Wie ich zum Buchthema EIGENSINN kam, 2: Übers Bloggen, Älterwerden und Anders-Sein – von Maria Al-Mana

Maria Al-Mana – Foto: © privat

Im Nachhinein ist mir völlig klar: Auch „Das Unruhewerk, älter werden – und sichtbar bleiben“ ist eine höchst eigensinnige Sache von mir. Auf diesem Blog schreibe ich zum Beispiel so was wie: „Diese Seite ist gedacht für … alle, die über Tellerränder, kulturelle Grenzen, dogmatische Zumutungen, Alters- und andere Beschränkungen sehen können und wollen. Die sich nicht scheuen, auch scheinbar Unumgängliches, fest Zementiertes zu hinterfragen statt es grummelnd und mit Bauchschmerzen als gegeben hinzunehmen.“ Ist nur ein Teil der Liste von Menschen, für die ich dort schreiben möchte.

Das Blog war ursprünglich nur als Fingerübung gedacht … Als ich mich als Texthandwerkerin, Lektorin und Schreibcoach wieder selbstständig machen wollte, musste ich erst mal testen: „Wie geht das eigentlich, dieses Bloggen?!“ Das Thema Älterwerden lag nah, denn ich war über 50. Und arbeitslos. Das ist jetzt fünf Jahre her. Die ersten Beiträge schrieb ich, als ich – freie Journalistin, die ich auch noch bin – im eigenen Auftrag über die Frankfurter Buchmesse lief und alle möglichen Menschen fragte: „Wie ist das mit dem Älterwerden?“ Hat Spaß gemacht und zu erstaunlichen Begegnungen geführt. Etwa mit Holger Reichard, einem von zwei Autoren des Buchs „Männer im Klimakterium“. Der saß zufällig neben mir, ich stellte ihm meine wenig strukturierten Fragen. Und siehe da: Das Thema passte!

Im Lauf der Zeit bekam mein das Unruhewerk Struktur … Schwerpunkte sind heute Buchempfehlungen aus dem Umfeld des Älterwerdens, Lebensumbrüche, Arbeitswelt und Älterwerden, Online-Sichtbarkeit von älteren Menschen. Und einiges mehr. Ganz wunderbar: Daraus entwickelte sich ein veritables Netzwerk von Bloggerinnen und Bloggern, als mich ein halbes Jahr später die Grafikerin Uschi Ronnenberg aus Aachen ansprach, mit der ich seither die Plattform blogs50plus gemeinsam betreibe: Sie macht alles „Technische“, ich bin die „Öffentlichkeitsbeauftragte“. Darum porträtiere ich auf dem Unruhewerk auch immer wieder die Bloggerinnen und Blogger unseres Netzwerks. – Wir waren mit blogs50plus neben sieben anderen NetzwerkerInnen als „Menschenvernetzer 2017“ für den Orbanism-Award auf der Frankfurter Buchmesse nominiert. Dieser Preis ist initiiert von Leander Wattig, dem Mann mit dem schon geflügelten „Ich mach was mit Büchern“. Da schloss sich der erste Kreis: Von Buchmesse zu Buchmesse. Vom Älterwerden zur Menschenvernetzerin.

Bloggen! Das bedeutet ja auch: viel und möglichst gut schreiben. Als mir klar wurde, dass ich nicht nur Texthandwerkerin, sondern auch eine Buchhebamme bin, also Menschen in allen Etappen auf ihrem Weg zum eigenen Buch begleiten kann, wusste ich sofort: Wer älter ist und schon einiges erlebt hat, hat auch vieles, worüber er oder sie schreiben kann. Keine großartig neue Erkenntnis, ich weiß. Doch als mir außerdem klar wurde, dass ich immer schon eigensinnige Menschen geliebt habe, wäre es mir äußerst schwergefallen, die allerorten geforderte „Zielgruppenanalyse“ für meine Bücher über den Eigensinn zu erstellen. Alle Menschen können schließlich eigensinnig sein! Ziemlich spät erst wurde mir klar: In der Zielgruppe bewege ich mich doch schon längst! Zumindest gehören viele der bloggenden, älteren Menschen unserer Plattform zu meinen potenziellen Leserinnen und Lesern. Perfekt! Außerdem halte ich viele der Blogs, die dort versammelt sind, für ziemlich eigensinnig … Besser gesagt: Die Menschen dahinter. Etwa die fast 80-jährige Schwedin, die über die Seltsamkeiten ihrer Wahlheimatstadt Berlin bloggt. Oder „Maschas Buch“, ein überaus poetischer Blog einer Frau, die sagt „Farben sind meine besondere Freude“ und auf meine naive Frage, ob das Netzwerken für sie und ihren Blog wichtig sei, antwortete: „Netzwerke?? Hatte ich nie im Leben. Autisten können sich so etwas wohl nicht schaffen.“ Oder die Frau, die ausschließlich über Bücher bloggt, in denen Hunde vorkommen … Nur drei Beispiele von weit über 300 auf blogs50plus.

