. Kein Archetyp weit und breit (als Ausgleich für die doppelte Dosis des Vortags?). Die Anwesenden kauften Bücher, vor allem die Weihnachtsgeschichten von Levi Henriksen, und am Ende las Christel eine selbstgeschriebene Geschichte vor. Nun wurde das Publikum aktiv und wollte wissen, warum sie die noch nicht veröffentlicht hätte. Naja, sind noch nicht genug, und für Geschichten einen Verlag finden und so weiter, druckste die Autorin herum. „Aber ein Blog!“, schlug jemand vor. „Du kannst doch auf einem Blog anfangen.“

Hier ist das Blog! (hic salta, wie wir Lateinerinnen so gern sagen), also, demnächst in diesem Theater: Christel Hildebrandt!

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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