Wie aus einer Idee ein Buch wird, 3: Sigrid Boo

Sigrid Boo
Sigrid Boo, 1933

Daß alle, die übersetzen, bestimmte Lieblinge haben, die unbedingt wiederentdeckt oder endlich zum ersten Mal übersetzt werden müßten, ist klar. Daß wir auf eine Autorin stoßen, die eigentlich immer schon da war und uns doch total unbekannt ist, kommt selten vor. Und wenn diese Autorin dann einfach hinreißende Bücher geschrieben hat … ach, das ist himmlisch. So eine Autorin ist Sigrid Boo. Zu ihrer Zeit eine Erfolgsautorin, ein Buch von ihr wurde sogar in Hollywood verfilmt, aber: Vergessen. Oder so gut wie.

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Buchumschlag, 1932

Nachdem ich in einem Antiquariat eine alte deutsche Übersetzung gefunden hatte (Kostenpunkt: 2 €) und in Norwegen auf die Suche ging, stellte es sich heraus: Der Name Sigrid Boo sagt kaum einer etwas. Ihren Roman „Vi som går kjøkkenveien“ von 1930 kennen alle, das aber zumeist nur vom Hörensagen. Das ist das Buch, das in Hollywood verfilmt wurde (1934, als „Servants‘ Entrance“, Regie führte Walt Disney). In Norwegen übrigens auch, unter der Regie von Tancred Ibsen (Enkel des Dichters), und dann noch in Schweden. Auf Deutsch erschien es als „Wir, die wir den Küchenweg gehen“ (was furchtbar schwerfällig klingt) und später nochmal als „Die Diamantenwette“ (klingt viel zu reißerisch). „Küchenweg“ ist auch falsch, richtig wäre doch „Kücheneingang“, es geht um den Alltag von Dienstmädchen, die bei der Herrschaft eben nicht den Vordereingang benutzen dürfen. „Sie schreibt über Liebe, Tuberkulose und Arbeit in schlechtbezahlten Stellungen“, teilt ein norwegisches Lexikon mit. Es ist sicher nicht leicht, dieser Beschreibung zu entnehmen, daß sie schreibt wie eine norwegische Irmgard Keun!

Sigrid Maren Boo wurde 1898 in Oslo geboren (das damals noch Christiania hieß), dort starb sie auch, 1953, wuchs aber in der Hafenstadt Larvik an der Südküste auf. Und Larvik, wenn auch unter immer neuen Decknamen, ist der Schauplatz ihrer Bücher. Die Gesellschaft ist klar durchstrukturiert, ganz oben sind die alten Reederssippen, danach kommen die zugezogenen Kaufmannsfamilien, dann irgendwo der Rest, und ganz unten Hafenarbeiter und Fischer. Und Arbeitslose, denn ihre Bücher spielen in den harten 20er und 30er Jahren. Zwei Generationen vorher lernten Mädchen aus gutem Hause gar nichts Sinnvolles, einzige Rettung, wenn der väterliche Reichtums ins Wanken geriet, war eine Heirat, egal, mit wem (darüber schreibt Amalie Skram, Norwegens wichtigste naturalistische Autorin). Eine Generation vorher lernten sie etwas, für alle Fälle, und gingen meistens ins Büro, hofften aber immer noch auf einen gutverdienenden Mann. Diese Welt kennen wir aus den Büchern von Sigrid Undset, die aber mit nüchternem Blick feststellte: „Ein junges Mädchen, das heutzutage heiraten will, muß eine Familie ernähren können. Alle anderen müssen sich mit einem Liebhaber ab und zu begnügen.“ Die Heldinnen in Sigrid Boos Romanen haben diese Lehre beherzigt und schauen sich tatkräftig nach Liebhabern um. Wenn einer auch noch Geld hat, macht es natürlich nichts: „Wenn ein Mann schwarze Augen und graue Schläfen hat und noch dazu der Chef ist, umgibt ihn etwas eigentümlich Beunruhigendes.“

Hat er das nicht, dafür aber Humor, und zeigt er seinerseits den Willen, sich nicht versorgen zu lassen, sondern scheint zu einer partnerschaftlichen Beziehung fähig, umso besser. So einer ist der fesche Chauffeur im „Küchenweg“. Auch die Tochter der Herrschaft hat ein Auge auf ihn geworfen, aber die ist keine typische Heldin von Sigrid Boo. Die neue Frau der 20er Jahre: Vor norwegischer Kulisse, Fjord und Berge, in der Skihütte erlaubt sich die Heldin einen Augenblick der Schwäche und sinkt an die wattierten Schultern des Juniorchefs, aber natürlich kommt alles ganz anders, denn wir sind hier nicht im Kitschroman, sondern bei der norwegischen Irmgard Keun. Die hoffentlich bald in neuer Übersetzung wieder im Buchladen zu finden sein wird, denn: „Ich blieb vor dem Schaufenster einer Buchhandlung stehen. Das kann man nämlich auch.“

Ein Gastbeitrag zum Thema „Buchherstellung“, Evelyn Kuttig

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