Im ersten Teil dieser kleinen Beitragsreihe habe ich versucht, die Wahl meines Buchthemas durch das zu beschreiben, was ich tue. Jetzt merke ich, dass ich mich hier aus einer anderen Richtung nähere: Ich versuche zu beschreiben, wie mein Thema mich gefunden hat. Ja: Ich habe mich finden lassen, war quasi „reif“ dafür. Das Thema „Eigensinn“ war schon sichtbar, bevor ich es bemerkt habe: beim Bloggen, bei der Beschäftigung mit dem Älterwerden. Und immer wieder über den Umgang mit Menschen, die anders sind. Ich sehe ständig über alle Tellerränder, weigere mich, alle Dinge in fachspezifische Kleinstgruppen zu unterteilen, Kreativität ist mir extrem wichtig. Ich halte mich sogar für eine Dolmetscherin der Kreativität.

Denen, die anders sind, ist der erste Teil meiner Trilogie des Eigensinns gewidmet. Was ist „anders“? Anders als wer oder was? Die Definition geht meist so: Es gibt eine Regel. Und Ausnahmen. ‚Anders‘ ist dann das, was nicht ‚der Regel‘ entspricht. Was natürlich sehr vieles sein kann. Und höchst individuell ist. Wenn wir aber alle anders sind, wie können wir uns dann noch untereinander verstehen und verständigen?

Das hat mich schon lang umgetrieben. Denn – natürlich: Auch ich bin anders … Habe mich immer so gefühlt. Was kaum ein Wunder ist, wenn man 1960 als Tochter eines Irakers und einer Ostdeutschen in Westdeutschland geboren wird … War damals MEHR als exotisch. Und hat mir schwer zu schaffen gemacht. So schwer, dass ich es bislang noch nie geschafft habe, wirklich darüber zu schreiben. An vielen Stellen fehlen mir da die Worte. (Und wer mich kennt, weiß, dass das eigentlich selten vorkommt …) Die absolute Individualität – die ich immer äußerst hochgehalten habe – wurde an dieser Stelle für mich zum Problem: Wie können wir uns verstehen, wenn die gemeinsame Grundlage fehlt?! Denn in der Weltsicht der meisten Menschen um mich herum kam dieses „Exoten-Gefühl“ schlicht nicht vor. Als Jugendliche habe ich heftigst rebelliert. Als „Mittelalte“ ein wenig resigniert. Und als Älterwerdende kann ich endlich akzeptieren: Ich, meine Geschichte, meine Erfahrungen sind hoch individuell. Wir dürfen das, dürfen sogar stolz darauf sein und davon erzählen. Denn es ist das, was für uns – also: für mich – allein Sinn macht. Das ist weder Nabelschau noch egoistisch, sondern die Grundlage dazu, um sich mit anderen Menschen verständigen zu können. Um zu verstehen.

Nur, wenn wir – jede und jeder für sich – dem Weg unseres Eigensinns folgen und ihn respektieren, können wir uns gegenseitig respektieren. Auch das mag banal klingen. Doch mit Blick etwa auf das Verstehen-Können zwischen Jüngeren und Älteren, Ost- und Westdeutschen, Im-Land-Gebliebenen und Geflüchteten, Gesunden und Kranken wird schnell deutlich, was ich meine: Wir müssen uns unbedingt gegenseitig unsere Geschichten erzählen! Sie sind das Einzige, woran wir uns halten können, was uns Orientierung gibt. Genau das halte ich für dringend notwendig, bevor das „Hörensagen“, diverse Vermutungen und Vorurteile uns unter sich begraben.

Ich bin absolut sicher: Mit dem Eigensinn als Kompass funktioniert das wunderbar: erzählend, schreibend, lesend. Es ist auch noch heilsam. Denn das Erzählen kann dabei helfen, Wunden zu schließen. Ist wissenschaftlich bewiesen.

Ein Beitrag von Maria Al-Mana zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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Evelyn Kuttig

Ich arbeite(te) als Grafikdesignerin, Projektmanagerin, Rechercheurin, Redakteurin und Texterin. – Das Blog enthält Berichte aus meinem Arbeitsalltag und Gastbeiträge aus vielfältigen Arbeitsfeldern, die zur Entstehung von Büchern beitragen. – Auf dem Weg in den Ruhestand, stehe ich mit meinen vielseitigen Kenntnissen und Erfahrungen und psychologischem Gespür gerne weiterhin mit Rat und Tat und Empfehlungen zur Seite.

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