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Deutsche Erstausgabe: „Zweckfreie Kuchenanwendungen“ von Yeoh Jo-Ann

Dieses wunderbare Buch erschien Ende 2022 beim Alfred Kröner Verlag – mit Lesebändchen. Es war das erste Buch von Yeoh Jo Ann und wurde 2019 bei Epigram Books in Singapur veröffentlicht. Die Übersetzerin Gabriele Haefs schenkte es mir im Januar zum Geburtstag.

Ich bin begeistert von den Romanfiguren und ihren Charakteren, muss beim Lesen viel über die Bissigkeit und den Witz in ihren Unterhaltungen lachen. Gekonnt wird das Lebensgefühl und das Denken der Mittelschicht-Generationen in Singapur nahegebracht, die Spannbreite zwischen Überlieferung und Umbruch.
Die Hauptrolle spielt die Generation Y, und Speisen – insbesondere der Genuss von Kuchen und Süßspeisen – haben einen tiefen Sinn. Die Sprache ist nonchalant und Gesellschaftskritik ist skurril verpackt.
Für mich entsteht beim Lesen eine Nähe, die die Welt schrumpfen lässt und in der Singapur gleich um die Ecke liegt, obwohl meine Vergangenheit und Prägungen so anders waren und der Altersunterschied hoch ist.
Erhellend ist das umfängliche Glossar. Und überhaupt hat die Übersetzerin, die mit vielen lesenswerten Beiträgen auf meinem Blog vertreten ist, Großartiges vollbracht. Also frage ich sie mal nach Einzelheiten 😉

 

Klappentext zur Autorin und zur Übersetzerin

Gabriele, ich weiß ja, Du übersetzt viel irische Literatur für den Kröner Verlag. Von dieser Sprache weicht dieses Buch nun ja vollständig ab – „Singapur-Englisch“ mit Malayisch – oder? Was hat Dich zustimmen lassen?

Die irische Literatur, die ich übersetze, ist ja vor allem auf Irisch, das ist also was ganz anderes. Die Sprache im Buch von Yeoh Jo-Ann ist eigentlich sehr korrektes, konservatives Englisch, Queen’s English (vielleicht jetzt King’s English), mit eingestreuten malaiischen oder singapurischen Wörtern, die auch im englischen Text auf den ersten Blick fremd wirken, und die deshalb auch nicht übersetzt werden dürfen, das hätte doch das sprachliche Lokalkolorit ruiniert.
Ein Vergleich zum Irischen, in den Büchern von Máirtín Ó Cadhain streuen die Personen ab und zu englische Wörter ein und benutzen die oft auch falsch, und die dürfen dann auch nicht übersetzt werden. Hier haben wir ein Glossar mit all diesen Wörtern gemacht, auf diese Weise ist sowieso klar, was sie bedeuten. Wenn es „richtiges Singlisch“ gewesen wäre, hätte ich mir das nie zugetraut, aber so war es eben korrektes Englisch, wie man es in England kaum noch finden kann. Deshalb hab ich zugesagt, und der Verlag hat mir an einigen Stellen sogar gesagt, ich sollte es jetzt nicht übertreiben mit der korrekten Grammatik.

Das so hilfreiche Glossar sieht nach einem großen Haufen Recherchearbeit aus. Wie gehst Du dabei vor?

Googeln, rumsuchen, rumfragen. Es gibt im Netz sehr gute Wortlisten für die in Singapur üblichen Englischvarianten, oder für die malaiischen Wörter, dann gibt es ja sehr viele Anspielungen auf Literatur – Sukhin ist Englisch-Dozent, darf man nicht vergessen, Shakespeare, Brontë, Dylan Thomas, vieles davon wusste ich ohnehin. Und wichtig ist, wo sich das alles abspielt, aber Stadtpläne von Singapur, Bilder der Schauplätze, das gibt es nun wieder im Netz, das alles ist also viel einfacher als früher, wo man für solche Recherchen Tage in der Unibibliothek rumsaß.

Hast Du Dich über die Autorin Yeoh Jo-Ann schlau gemacht, und hattest Du auch Kontakt mit ihr?

Ich habe vom Verlag Infos über sie bekommen, Interviews gelesen, über den Verlag gab es auch Kontaktleute in Singapur, die wir fragen konnten. Direkten Kontakt hatte ich nicht zu ihr, ich weiß gar nicht mehr, warum nicht – aber meistens sind bei Autor:innen aus englischsprachigen Ländern auch Agenturen dazwischen, man kommt selten an die Leute direkt ran (ganz anders als z.B. bei norwegischen oder irischen AutorIinnen …)

In Singapur wurde ihr Debütroman ausgezeichnet: Epigram Books Fiction Prize, Shortlist Singapure Book Adwards. Seit Oktober 2022 ist er beim Kröner Verlag veröffentlicht.  Zeichnet sich in Deutschland auch eine Erfolgsstory ab?

Ich glaube, das ist noch zu früh, um das zu sagen, und jedenfalls fragst Du da besser den Verlag.
Was ich an diesem Buch auch faszinierend finde, ist, dass es andere Aspekte von Singapur zeigt. Es wirkt von außen alles so perfekt, ordentlich, hohe Strafen fürs Ausspucken auf der Straße, Kaugummi ist verboten (finde ich ja sympathisch), aber sie haben Todesstrafe, Prügelstrafe, Sex unter Männern ist verboten, was nun wieder Dennis im Buch zu einer überraschenden und erfrischenden Person macht. Drachensteigenlassen ist an vielen Orten in Singapur verboten, und da ist es witzig, wie gern die Romanpersonen das tun. Dass es Obdachlosigkeit gibt, und  zwar in so großem Ausmaß, und dass es ja offenbar geduldet wird von den Behörden, hat mich sehr überrascht, das widerspricht absolut dem Bild, das Singapur ja offenbar der Welt zu vermitteln versucht. Insofern war das Buch auch ein riesiger Augenöffner.

Ich werde die Anregung von Gabriele aufnehmen und dem Kröner Verlag diesen Beitrag senden. Mal schauen, ob sich schon abzeichnet, welche Entwicklung die Verbreitung dieses Buchs nimmt. Hier ist der Link zum Buch auf der Verlagsseite.

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig


Ich freue mich, wenn Sie diesen Beitrag weitersagen:
Evelyn Kuttig

Evelyn Kuttig

Ich arbeite(te) als Grafikdesignerin, Projektmanagerin, Rechercheurin, Redakteurin und Texterin. – Das Blog enthält Berichte aus meinem Arbeitsalltag und Gastbeiträge aus vielfältigen Arbeitsfeldern, die zur Entstehung von Büchern beitragen. – Auch im Ruhestand stehe ich Interessierten mit meinen vielseitigen Kenntnissen und Erfahrungen und psychologischem Gespür immer noch gerne mit Rat und Tat und Empfehlungen zur Seite.

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