Zur Erinnerung an Klaus Hagerup (1946–2018)

Klaus Hagerup – Foto © Aschehoug Forlag

Vielleicht ein Zitat, um klarzustellen, mit wem wir es hier zu tun haben? „Wer schreibt heute Bücher wie früher Astrid Lindgren, nur eben modern und viel lustiger?“ Das schrieb eine Jugendjury über einen Roman des norwegischen Autors Klaus Hagerup – der, ehe er zum grandiosen Jugendautor wurde, alles mögliche gemacht hatte: Essays geschrieben, Hörspiele, in einem Film einen versoffenen Handelsvertreter gespielt. Sein erstes Jugendbuch (nicht übersetzt) war ganz schrecklich, es handelte von grauen Männern, die den Leuten die Zeit stehlen, und war unerträglich moralisch und korrekt. „Aber ich habe nie Michael Ende gelesen“, beteuerte er, als er auf die Parallelen zu „Momo“ aufmerksam gemacht wurde. Wozu auch, originell war die Idee ja nicht. Aber dann kam das Buch, das auf Deutsch „Tiefer als der Ozean“ hieß, und alle wussten, hier haben wir ein neues Genie.

Als ich ihn kennenlernte, war das mit der Genialität noch nicht allgemein bekannt. Es ist so lange her, dass es in Oslo noch jedes Jahr eine Buchmesse gab, und da saß ich durch Zufall mit zwei netten Herren in einer Ecke und wir beobachteten, wie Presse und Fans sich um die Stars der Branche scharten, während niemand zu uns auch nur herübersah. „Macht nix“, sagte einer der Herren, „wir kommen auch noch dran.“ Womit er recht hatte, es war Klaus Hagerup, der gerade „Tiefer als der Ozean“ (auf Norwegisch) veröffentlicht hatte. Der andere war Jostein Gaarder, der an dem Buch schrieb, das im Jahr darauf den Titel „Sofies Welt“ bekam. So war das, und seither war Klaus Hagerup eine wirklich wunderbare Bekanntschaft – immer wieder kamen neue Bücher voller Ideen und Überraschungen, jedes war eine große Freude beim Übersetzen. Es waren vor allem Jugendbücher, und nicht alles ist übersetzt (Skandal!), aber es gab auch einen Kriminalroman (auf Deutsch „Letzter Akt“), und drei Romane über einen Mann, der sich als „statischer Mann“ seinen Lebensunterhalt verdient. Also so einer, der silbern geschminkt bewegungslos auf einem Platz steht. Was macht aber so ein statischer Mann, wenn ihn das Schicksal nach Lübeck verschlägt und der Magen plötzlich, während er silbern auf seinem Sockel steht, gegen das viele Marzipan aufbegehrt, das der Held bei Niederegger in sich reingestopft hat? Aber das ganz Besondere waren seine Jugendbücher, in denen es immer auf irgendeine Weise um Freundschaft geht, meistens um Freundschaft zwischen Personen, von denen längst vom Alltag beschlossen worden ist, dass sie überhaupt nicht befreundet sein können. Sie können eben doch, wenn Klaus Hagerup zu sagen hat.
Und irgendwann habe ich mich getraut, eine wichtige Frage zu stellen – ich hatte lange gezögert, denn wie schrecklich wäre es gewesen, wenn er mit „nein“ geantwortet hätte. „Klaus“, sagte ich, „kann es sein, dass du ein Lieblingsbuch hast und immer wieder darauf anspielst?“ – „Ist das so deutlich?“, fragte Klaus, „selbstverständlich hab ich das. Das beste Buch, das je geschrieben worden ist.“ Die Rede war natürlich von „Wind im Mond“ von Eric Linklater. In seinem Roman „Die Kaninchen singen in der Nacht“ deutet er nicht mehr an, er bezieht das Buch ganz offen in die Handlung ein. Damit war alles klar, BFF und so.

Manchmal waren Begegnungen mit Klaus Hagerup wie Szenen aus einem Roman von Klaus Hagerup. Als er in Frankfurt ankam, aus dem Taxi stieg, ausrutschte, sich die Brille zerbrach und das Gesicht zerschnitt. Drei Meter weiter stand ein Krankenwagen, die Besatzung unterbrach ihre Zigarettenpause und fuhr ihn ins Krankenhaus. Am Nachmittag saß Klaus auf der Buchmesse am Stand seines Verlages, total zerschunden und mit blauem Auge, und wenn jemand fragte: „Um Himmels willen, Herr Hagerup, was ist Ihnen denn passiert?“, dann lächelte er traurig und sagte: „Ich wollte einen höheren Vorschuß.“ Irgendwie war auch das Ende wie aus einem Buch von Klaus Hagerup. Im November war ich bei der Verwandtschaft in Belgien, stand im Laden und bunkerte belgischen Käse, als mein Telefon klingelte. Klaus H, sagte das Display, und ich sagte, Klaus, bin gerade in Belgien und unterwegs, ich ruf heute Abend an. Am Abend erzählte er von seiner Krebserkrankung, dass aber alles sehr viel besser sei, er meinte, das wird schon, mir bleiben noch viele Jahre zum Schreiben. Am 20.12. war ich bei der Verwandtschaft in Belgien, stand im Laden und bunkerte belgischen Käse, als mein Telefon klingelte. Aber diesmal war es die Nachricht, dass Klaus Hagerup wenige Stunden zuvor gestorben war. Und dieses Zusammentreffen hätte nur er sich ausdenken können.

Ein paar Buchempfehlungen

erscheint im Februar 2019

Von Klaus Hagerup: Tiefer als der Ozean, Markus und der Karaokekönig, Die Kaninchen singen in der Nacht. Von Klaus Hagerup und Jostein Gaarder: Bibbi Bokkens magische Bibliothek.
Und die vielen anderen Hagerups, die auch schreiben: sie sind alle miteinander verwandt. Auch das eine Empfehlung: Linde Hagerup (seine Nichte): Ein Bruder zu viel, erscheint im Februar 2019 im Gerstenberg Verlag

Ein Beitrag zum Thema „Buchherstellung“, Schwarzaufweiss Evelyn Kuttig

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